"Trinken von schwarzer Milch morgens?"
Brigitte Oleschinski

 

 

 

17.5.1999


 

 

Nachrede zum PEN-Kongreß in Bremen

Das Beunruhigendste ist eine seltsame Belebung des Denkens, der Gespräche, der Ansprüche, so, als werde derzeit der politische Raum neu erfunden, das Politische neu ins Gesellschaftliche übersetzt. Nicht im PEN-Zentrum Deutschland, um dieses Mißverständnis gleich zu kappen. Im offiziellen PEN geht es weiter wie immer, nach den kleindeutschen Regeln der Appellationsrhetorik, Vereinspolitik, Weltgeistvertretung. Nein, das Beunruhigende artikuliert sich woanders, es bewegt sich in einer unklaren Schicht zwischen Verstörung und Aufleuchten der vielsträhnigen Diskurse, die wir schon seit langem nur noch im Bewußtsein ihrer Nutzlosigkeit führen, ihrer Beliebigkeit. Aber wie beliebig sind sie?
Vielleicht weiß es der Hausschlüssel von Ali Podrimja. Podrimja, einer der wichtigsten albanischen Lyriker aus dem Kosovo, hält ihn einen Augenblick hoch, während seine Sätze stolpernd ins Deutsche übertragen werden. Die Improvisation ringt darum, Celan zu zitieren. "Bitte", fragt uns der Übersetzer: "Was kann heißen: Trinken von schwarzer Milch morgens?" Podrimja hat die Art von Flucht hinter sich, die die Fernsehsender allabendlich von den Grenzen um das Kosovo übertragen. Aber das, was er uns in Bremen davon zu erzählen versucht, scheint in diesem Moment nur der serbische Autor Bora Cosic zu begreifen. Cosic, früher in Belgrad lebend und seit sieben Jahren im Exil, wiederholt es ein paar Tage später in Berlin: "Podrimja hat uns berichtet, wie sein Land wie von einem Beil zerhackt wird, Menschen, Häuser, Bibliotheken, Museen, eine ganze Kultur, ein ganzes Volk wird von Milosevics Truppen zerhackt." Der Schlüssel ist alles, was von Podrimjas Haus übriggeblieben ist.
Cosic hat begriffen, wovon Podrimja sprach, aber er hat den PEN-Zuhörern in Bremen auch angesehen, daß sie eben dieses Begreifen nicht begreifen wollten. Denn je weniger sie begreifen, desto gewisser sind sie sich ihrer angejahrten öffentlichen Gesten. Die auch dort wieder verteidigt wurden, als dürften nicht auch deutsche Schriftsteller allmählich nach etwas Angemessenerem suchen als diesen Worthülsen-Resolutionen oder den ewigen Verschwörungstheorien, die sich nicht einmal die Mühe des fact finding für eine noch so krude Beweisführung machen.
Da hockten wir, ein paar Dutzend Ungleichzeitigkeiten, im schöngeschnitzten Bremer Ratssaal, und jeder von uns bediente eine andere unsichtbare Maschine, deren Umrisse und Funktionsweise die Umsitzenden allenfalls argwöhnen können, denn wir sehen nur die Handbewegungen. Sie nehmen sich seltsam aus, zänkisch und weltfremd in einem, und seltsam beengt sitzen wir auch in diesem weiträumigen Saal, in dem wir uns voreinander auf dieselbe Sprache berufen, dieselbe Profession, dieselbe Geschichte, obwohl wir darüber sonst bis ins Genre, die Syntax, die Silben hinein unterschiedliche Welten behaupten: unterschiedliche Erlebniswelten, Geschmackskulturen, Kunstbegriffe. Wodurch sich die Dinge im Alltag unschätzbar vereinfachen, denn was verbände hierzulande einen - sagen wir: TV-Drehbuchautor mit einem Germanistikprofessor, einem Gewerkschaftsjournalisten oder einer Lyrikerin? Doch vor allem die Freiheit, das Werken und Wirken der anderen nicht zur Kenntnis zu nehmen. Das Aufblättern der Verschiedenheiten entlastet uns von den meisten Entscheidungen, auch wenn wir den einen oder anderen Meinungsintellektuellen hätscheln. Denn die politische Infrastruktur überlassen wir getrost den Funktionären und Berufspolitikern, solange wir in der globalisierten Ökonomie immer noch auf den besseren Plätzen sitzen.
Aber nun ist seit Wochen um das Kosovo ein echter Krieg im Gange, zu dem wir als Staatsangehörige?, Steuerzahler?, Bürger des Gemeinwesens? irgendwie beitragen - "irgendwie", denn schon darüber können wir uns kaum einigen: wer da überhaupt bombt, "wir" oder "die Deutschen" oder "die NATO", und gegen wen: das Milosevic-Regime in Belgrad?, seine mörderischen Einsatzgruppen im Kosovo?, das souveräne (Rest-)Jugoslawien?, oder weshalb und wofür: "Nie wieder Srebrenica!", die Rückkehr der Vertriebenen, die westliche Wertegemeinschaft im gesamteuropäischen Haus, den Triumph der UCK oder die Internationale der Waffentechnik -, deshalb fühlen wir uns jetzt von unserem Gewissen genötigt, vor der Geschichte verpflichtet, von den Medien belauert (als seien wir die nicht selbst!), dazu eine gemeinsame Haltung zu bekunden. Oder sie