Aufräumen 2
Urs Richle
 

 

 

22.1.1999


 

 


Wohnorte sind wie Liebschaften, man verfällt ihnen oder scheut sie, trauert ihnen nach oder sehnt sie herbei, trägt sie mit sich herum wie Bilder aus alten Filmen, und manchmal bleibt ein Foto: Rond-Point de Plainpalais, Genf, Blick vom Dach auf den Boulevard Georges-Favon. Mit Strichen und Zeichen übermalter Asphalt, ein Gestrüpp verknoteter Konnotationen, Assoziationen und Erinnerungen; komplizierte, leidenschaftlich verwinkelte Beziehungen quer durch dunkle Ecken, Treppenhäuser, Keller und Hinterhöfe, verstaubte Möbel und gläserne Fassaden. Ausgetretene, sich wiederholende Wege von Menschen, die sie in steter Regelmässigkeit begehen, sich dabei unmerklich verändern und sich selber zu Zeichen werden.


A. X., 56, portugiesischer Herkunft, geht diesen Weg zum letzten Mal am 6. Mai 1998, leicht zittrig vom vielen Kaffee, den er hastig in sich hineingegossen hat, leicht fröstelnd vom kalten Eisen der geladenen Pistole in der Tasche seines Jacketts. Er besteigt den Bus, den er seit 12 Jahren genommen hat, um zur Arbeit zu fahren, fährt bis zur Endstation, betritt das Büro seines Vorgesetzten ohne anzuklopfen und streckt ihn mit zwei Bauchschüssen nieder. Danach befiehlt er der Sekretärin, die Polizei zu rufen. Er ergibt sich und legt noch im Büro das Geständnis ab. Sein Prozess wird im März 1999 beginnen. Bis dahin bleibt seine Spur wie ein Phantom in unserem Haus. Geräusche eines Nachbarn, die in den Gesprächen der Bewohner widerhallen.