Statement im Literarischen Colloquium Berlin, 'Tunnel über der Spree', zum Thema Ästhetik der Netzliteratur.

Elke Naters/ Sven Lager

 

 

 

20.9.1999



 

 

Elke Naters:

Aktualität ist die Netzqualität schlechthin. Das ist gegenläufig zu einer Literatur, die mit Aktualität nie konfrontiert wird, lange Vorlaufzeit hat bis sie erscheint, was sogar dazu führt, daß man aktuelles Zeitgeschehen versucht zu verhindern, damit die Bücher zeitlos werden und damit nicht veralten.
Die unmittelbare Öffentlichkeit macht den Reiz für Literatur im Netz aus. Neben der Möglichkeit von Kommunikation.
Man kann sich aber nicht bemühen, Literatur ins Netz zu bringen, sondern nur literarische Formen für Netztexte zu finden.
Das ist der Grundgedanke unserer Website "pool" : http://www.ampool.de.
Pool ist ein Versuch, Literatur und Leben zu verbinden. Pool ist eine moderne Netzvariante des literarischen Salons.
Dialog ist möglich. Nicht nur einer kann schreiben, sondern mehrere Autoren können in einen Dialog treten, da man sofort reagieren und antworten kann. Von jedem Ort der Welt aus.
Dadurch ist auch gegenseitige Korrektur möglich, öffentliche Auseinandersetzung über Texte und Inhalte. Genau so wie wechselseitige Anregung und Vergleich.
Da mehrere Autoren gleichzeitig schreiben, muß jeder für sich eine spezifische Form und einen Ton finden, an denen er erkannt wird.
Da sich Texte am Bildschirm schlecht lesen lassen und die Zeit den Internetbesucher (noch) Geld kostet und deshalb knapp ist, müssen die Texte kurz sein und leicht lesbar. Die Sprache einfach und klar.
Diese Kurztexte müssen deshalb umso stärker mit Sprache, Ton und Form arbeiten. Darin liegt die literarische Qualität der Texte.
Im Buch liest es sich besser als am Bildschirm. Diesen Nachteil müssen die Texte ausgleichen, indem sie sich die Vorteile des Mediums Internet zu Nutze machen.
Text im Netz wird nicht für die Ewigkeit geschrieben. Der Aktuelle Text verdrängt den "alten" Text. Der letzte Text gilt. Flexibilität ist gefragt. Jeder Text ein Reagieren auf Text und Leben.
Da das Netz die größtmögliche Aktualität bietet, die Texte erreichen können, erfordert die Thematik ein aktuelles Zeitgeschehen. Um Leser halten zu können, müssen ständig aktuelle Texte erscheinen.
Das setzt voraus, daß der Autor seinen Text ohne Vermittler unmittelbar ins Netz stellt.
Wir laden zu Pool ein, aber wir redigieren keinen Text. Die Eingeladenen sind Schriftsteller und Künstler, die ihr Fähigkeiten schon ausserhalb des Netzes bewiesen haben. Wir werden aber auch Teilnehmer einladen, die über das Netz zu uns kommen, zum Beispiel über die Seite 'pool für alle', die wir loop genannt haben und die für jeden zugänglich ist.
Eine andere nicht unwesentliche Seite von Pool ist auch der Versuch, interdisziplinär zu arbeiten, was nicht nur eine Anforderung des neuen Mediums ist, sondern auch der Wunsch, zeitgenössische Kunstformen als gleichwertig zu betrachten.

