UHU-Bomber (to be continued)
Brigitte Oleschinski

 

 

 

19.4.1999


 

 

Das ratlose, nervöse Nachdenken darüber, wie wir denn den Frieden genutzt haben, solange er funktionierte – Solange er hier funktionierte..., sagt schon, ehe daraus überhaupt ein Satz werden kann, eine von Millionen Stimmen aus den Medienfenstern, und eine andere zählt – in Englisch, in Französisch, in Persisch oder Afghanisch oder Tibetisch – die Kriege der letzten fünfzig Jahre auf, die globalen Waffenverkäufe, die weltweite Ausbeutung, die Vernichtung natürlicher Ressourcen – Nicken, Stocken, was heißt also Frieden oder dann plötzlich Krieg, während hier alles immer weitergeht, die Kastanienblüte geht weiter, die Dusche funktioniert, der Computer, das Telefon, der Fernseher funktioniert, bei Karstadt öffnet die Lebensmittelabteilung (WIR BAUEN FÜR SIE UM), die Reform der europäischen Agrarpolitik geht weiter, die Atomwaffentests in Indien und Pakistan gehen weiter, Salman Rushdie kommt ins Haus der Kulturen der Welt, neue Sicherheitsmängel nebenan auf der Kanzleramtsbaustelle, das Einstein-Forum konferiert über GENETIK UND GENEALOGIE, der Verkehrsminister legt den ersten Fahrradbericht vor, jetzt morgens den Apfel-, den Kastanienschaum von den Bäumen rasieren, jetzt jeden Muskel einzeln mit Glyzerin bereiben –

Das ratlose, nervöse Herumtelefonieren. Die eigenen Meinungen, wie sie mitten im Satz wechseln, das Mißtrauen gegen alle offiziellen Informationen und noch mehr gegen Untergrundnachrichten, Greuelgeschichten, für Unsummen herumgebotene Videoschnipsel. Keiner Seite zugeschlagen werden wollen, keiner Fahne, keiner Ethnie, keiner Partei. – Nicken, Stocken: das Privileg der Dichtung. – Aha. Was denn – fragen wir also die Zeithistorikerin – als erstes aufhören muß: die Bombardierungen, die Vertreibungen, wenigstens die Abschiebung der Flüchtlinge aus der vorherigen Runde? – Nicken, Stocken. Zu wenige Sprachen sprechen, zu wenige Zugänge zu brauchbaren Institutionen. P.E.N.-Mitglied, du lieber Himmel.

Dann ein Zögern von Tag zu Tag, weil durch die Nachrichtensendungen, Sonderberichterstattungen, Pressekonferenzen beharrlich dieser UHU-Geruch zieht, ich sehe wieder die Reihen winziger Farbtöpfe, daumennagelbreite Farbmuster im Deckel, in ihren gleichförmigen Kästen, und ich höre meinen Vater seine sechs-, acht-, zehnjährige Tochter fragen, welche der zwei oder drei Dutzend Grünbraungraunuancen die richtige sei, um, entsprechend der Farbtabelle, mit nadelspitzem Pinsel auf eine haarfeine Verstrebung getupft zu werden. Er war farbenblind oder zumindest farbschwach, konnte Rot- und Grüntöne, Türkis und Orange, Violett und Oliv nicht voneinander unterscheiden. Manchmal half ich ihm, die Tiegelchen nach der gerade benötigten Skala zu ordnen, englische Graubraungrüns, amerikanische Graubraungrüns, japanische Graubraungrüns.

