A 28-Year-Old Man
Urs Richle
 

 

 

13.9.1999


 

 

Ich fand den Zettel in einem Couvert, das auf dem Boden einer mit altem Gerümpel gefüllten Kartonschachtel lag. Der Rest liegt inzwischen im Mülleimer. "A 28-Year-Old Man with a Renal Transplant and Recent Disorientation" steht in einem blassen Blau darauf gedruckt. Es war ein gerahmtes Abschiedsgeschenk von Susan Kealy, einer kanadischen Künstlerin, meiner Studionachbarin an der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart. Das war 1990, im Winter 1991 genauer. Wir haben uns nie wieder gesehen seither. Und mehrere Stunden Internet-Surfen haben zu keinem Hinweis und zu keinem möglichen Kontakt verholfen. Also keine Möglichkeit, hier einen Link einzusetzen, um über Susan, die Leukämie und ihre Arbeit etwas zu zeigen. Ich las diese paar Wörter und küsste die von Chemotherapie und Medikamenten verzehrte Susan zum Abschied auf die Wangen. Ich war sechsundzwanzig und fragte mich, was mir mit 28 widerfahren würde. Das gerahmte "fiktive Zitat", wie ich es mal nenne, habe ich weder in meiner Wohnung in Berlin, noch in Genf, wo ich dann hinzog, je einmal aufgehängt. Lange Zeit blieb es in einem nie richtig ausgeräumten Koffer liegen, dann in einer Umzugskiste, und als ich im Juni 1993 achtundzwanzig wurde, erinnerte ich mich an die paar Wörter, die mir Susan in Stuttgart zum Abschied geschenkt hatte, nahm das gerahmte Zitat wieder hervor und fragte mich, wie es meiner Niere gehe, ob meine Orientierung noch in Ordnung sei. Ich stellte das kleine Sprachbild auf ein Regal, wo es sehr schnell von drückenden Büchern verdrängt wurde. Drei Jahre später habe ich das Blatt aus dem Rahmen herausgelöst und in ein Couvert gesteckt. Den Rahmen brauchte ich damals für das Photo meiner frisch geborenen Tochter. Vor ein paar Tagen fand ich dieses Couvert nun in einer alten Schachtel wieder. Die zwölf Wörter stehen noch immer so da und verweisen auf ein mögliches Leben, und ich stelle mir dessen Verlauf vor in der zunehmenden Unübersichtlichkeit, inmitten der Potenzierung von Chaos, der Verwirrung der Gefühle und der Werte, im freien Fall durch Anhäufung von Fülle. Inzwischen bin ich vierunddreissig, habe zwar noch kein Nierentransplantat, aber zweifle doch zunehmend an meinem Navigationssystem. Ich starre auf diese zwölf Wörter, die mich nun seit über acht Jahren begleiten, eine kleine geordnete Reihe eines verstehbaren Satzes, ein syntaktisches Fenster, durch das frische Luft weht. Fehlt nur der Rahmen. Morgen kaufe ich mir einen.