Sven Lager:

Literatur ist eine wichtige Information, sie ist gebündelte Information. Von Hubert Fichte stammt der schöne Satz, daß die Literatur der Entwicklung der systematischen Wissenschaft vorausgreift. Dieser Satz hat mich schon in frühen Jahren sehr beeindruckt. Mit ihm verschwand das Missverständnis, das die Literatur in den Bibliotheken unter Belletristik führt. Schöngeistigkeit ist keine gute Grundlage für Informationen. Literatur ist also, das ist meine Schlussfolgerung aus Hubert Fichtes Erkenntnis, im idealen Falle die visionäre Bündelung von Informationen.
Der tatsächliche Muff aber der Schöngeistigkeit, der der Literatur anhaftet, dann das lange Warten auf das Erscheinen unserer Bücher und das trotzdem immer weiter schreiben wollen, dasein wollen, der Wunsch als Schriftsteller den Prozess des Schreibens öffentlich machen zu können, all das brachte uns auf die Idee zu pool.
Jedes Bewußtsein sucht sich sein Medium, wie Burkhard Spinnen es uns gestern sehr schön in Erinnerung gerufen hat, und das Medium Buch, dem der lange Weg über das Lektorat und die Herstellung zu eigen ist, eignet sich wegen dieser langen Zeitspanne auch hervorragend für die Losgelöstheit vom Tagesaktuellen, die sehr wichtig ist für den Schriftsteller, für jeden Künstler, um das Zeitgeschehen in einem größeren Rahmen zu erfassen und verarbeiten zu können.
Das kann zu einer aussergewöhnlichen Klarheit führen, einer Erhabenheit über das Vergängliche, aber es führt auch nicht selten zu den unvermeidlichen Fehlern der Isolation, den Irrtümern und der Lächerlichkeit einer leblosen Sprachfindung.
Das ist der Grund bei unserem Projekt pool zu sagen: Das ist nicht Literatur.
Nichts gegen die Literatur im Netz. Ich lese gerne Auszüge aus Büchern, literarische Texte, die im Netz verfügbar gemacht werden. Aber das gehört für mich zu einer Art Service, zu einem Informationsservice, weil diese Form von Text immer noch auf das Buch hinzielt.
Gestern Abend als wir noch mit dem Blick auf den Wannsee den übrigens sehr guten Wein tranken, war er plötzlich sehr klar in meinem Kopf, der Satz: Wir wollen uns im pool der Literatur nicht verweigern, im Gegenteil, wir wollen sie nullen, Platz machen, eben UM uns ihr wieder anzunähern, nicht für, sondern IN diesem neuen Medium.

Ich möchte ein paar kurze Textbeispiel aus dem pool anführen, die einige der Möglichkeiten im Netz zu schreiben gut umreissen.

*** pool/archiv/juli 4
(die beiden folgenden Texte sind der Anschaulichkeit des Vortrags wegen leicht gekürzt)

'.. Wer hat Sie denn gezwungen, Schriftsteller zu sein, Herr Oswald? War da einer, der Sie dazu gezwungen hat? War nicht? Ach so. Warum geht es IHNEN denn, Herr Schriftsteller? Nicht um den "eigentlichen" Text, nicht um den "nächsten Roman"? Ja, blöd. Ja, komisch. Ich hätte geschworen, Sie sitzen gerade an Ihrem vierten Roman. Ihnen liegt mehr so das Beiläufige, das lässig und nebenbei Rausgetippste, the easy way of work? Sie "ringen" nicht? Das finde ich schick. Das finde ich ganz toll. So liest es sich dann leider auch oft.
Mir geht dieser ganze borniert gepflegte Schreiber-Minderwertigkeitskomplex derartig auf den Sack, die DOOFE Eckensteher-Wimp-Pose überhaupt, daß wir mit der Literatur, der "eigentlichen" nichts zu tun hätten. Wieso eigentlich nicht? SIE schreiben doch, Herr Oswald. SIE sind der Schriftsteller. SIE schreiben die Bücher. SIE veröffentlich LITERATURRR im Feuilleton der SZ unter KUNSCHT-Photos von Martin Fengel. SIE schreiben im Pool. Ist alles nicht so gemeint? Wieso eigentlich nicht? Ihr Leser, ich zum Beispiel, finde das alles: NUR großartig, die RICHTIGE Entscheidung. Also Schultern nach hinten und die Brust raus, Herr Schriftsteller!
Haltung! Ich mag nur Schreiber, die es GROSS finden, Schreiber zu sein. ...'
Moritz von Uslar München, - 28.07.99 at 18:24:39

