UHU-Bomber auf Null
Brigitte Oleschinski

 

 

 

12.7.1999


 

 

War da nicht was? In diesem Jahr schwitzen die Armbändchen in der U-Bahn orange, die Jungs haben frisch geschorene Köpfe unter ihren Basecaps, aber weiter die Sonnenbrillen im Nacken, auch die Mädchen noch immer die Frisuren, Haarfarben, bauchfreien Hemdchen wie im letzten Jahr. Wieder ist es heiß, von einem kräftigen Seewind durchpustet, Sommersommersommer, und wir nehmen die andere Richtung, irgendwie raus, weg, Weizenfelder, Sonnenblumen, Alleebäume -
War da nicht was?
Das Jahr, in dem ich vierundvierzig wurde, war das Jahr vor der Jahrtausendwende. Die Welt damals schien hypnotisiert von dem Datum, das sie YK2 schrieb, obwohl niemand, den man einzeln zu fassen bekam, mehr als ein Achselzucken dafür aufbrachte: Wie, danach? Danach ist das nächste Jahr, was sonst. Aber wer in den Medien steckte oder im Marketing, wer Kultur betrieb oder Politik oder sonst einen öffentlichen Sektor besetzte, bastelte garantiert an einem Projekt, an dem die beiden Nullen des kommenden Jahrtausends klebten. Ich natürlich auch. Wir hatten ein eigenes Wort dafür: Internet-Anthologie.
Vom Mädchen, das auszog, das Fürchten zu lernen.
Aus Anne kroch Laura, oder löste sich von ihr ab wie im Fernsehen weiland das Lenor-Gewissen, ein Geschöpf, dem plötzlich die Männer nachstarrten, derselbe Umriß noch, nur die Kurven endlich fertig, der Babyspeck verschwunden, die Haare ein schimmernder Wasserfall den Rücken hinab.
Alleebäume. Sonnenblumen.
Vielleicht war es noch Anne, die sich die enge Treppe hinabzwängte, fremde Körper überall, anliegende Hemden, verschwitzte Gerüche, in ein vom Stroboskoplicht zerflackertes Gewölbe, in dem der Soul alle Poren öffnete, Trixi hinter sich und sie beide, höchstens vierzehn, im Schlepptau von wem?, aber dann war es Laura, die am Ende der Treppe einschmolz in das Pochen und Wiegen, die Luft aus Sex, Baß und Dope, Laura in ihrem ersten gekauften Mini-Kleid. - Dasselbe, in dem sie ein paar Tage später aus der anfahrenden Straßenbahn poppte wie ein Gummiball (eher: wie zwei Gummibälle), auf einen Piquéstoff gedruckte Schlieren in Türkis und Giftgrün, weil sie draußen Moudi wiedererkannt hatte.
Trixi, an ihr zerrend, mit in Zeitlupe gehackten Bewegungen: Los, komm, du hast ihn geküßt, jetzt verschwinden wir!
Moudi aus Kamerun. Er arbeitete bei Ford, verstand sie mit ihrem Viertel- Französisch, den drei Brocken Englisch. Zu ihrer Verabredung trug er ein weißes Hemd mit langem Kragen, ein breit kariertes Jackett, dunkle Schlaghosen. Laura fühlte sich kosmopolitisch und in.
Unsere eigenen Farbtöpfe: grün und golden für die Augendeckel, lila Schatten, Wimperntusche.
War da nicht -? Richtig, wir hatten Krieg. Die Debatte im Feuilleton, "die führenden Intellektuellen Europas", jetzt als Buch, das Haltbarkeitsdatum hastig überstempelt. Ich kann die Emphase noch spüren, dieses innere Aufrauschen, Wir, Verantwortung, Generation, Geschichte, das in wilden Gesprächen noch einmal die Reflexe des halben Jahrhunderts kurzschloß, Zisch, Plopp, aus. Nicht, als ob die herbeigehexten Besen jetzt nicht Eimer schleppten wie verrückt, überschwappende Balkan-Initiativen, Balkan-Beauftragte, Balkan-Kulturprogramme. Während die großen Elchschaufeln schon wieder Seids gewesen! dröhnen, es wummert orange, klebt, schwitzt.
Trixi wurde bei Woolworth mit einem Lippenstift im Ärmel erwischt, Laura überstand drei Sommer in zwei T-Shirts, die sie bei Karstadt klaute.
Es war wieder Anne, die beim Abendessen von Moudi sprach, davon, daß sie ihn am Rudolfplatz erkannt habe und aus der anfahrenden Bahn gesprungen sei. Meine Eltern blickten entsetzt: Was denkt der jetzt von dir! - Nicht von mir, hätte Anne sagen können. Von Laura.
Vierundvierzig Alleebäume, Sonnenblumen, dann und wann ein Massengrab.
Aus Laura kroch Wanda. To be continued.