wenigstens zu diskutieren. Womit natürlich nicht "gemeinsames Nachdenken" gemeint ist, sondern ein rhetorischer Schlagabtausch, bis jeder seine eigene kleine Maschine in Gang gesetzt hat, die unsichtbar gegen den Weltgeist rempelt. Bist du eine NATO-Marionette?, kann so eine Handbewegung fragen, oder: Wer erfindet die Greuel der Vertreibungen?, oder: Deutschland bricht den dritten Weltkrieg vom Zaun! Weshalb doch das Fernsehen die Unterhaltung abschalten soll!, und während ich mich noch darüber entsetze, wie denn an sovielen Schultern beidseits nur abgeschabte linke Ärmel fuchteln können, einer ost, einer west, SAG MIR WO DU STEHST (woanders, bloß woanders!!), werden diese drei Stimmen aufs Podium gezerrt, die auch ich unbedingt dort hören wollte.
Wen, wenn nicht diese, die einen Aspekt von Europa beschreiben, der für uns nach wie vor im toten Winkel liegt: Ali Podrimja also, Bora Cosic und den kroatischen Verleger Nenad Popovic, selbst wenn man ihnen auf diesem Podium kaum einen Platz anbietet, ihren Übersetzern kein Mikrophon, und doch war plötzlich im Raum das Malmen einer ganz anderen Maschine zu vernehmen, deren Knochenknirschen und Explosionsgeräusche sich in keinen Satz mehr einfügen, einfach die unfaßbare Realität derer, die die Vertreibung, die Massaker, den Krieg wirklich erleben, weil sie selbst oder ihre Angehörigen, ihre Freunde und ihre Nachbarn dem allen unmittelbar ausgesetzt sind. Oder daran beteiligt.
Ich sage nun schon eine Weile "wir", während ich gerade das gar nicht meine, das PEN-"Wir" nicht, das deutsche oder NATO-"Wir" nicht, nicht einmal das utopische Intellektuellen- oder Künstler-"Wir", das wir eben in Bremen in einem sogenannten Initiativantrag beschworen haben. Ich sage "wir", weil ich mir seit einer Weile vormache, ich hätte vergessen, was ich über die Politik solcher Foren und Podien weiß, oder schlimmer noch: ich hielte dies für eine Situation, in der dafür andere Gesetze gelten müßten, schlichtes Zuhören zum Beispiel, intellektuelle Aufrichtigkeit oder wenigstens Ansätze für die synergetische Suche nach Lösungen, zu denen der eigene Beitrag sich abschätzen läßt.
Gibt es überhaupt einen Beitrag, den ausgerechnet Schriftsteller leisten können? Wie immer er aussehen könnte, gemessen an der Verschiedenheit der literarischen Zugriffe: Gar nicht wenige haben in Bremen diesen Gedanken unterstützt, ohne ihn platt ins Resolutionäre zu wenden. "Literatur und Dichtung sind nicht automatisch für die Vermitt-lung guter Absichten zuständig", heißt es in besagtem Initiativantrag, "weil nichts und niemand verbindlich festlegen kann, wie Dichtung im öffentlichen Raum tatsächlich spricht: ob als Wissen und Gewissen, ob als Gesang oder Schrei, als Stocken, Schweigen, Skepsis." Wie notwendig vor allem die Skepsis ist, belegt gerade für die Entwicklung in Jugoslawien das verhängnisvolle Manifest der serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste von 1986, das chauvinistische Hetzparolen mit Geschichtsmythen unterfüttert und damit einem Milosevic erst das rhetorische Rüstzeug zur Freisetzung und Instrumentalisierung von sogenann-ten ethnischen Konflikten bereitgestellt hat.
Aber aus dieser neuen Realität, die der Krieg nun sichtbar macht, flackern doch plötzlich auch schräge, verwirrende Fragen nach jener Nutzlosigkeit der Intellektuellen, in der wir uns hierzulande recht bequem eingerichtet haben. Es sind Fragen danach, ob wir nicht eben als Schriftsteller, Künstler und Intellektuelle in diesem überwiegend so reichen, föderalen, multinationalen Europa über Ressourcen verfügen, die wir uns kaum bewußt machen. Nahezu überall arbeitet das dichte und in sich so widersprüchliche Netz kultureller Institutionen, konzeptioneller Energien und ästhetischer Praxis, das wir nicht zu Unrecht für ein Indiz funktionierender Zivilgesellschaften halten. Ist es denn wirklich undenkbar, daß sich daraus auch Impulse für ein Ende dieses Krieges und für den Wiederaufbau der südosteuropäischen Region "nach Milosevic" entwickeln lassen?
Das ist von meiner Seite eine offene Frage, eher eine Irritation und eine Zumutung als eine realitätsgewisse These. Ich richte sie hier an die Autorinnen und Autoren, die sich davon angesprochen fühlen, nicht an die, die aus guten oder schlechten Gründen ihre schöpferische Einsamkeit, ihre geniale Monomanie, ihre rein ästhetischen Zweifel oder einfach ihre Unlust verteidigen möchten. Was sie vielleicht deshalb tun, weil zu den Schlüsseln in ihren Taschen noch ein Arbeitszimmer paßt.