Lieber Herr von Uslar,
...
Ihr Gejammere darüber, daß Ihnen vor dem Bildschirm nichts einfällt und sie sich deshalb totrauchen müssen, hat mich in diesem Sinn sehr gelangweilt, denn es ist eben nichts weiter als jenes Autorenposing, das lediglich den "Dichter" als leidende Figur zelebriert, der sich für seine Schreiberei oder wasauchimmer ohne Sinn und Verstand aufopfert. Ich finde: Wenn's einer nicht gebacken kriegt, soll er's eben bleiben lassen.
Sie glauben, wenn ich Sie richtig verstehe, zum Schriftstellersein gehöre "der ganze Ich-Wahn", das "Insichgekehrtsein", das "Grüblerische", die "Ignoranz", die "Wehleidigkeit", der "Größenwahn" etc. und das alles müsse raus, raus, raus. Nun, das ist eben das vormoderne Bild des Künstlers als Schmerzensmann, wie es offenbar gegen jeden Wahrheitsgehalt die Zeiten überdauert. Aber ich will Ihnen ein Geheimnis verraten: Die Eigenschaften, die Sie da aufzählen sind die buchstäblich JEDES Menschen, sie haben mit der Schriftstellerei nicht das Geringste zu tun, jedenfalls nicht mehr, als - wieder zu Ihrem Beispiel - dem Bäckereigewerbe.
Georg M. Oswald München, Deutschland - 29.07.99 at 00:02:47

*** loop/vorher 6
Heute ist Frauentag. Ich zähle von drei rückwärts: 3. Eigentlich sollte hier was über die stehen mit der langen Sprungschanzennase, die mir mindestens dreißig Sekunden in die Augen geguckt hat und von der ich mir gewünscht habe, sie hätte anstelle ihrer Riemchensandalen spitze silberne Schuhe an. Aber mehr war es dann doch nicht. Schade. 2. Die Schlagzeugerin von "The Bossen". Dieser rotzige Blick. Als der Bassist ein bißchen gepost hat, hat sie ihn mitleidig angelächelt. Sie hat mit Freude an der präzisen Gewalt auf das Schlagzeug eingedroschen und dabei hat sie immer so ein bißchen wahnsinnig die Augen verdreht. Einfach süß. 1. Die Bassistin von "Dead Moon". Wer so cool ist wie die und sich mit Cowboystiefeln über der 501 breitbeinig auf die Bühne stellt, hat es echt geschafft. Wenn sie mit gefletschten Zähnen "Don't play with me" singt, dann ist auf Poesie geschissen. Der Rock'n'Roll rast aus ihren Augen wie ein rotgoldener Blitz. Und wenn sie "Ring of Fire" singt, brennt sie selbst. Sie ist nicht süß und nicht hübsch und nicht verführerisch, sie ist einfach nur schön mit ihrem Echsengesicht und der langen Zunge. Sie könnte jeden unter den Tisch saufen, sie könnte eine Sau mit bloßen Händen und ihren sehnigen Unterarmen erwürgen, sie könnte sich die Haare kämmen. Natürlich. Aber warum sollte sie? Sie ist ein einziges lebendes "Rock on, lovers". 0. Ich. Mir tun die Füße weh, weil ich hohe Schuhe anhatte und ich weiß: es gibt nichts besseres als auf einem Konzert zu sein, wo nur Tätowierte und Langhaarige sind.
Britta Hamburg, und richtig glücklich - 31.08.99 at 01:32:45

Hier ist ein guter Geist unterwegs, der meine Rechtschreibfehler korrigiert. Danke (Geist S.!?).
Britta HH, D - 31.08.99 at 11:35:00

