Ungeduld, Nervosität
Georg M. Oswald
 

 

 

20.9.1999



 

 

Heute ist mein Artikel über Internet und Literatur in der SZ erschienen, der bisher (17.09., 18:53) von meinen Freunden im pool mit Schweigen bedacht wird, was eine Menge Gründe haben kann, denen nachzuspüren ich aber im Augenblick keine Lust habe. Mich interessiert vielmehr, warum ich – im pool – zuletzt immer ungeduldiger wurde. Damit das hier richtig verstanden wird: es geht mir in keiner Weise darum, meine Aussagen in pool, insbesondere meine Forderung nach einem "poetologischen Diskurs", zu relativieren. Ich glaube, dass Projekte wie "Null" und "pool" nur einen Sinn haben, wenn sie diskursiv genutzt werden. Ich habe das bereits in "pool" und in dem erwähnten Artikel begründet und will mich hier nicht wiederholen. Kraussers letzter Eintrag hier in "Null" hat mich jedoch kurz überlegen lassen, ob nicht die von ihm beschriebene "online-addiction" der wahre Grund ist, warum es mir im "pool" nicht mehr schnell genug ging.
Mein Internet-provider stellt seine monatlichen Rechnungen aus, indem er nicht nur die online-Stunden auflistet, sondern, um es plastischer zu machen, auch ungefragt ausrechnet, wie viele Tage, Stunden, Minuten man insgesamt in den letzten 30 Tagen online vor dem Bildschirm war. Wenn ich die Rechnungen der letzten paar Monate durchgehe, stelle ich jedoch fest, dass meine durchschnittliche online-Zeit sich verringert hat. Das kann es also nicht gewesen sein. Vielleicht ist es aber das: Das Herumsuchen in "pool" und "Null" nach Futter, nach Brauchbarem, macht mich nervös. Der technische und zeitliche Aufwand, den ich im Netz betreibe, um selten mehr als literarische Brosamen zu finden, verdriesst mich. Dennoch kann und will ich nicht aufhören weiterzusuchen. Es ist ein ähnlicher Effekt, wie ich ihn von etwas avancierteren PC-games her kenne. Gerade die wachsende Frustration, die ich erlebe, solange es mir nicht gelingt, das nächsthöhere Level zu erreichen, verdammt mich dazu, es weiter und weiter zu probieren – was nach Stunden zu den von Krausser beschriebenen körperlichen Symptomen führt. Der Unterschied besteht aber darin, dass die in diesen Stunden des trial and error unmerklich erworbenen Fähigkeiten mich irgendwann in den Stand setzen, tatsächlich auf das nächsthöhere Level vorzudringen. Dieses Erlebnis ist umso beglückender, je länger die untauglichen Versuche zuvor gedauert haben. Dabei ist es völlig gleichgültig, was der Inhalt des Spieles ist. Wenn es, sagen wir, darum geht, einen Affen auf dem Bildschirm dazu zu bringen, eine Banane vom Baum zu pflücken, was nur durch eine bestimmte Abfolge von Kombinationen und Entscheidungen zu erreichen ist, die alle per Mausklick auszuführen sind, kann die Empfindung, eine wirklich schwierige, ja sogar sinnvolle (!) Aufgabe gelöst zu haben, genauso stark sein, wie etwa nach einer gewonnenen Schachpartie. Meine wachsende Ungeduld, meine steigende Nervosität, beim Betrachten der Internetprojekte "pool" und "Null" resultiert möglicherweise daraus, dass ich nicht sehe, wie – um im Bild zu bleiben – der Affe an die Banane gelangen könnte. Im Ernst, ich glaube tatsächlich, das nächsthöhere Level würde dadurch erreicht werden, dass sich die Autoren von der Vorstellung lösten, hier gehe es darum, Arbeitsproben, Halbprivates, Erlebtes aus dem Literaturbetrieb zum Besten zu geben. Das ist natürlich schon auch interessant, aber viel interessanter noch wäre es, wenn darüberhinaus etwas entstünde, was ich in "pool" poetologischen Diskurs genannt habe. Die Frage ist: Worin besteht der literarische Mehrwert des Schreibens im Netz, wenn das, was in "Null" und "pool" steht, ebensogut in einer Anthologie erscheinen oder auf einer Party gesprochen worden sein könnte. Das soll keineswegs heissen, dass ich alles belanglos finde, was in diesen Foren bisher geschrieben worden ist, aber es hat die gestellte Frage nicht beantwortet.