Inkubation. Für Rainald Goetz
Perikles Monioudis
 

 

 

18.2.1999


 

 

"Man könnte. Aber man kann nicht."
Martin Walser, 'Meßmers Gedanken'


Drei Tage ist es nun her, seit er ihn in der Volksbühne sah; er hatte sich verspätet, zu lange telefoniert mit einer ... überaus herzlichen Unbekannten, die ihm für seine immerhin dem Ende zugehende Wohnungssuche in Prenzlauer Berg ein paar Adressen nannte und von der er über Burkhardt wußte, mit dem er sich zu diesem Deleuze-Techno-Anlaß verabredet hatte, ohne zu wissen, worum es sich handelte und deshalb zunächst dem aufblickenden Matthieu Carriere im Flur begegnete und dann einer scheuen, bloß herumstehenden brünetten jungen Frau mit hochgestecktem Haar, Bildhauerin mit englischen Eltern, die sich von ihm selbst, erkältet, müde, neugierig, ansprechen ließ, als hätte sie auf solches gewartet, und später völlig unerwarteter Weise und mit Freude seiner Lektorin Elisabeth Ruge vom Berlin Verlag und auch dem Lektor Marcel Hartges vom Rowohlt-Verlag; da standen sie im Roten Salon, und Hartges, sie waren eben erst angekommen, fragte, worum es hier ging: und er selbst antwortete - die Worte Burkhardts im Ohr, der, bei Kittler an der HU über Opfertheorien promovierend, mit Hegel im stw in der Manteltasche in asiatische Spielfilme geht, in die Kalkscheune, in den Tresor usw.: "Der Berliner Techno ist hart zur Zeit, schneller dröhnender Bass, fast industrial zu nennen und darüber dieses spitze Scheppern, Zischen" -, Deleuze habe vom künstlichen Körper gesprochen ... den man sich mit Hilfe ... von fremden Schauplätzen ... aneigne; er selbst trat aus dem Roten Salon, und wen sah er plötzlich vor sich, drei Tage ist es nun her: Rainald Goetz.
"Ah, Perikles", sagte Goetz, "ja". Er selbst hatte Goetz eine E-Mail mit dem Inhalt geschickt, daß ein Teil des Stuttgarter Schlosses Solitude, wo er gerade noch wohnte, zur Goetz-Zone erklärt wurde von ihm und von Manuel Karasek, Mitstipendiat und Techno-Maniak, Raver vor dem Herrn, der einzige, mit dem er ins "Prag" gehen konnte, wo sie auch schon mit ... DJane Miss Kittin abfeierten;
"Maid mit langen schwarzen Zöpfen", sagte Karasek, und dann:
"BAM BAM BAM", und dann:
"Zwing' das wahre Geschick - Grönemeyer."
"Afterparty im Stomp", sagte er Karasek, und Karasek nickte, wobei sich ihm die langen schwarzen Haarsträhnen ... radiär ... wieder und wieder um den Kopf legten.
"Meine Rache", sagte er Goetz, "auf deiner Abfall-für-alle-Site konnte man dir nicht antworten."
"Hettche machte den NULL-Versand mit allen E-Mail-Adressen."
"Das geht nicht, das ist klar."
"So wurde meine Adresse ..."
"Ja, ist unlauter, dir zu schreiben so ... aber wie gesagt, meine Rache."
"Bei Abfall-für-alle geht's ja eben ums Ich, um den Einzelnen, das ist nicht ein Diskussionsforum, sondern die Welt durch einen Einzelnen ..."
"Richtig, klar, ja ja ... deshalb auch 'Rache'."
Sie verabschiedeten einander mit Schulterklopfen, Lachen und einer Art Victory-Zeichen; so hatte er selbst sich die Begegnung mit Goetz vorgestellt, er war froh, daß Goetz kein Arschloch ist, im Gegenteil, Goetz zückte sein Notizbuch und streckte es ihm, offen, hin: auf der letzten Seite, oben, stand "Perikles Monioudis, Deutschlandflug"; sie lachten, und er selbst sagte Goetz:
"Ich hasse französische Philosophen", und Goetz lachte auf, es stimmte wirklich, er selbst haßte französische Philosophen und die französische Mode, er selbst trug nur britische, italienische und, mit Vorliebe, deutsche Stoffe, und er schrieb Karasek, mit dem er oft aus "Mix, Cuts & Scratches" rezitierte und deklamierte, eine Karte nach ... Fulda: "Es gibt IHN wirklich, ich habe IHN gesehen." Und er selbst dachte: ich hasse den französischen Fußball, und ich liebe den deutschen, und ich liebe vor allem deutsche Frauen; Karasek mag junge Mädchen mit nassen Rücken zwischen Spaghettiträgern, gepiercte Zungen ... Auf Karaseks Schreibtisch liegen die Titel Borges', Marquez', Goetzens; und auf seinem:
"Inkubation",
"Das Gespräch der drei Gehenden",
"Das Register",
"Cohn & König",
"Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt",
"Verstörung",
"Die Kunst der Gesellschaft",
"Irre" (Anfangssatz: Ich erkannte nichts wieder; Schlußsatz: Ist endlich alles eines, meine Arbeit?),
"Rave" (... - und kam mir in Zeitlupe entgegen; Nein, wir hören nicht auf, so zu leben),
"Celebration" (Es war Ende Juli, und Sven Väth sollte in Tokio spielen; Dadurch entsteht gute Laune).
Goetz ließ ihn an Norbert Niemann denken, schnelles Bairisch, getaktet, aber vielleicht hatte er bloß zuwenig Lesungen in Bayern, als daß er nicht in jedem Bayer gleich den Bayer sah (Moment mal, auch Burkhardt ist Bayer). Er blickte auf seine Schreibmaschine, daneben alles Bücher aus dem Suhrkamp-Verlag in Frankfurt am Main. Ist endlich alles eines, meine Arbeit?, dachte er. Und: BAM BAM BAM, vorsprachlich, außerhalb der Reichweite von Sprache, BAM BAM BAM; Goetz würde niemals BAM BAM BAM ausdeutschen wollen wie andere, Unerfahrene; ein Dichter weiß, daß nicht alles geht, dachte er ... galvanisch: Hendrik Rost, Dichter, "Chatham I-III", und vierfacher und amtierender Deutscher Meister im Bodyboard-Wellenreiten, WM-Teilnehmer kürzlich in Portugal, direkt von der Solitude Stuttgart ans Meer und zurück und dann im März zum Leonce-und-Lena-Preis in Darmstadt, und dann an die Nordsee aufs Brett; eine Journalistin: Schreiben Sie auch Gedichte übers Wellenreiten?, Rost: Das geht nicht, wissen Sie, Sie: Oh, wirklich? Ist endlich alles eines, meine Arbeit?
Er selbst: Die Sportredaktion der Neuen Zürcher Zeitung, seine Berichte wurden in der Sitzung diskutiert, dabei hatte er sich strikt an den "Sprachindex der Sportredaktion der Neuen Zürcher Zeitung" gehalten, Spezialitäten hat er ja nicht nötig, dennoch, "Was schreibt der da eigentlich?", er saß auf den Pressetribünen der Fußballstadien und verfolgte Spiele, redete dann in den Umkleideräumen mit halbnackten Profis, gefaßten Trainern, fand Worte für das Spiel und die Spieler, "Das ist zu hoch!", Grönemeyer: "Den Schneid geschenkt" - zu hoch!, "gegebenenfalls beträchtliche Genugtuung" - zu hoch!, dann schrieb er halt wieder einmal übers Boxen, der Schulz-Kampf damals, für den "Tagesspiegel", er schaute in der Ausgabe nach, im Sportteil - nicht zu finden, seltsam, ach, hier ist der Text ja, im Feuilleton!; er wartet noch immer darauf, daß die "Zeit" eine Sportberichterstattung im deutschsprachigen Raum einführt, die sich absetzt ... aber im Moment schreibt er ohnehin über die Antike.
Die Party geht weiter; läßt sich das Vorsprachliche mit Sprache toppen? Wellenreiten, Fußball, Boxen, Raven ... was ist mit der allseitigen Verbindung dessen. ‹ber die Liebe läßt sich schreiben (worüber sonst?), über Sex ... kaum, nicht? ...
Goetz umkreist die Umkreisung, und die Linien überlagern sich zu dreidimensional wirkenden Bildern. "Dance, whirl, whirl, till the ... day is done", schrieb Langston Hughes vor Jahrzehnten; und würde Goetz fragen, wer ihn begleiten wollte mit dem Notizbuch, wie auch er begleitete mit dem Notizbuch Sven Väth nach Tokio und Westbam ("BAM BAM BAM") nach San Francisco, würde er aufstehen, die Hand heben und sagen:
"Ich, ich!"