*** pool/archiv/september 1
Mail vom Donnerstag (?) an Elke und Sven:
gut, es geht. das mailen.
Mir geht's aber nicht so gut mit den Verbal-attacken von dieser
München-Tussi Katrin.
Bin mir nicht sicher, ob ich mit so was "umgehen" kann. War von Anfang
an ein Fehler darauf einzugehen. weiß ich, aber ich reg mich über jeden
Scheiß auf. Schon immer. Und ewig.
Mein Anästhestist sagt: Rothaarige neigen dazu während der Operation zu
kollabieren. Neigen halt zu nervlichen Überreaktionen. Netter Mensch,
sagt er während er mir die Wirbelsäule anbohrt und ne ordentliche Ladung
Narkotika reinschießt, um mich anschließend halbseitig gelähmt in den OP
zu schieben. Daß man von dem Zeug zu zittern anfängt, sagte mir keiner.
also rechne ich jeden Moment mit dem Kollaps. Meine Zähne klappern.
Hält bis heute an.
Aber Narben verheilen immer sehr schön bei mir. Quasi photogen.
Hmm, ich schreib' viel lieber an einen Adressaten oder nur für mich als
für eine undefinierbare Masse, die dann mit komischen
Erwartungshaltungen zurückblökt und all ihren Suff, ihre Mißgunst und
schreiende Kinder und Schwiegermütter, zu wenig Sex, zu viel Sex
und-wer-weiß-was an mir ausläßt.
Vielleicht stell' ich den letzten Teil doch in den pool...?
Verführerisches Becken.
Muß viel machen, hab immer noch keinen Computer. Bin gestreßt und bau' Scheiß.
Wirklich, Katrin verdirbt mir die Lust auf pool.
laßt es euch gut gehen, Maike
Maike Wetzel Nirvana, - 05.09.99 at 14:12:22

Liebe Maike Wetzel, wenn Sie das überhaupt noch lesen danke für diesen doch noch hineingestellten Text. Höchste Zeit, daß einmal darüber gesprochen wird, worum es im Pool eigentlich geht. Wenn wir das überhaupt ahnen, und wenn das noch nicht geschehen ist, es täte mir leid, wenn ich es verpaßt hätte.
Sie verstellen sich nicht, so scheint es. Andere tun es sicher. Ihre Kritikerin aus München könnte es vielleicht tun, das weiß ich nicht.
Um es für mich zu sagen: Pool ist eine Komödie der Verwechslungen. Konkret in meinem Fall: Der Eindruck scheint zu entstehen, meine Texte seien autobiographisch, weil sie als eine Art Tagebuch daherkommen und in der 1. Person Singular geschrieben sind. Und so nehmen einige Leser mich wahr als einen Vamp, die Geld und Macht sexy findet und deswegen ein Boxenluder ist.
Das war das netteste Kompliment seit langem. In Wahrheit bin ich ziemlich schüchtern und in Gesellschaft äußerst ungelenk, was dazu führt, daß ich mich auf Festen leider viel zu häufig betrinke. Gesprächspartner dort, die sich aus welchen Gründen auch immer zu meiner Unterhaltung verpflichtet fühlen, sehen zu, daß sie mich irgendwie an einen, der in der Kommandokette niedriger steht, weiterreichen können, um endlich das Weite zu suchen.
Aber auch das könnte eine Verstellung sein. Nichts muß hier so sein, wie es scheint, und das ist das, was mir am Pool so gut gefällt. Offenheit war schon immer die beste Tarnung. Nein. Hinter der vermeintlichen Offenheit verstecken sich immer die kostbarsten, am sorgfältigsten gehüteten Geheimnisse.
Und: was hier als Text steht, ist das, was wir sehen, wenn wir die Lupe unserer selektiven
Wahrnehmung auf unsere Umwelt richten. Um irgendeine Aussage zu treffen. Um zur Unterhaltung beizutragen. In meinem Fall scheint das bislang im weitesten Sinne von "Entertainment" und weniger Sinne von "Austausch" geschehen zu sein.
Aber das kann sich ja noch ändern. Ich gebe nicht auf.
Ich weiß nicht, ob Sie das tröstet. Ich weiß auch gar nicht, ob ich Sie trösten will. Aber wenn Sie das hierläsen und mir antworteten, fände ich das schon schön.
Carmen Samson Berlin, - 05.09.99 at 21:13:24