LETZTE DENKMÄLER (Aufräumen 4)
Urs Richle

 

 

 

31.12.1999


 

 

23.1.1999

Eine diesige Nebeldecke zieht sich über die Dächer, kalt nicht nur an den Fingerspitzen, Kragen hochgeklappt, ein Gemisch aus mehreren Weihnachtsliedern, Motorenlärm der Lieferwagen und dem Knirschen der Trambahn in den Ohren, fühle ich mich fast aufgehoben mitten unter den die Strassen hinauf und hinunter flanierenden potentiellen Kunden, irgendwie mitgetragen, vom Strom der Kaufbewegung mitgesogen, und wie im Sommer in der Rhone rudere ich mich von einem Ufer zum andern, erhasche wilde Bildsprachfetzen hinter gepanzerten Glasscheiben, Zischlaute eines heruntergekommenen Dealers, Gitarrenklänge führen zu uniformierten Sängern der Heilsarmee. Über ihnen leuchtet eine metergrosse 9, darüber blinkt ein ebenso grosses J, wo vor noch nicht all zu langer Zeit Zahlen wie 320 oder 212 gestanden haben und die verbleibenden Tage bis zum Tag «J» (wie es hier auf Französisch heisst) in Erinnerung riefen. Das kollektive Rückwärtszählen wird also in neun Tagen ein Ende nehmen und sich hoffentlich ins Vorwärtszählen verwandeln. Ein kleiner Stapel Fotos bleibt zurück aus diesem Jahr, einige Videoaufnahmen, ein paar Notizen davon, was ein fortlaufendes Ende genommen hat. Wie kleine Gedenkstätten stapeln sie sich auf Regalen, in Kisten, in Schränken, Heften, Büchern und inzwischen auch auf dem Netz. Einen letzten Link möchte ich deshalb eingefügt haben, ein letztes Denkmal bevor NULL ebenfalls ein Relikt aus dem letzten Jahrhundert wird: 12 Erdbeeren für Richard Brautigan, zwölf Gedenktafeln, Grabsteine. Wie ein Trauernder wandle ich durch dieses Mausoleum, als wäre die Lektüre seiner Bücher ein Stück gemeinsamen Lebens gewesen. Und während ich von dort aus zu Buroughs, Kafka und Frisch weiter durch die vor sich hin wuchernde Erinnerungsstätte Internet torkle wie durch einen gigantischen Friedhof, tickt vor mir auf dem Schreibtisch ganz leise ein kleiner Grabstein aus Blech und Messing: der Wecker meines Grossvaters.