Wunderbare Idee ..., dachte ich doch, als vor Monaten Hettche anrief und das NULL-Projekt skizzierte, ... hätte ich mir nicht besser ausdenken können ... (warum beim Loben bescheiden sein), und dann stellte sich in meinem Kopf sofort ein Bild davon ein, keine Sternkarte allerdings, sondern aus der BerlinBerlin-Ausstellung eine Installation von Sarah Sze. Sie machte damals in etlichen Besprechungen Furore, etwas hauptsächlich aus Streichhölzern Zusammengeklebtes und -gefitztes, wie jemand schrieb, Streichhölzern, die in Ranken, Verstrebungen, biegsamen Leitern in einer Atelierecke zur Decke hinaufkletterten, wobei die glasigen UHU-Ummantelungen auf den ersten Blick an Eisschichten auf Winterästen erinnerten, die Glühbirnchen und Spiegelscherben und ein Springbrunnen im Tauchsiederformat jedoch eher an ein tropisches Gewächshaus (aber kann das UHU gewesen sein, wenn der durchdringende Geruch fehlte?). Der Raum dazu fünf, sechs Meter hoch, eins der Ateliers im Gebäuderest der Akademie am Pariser Platz, die Wände seit dem Mauerfall ein paarmal nachgestrichen, lachsrosa zuletzt, aber die Farbe platzte schon wieder ab, weil oben in der Decke einzelne Segmente der bemoosten Drahtglasfenster offenstehen für Witterung und Feuchtigkeit. Da hinein verschwanden die kletternden Streichholzranken und das, was sie mit sich führten, Alltagsflitter und kleine Abfälle, in die Ranken gehängt wie Christbaumschmuck, Wäscheklammern, Ohrenstäbchen, Korken und Kronkorken, Plastikdeckel, Dosennippel ..., und anderswo krallten sich schon ein paar Ableger fest, einer davon über dem grünen Leuchtkasten des Notausgangsschilds. Es gab die sachten Geräusche, die oben ein kleiner Ventilator machte und unten der Springbrunnen, das ganze Gebilde zitterte ein bißchen, hielt sich aber in all seinen Ästchen, Verstrebungen, Verzweigungen im Gleichgewicht, so wie die Syntax einen langen, auch überlangen Satz im Gleichgewicht halten kann. Mir kam es vor wie eine vollkommen einsichtige Syntax der Schwerkraft, die das Zufällige und Zusammengespülte dieses Kleinkrams in eine verständliche Formel brachte, und zwar im Raum wie in der Zeit, ließ sich dem Geranke doch auch eine chronologische Struktur zuschreiben, wie es da von einer Verstrebung zur nächsten wuchs, immer entlang dieser Syntax. - Das ganze erschien mir jedenfalls - und darin erzeugte es einen Anfall von auktorialer Zuversicht und Gesellungsfreude, der mit den realen Netzbedingungen wenig gemein hat - als perfektes Abbildung der Art und Weise, wie Gespräche funktionieren, die sich in den Mäandern von langjährigen Freundschaften entwickeln: aus Treffen und Briefen, Klatsch, Streit, Trost, gemeinsamen Unternehmungen, Schweigeperioden, Neuanfängen und Querverbindungen. So daß ich vermutlich von Anfang an weniger an Literatur und Texte dachte, sondern automatisch an Briefe, d.h. an Auszüge aus den realen Briefwechseln, auch wenn sie sich längst nicht alle im Netz abspielen oder auf den NULL-Kontext begrenzen.

Und deutsche Graubraungrüns, natürlich. Die Farben durften nicht lange offenstehen, weil sie dann eindickten und Fäden zogen. Bei uns bildete der Krieg die Mitte aller Familiengeschichten, die (auf vielfaches Betteln) immer wieder erzählt wurden, Hunger, Ersatz, gefallene Onkel. Wie wir Bucheckern sammelten, um daraus Mehl zu machen. Die mit verkehrten Stoffbahnen verlängerten Kleider auf den Fotos. Zöpfe, Uniformen. Die Evakuierung. Bunker. Lazarette. Brandbomben, die das Dach über dem schrägen Zimmer weggefetzt hatten, in dem inzwischen ich lebte, Lichtjahre danach. Mein größtes Problem war, aus diesen Geschichten irgendwie auf die richtige Seite zu kommen, dahin, wo Anne Frank über den Geruch des Pißeimers im Versteck schrieb, über die Geräusche nachts, an denen sie in der Enge des Hinterhauses jeden einzelnen Benutzer erkannte. Ihr Hinterhausversteck in der Prinsengracht ... – das S im Wort sah falsch aus, so, als sollte es wie Grinsen gesprochen werden, stimmhaft. Ich lag allein in meinem Zimmer und hörte durch die dünne Sperrholzwand meinen Vater, der heraufgekommen war, um im Nebenzimmer die Betten aufzudecken, den Wecker zu stellen (ein Dutzend knarzender Umdrehungen), während er unablässig seine kleinen Laute ausstieß, ein unverständliches Silbengemurmel, in das sich kurze Ausrufe mischten, die wie Widerspruch klangen, wie Argument und Gegenargument. Dieses stimmhafte S ... – als ich jünger war, trieb ich ihn damit zur Verzweiflung, daß ich die stimmlosen Laute im Wort Prinzessin nicht herausbrachte, weder ts noch ßß, sondern im rheinischen Kindertonfall nur immer ein weiches Prin-se-sin wiederholte. Darüber war ich natürlich hinaus, über das Rheinische ebenso wie über die Prinzessinnen. Mit dreizehn wünschte ich mir mein Deutsch so neutral wie möglich, eine europäische Standardsprache in den späten Sechzigern, ohne jeden Anklang an die Wochenschau-Stimmen aus den dreißiger und vierziger Jahren, wie wir sie aus den Lehrfilmen in der Schule kannten. Eigentlich war ich gar keine Deutsche, ich hatte einen holländischen Urgroßvater, einen saarländischen (also fast schon französischen) Großvater und einen polnischen Namen. Daß Anne Frank ihre ins Nachbarland geflüchteten Erwachsenen zwang, im Versteck nur noch holländisch zu sprechen, leuchtete mir ein.