Netzhocker, Netzflüchter
Georg M. Oswald
 

 

 

13.12.1999



 

 

Ich habe keinen Internetanschluß, sagt der Schriftsteller A, ich habe auch kein Faxgerät.
Der Schriftsteller B bat mich, für seine Anthologie einen Text aus dem Englischen zu übersetzen, er fragte, ob er ihn mir faxen könne. Ich antwortete, den müsse er mir schon mit der Post schicken. Daraufhin hat er sich nicht mehr gemeldet. Ein Schriftsteller, der sich weigert, einen Text mit der Post zu schicken, hat, das steht fest, einen zweifelhaften Charakter. Ein Schriftsteller, der einen Text unbedingt faxen will, ist ein modernistischer Snob. Ich habe den Kontakt zu Schriftsteller B sofort unterbunden.
Der Schriftsteller C hängt den ganzen Tag im Internet. Ich sehe das mit Sorge. Ich schätze seine Bücher. Aber er schreibt derzeit na keinem neuen. Morgens steht er auf und geht hinein, wie er sagt, nämlich ins Netz. Er wählt sich ein und schreibt Unfertiges, Tagebuchartiges. Wenn ich ihn auffordere, endlich seinen Roman, ein ehrgeiziges Projekt, in Angriff zu nehmen, beginnt er von einer Poetik des Vorläufigen zu faseln. Für den Roman sei später noch Zeit, jetzt müsse er herausfinden, wie das sei, im Netz zu schreiben.
Ich besitze keinen Computer, keinen Netzanschluß, und werde mir auch keinen anschaffen, obwohl ich es kurz erwogen habe. Ich habe mich gefragt: welcher Schriftsteller, den ich bewundere, hatte oder hat einen Internetanschluß? Die Antwort lautet: keiner. Das Gefährlichste, was ein Schriftsteller tun kann, für sich selbst und die anderen, ist, die Verbindungen zu kappen, abzuschalten, die Teilnahme zu kündigen, zum – ich verwende einen Begriff aus der Chemie – freien Radikal zu werden.
Soweit der Schriftsteller A.