Joachim Helfer, SPD, Scharpingschauend
Thomas Meinecke
 

 

 

31.5.1999


 

 

Joachim Helfer, SPD: "...der Nachtzug aus Basel rollt durch Sottrum bei Bremen..." "...zum ersten Mal seit Wochen nicht Mittag für Mittag Pressekonferenzen geschaut, nicht den vor redlicher Empörung überhaupt nicht mehr blassen Rudolf Scharping..."

Scharping ist jetzt fürwahr Mittag für Mittag puterrot. Redliche Empörung hingegen gibt es in meinem Wahnsystem nicht.

Joachim Helfer, SPD: "...hinlänglich bekannte und glaubwürdig verbürgte Zahlen..."

In meinem Wahnsystem nicht denkbar.

Joachim Helfer, SPD: "In einem guten Drama haben alle Figuren recht. Der Balkankrieg aber ist kein gutes Drama, sondern ein Schurkenstück von der miesesten Sorte, in dem wenigstens einer ganz eindeutig unrecht hat und Unrecht tut."

Laut schreie ich seinen Namen aus meiner Gummizelle hinaus: Hans-Dietrich Genscher, FDP.

Joachim Helfer, SPD: "...verläßt auch Thorsten Ahrend, mein Lektor, den Raum." "Beim Wein im Gasthaus Kreuz sitze ich zum ersten Mal allein..." "Könnte kotzen... Ich träume schlecht, sehe immer wieder Thorsten Ahrends breites Kreuz..." "Ich sage Srebrenica und merke, daß er es verdrängt hat – denn gelesen wird er es ja haben." "...bin im linken Frankfurt der Siebziger auch mit Chilenischen Emigranten aufgewachsen." "Spät fällt mir ein, daß er mit einer Vietnamesin lebt, ich dagegen mit einem Sohn deutsch-jüdischer Emigranten." "...das Obszöne an der lauen Reaktion vieler deutscher Autoren: Die berufsbedingte Neigung, persönliche Motive verstehen zu wollen, alles erklären, alles entschuldigen zu wollen (das heißt alles, bis auf das Tun der eigenen Regierung, die man sich so tatenarm und gedankenschwer wünscht, wie man selbst ist...)..."

Könnte so auch in meinem geschlossenen Wahnsystem nicht besser formuliert worden sein: Alles erklären und entschuldigen bis auf das Tun der eigenen Regierung. Danach lebe ich. Und keine Regierung hat mir dies so unabdinglich erscheinen lassen wie die derzeitige.

Joachim Helfer, SPD: "Der Skandal ist, daß wir einen Handke in der hoffentlich nahen Zukunft nach Krieg und Milosevic gebraucht hätten, um Brücken zu den Serben zu bauen, ihnen die Hand zu reichen, sie ins europäische Haus zu holen; daß er sich durch die fahrlässige Beschädigung seiner Integrität untauglich für diese wichtige Aufgabe macht."

Mein Irrenhaus: Helfers europäisches Haus.

Joachim Helfer, SPD: "...Weltgerichtsbarkeit..." "Und natürlich trifft man dabei fast immer die Falschen, Thorsten, ja doch, leider. Wir Deutschen wissen, was Luftangriffe sind, das Gesicht unserer Städte, unsere Eltern und Großeltern erzählen es uns." "Der Zug rollt durch die Nachkriegsviertel am Hamburger Hafen. Wer sich vorstellen kann, wozu Menschen fähig sind, muß hoffen, daß sie daran gehindert werden. Und wenn es Russen und Chinesen nicht paßt, daß sich die NATO zum Weltpolizisten aufschwingt, dann sollen sie gefälligst mithelfen dabei; der Job ist schwer genug."

Ich bin ein Alien. Und werde, nach Adolf Muschg, ins Sprechzimmer gerufen.

Joachim Helfer, SPD: "Lieber Thomas Meinecke, ich hätte allerdings gehofft, daß ein sich selbst dem linken Spektrum Zurechnender den Satz 'Wo Recht zu Unrecht wird...' mit 'wird Widerstand zur Pflicht!' ergänzt."

Befund: Nicht zurechnungsfähig.

Joachim Helfer, SPD: "...meine Hoffnung in Deine Fähigkeit, einen Irrtum zu erkennen."

Umsonst.

Joachim Helfer, SPD: "Jedenfalls stellt er sich gegen die sittlichen Normen der zivilisierten Welt (von der Solidarität unter Publizierenden ... einmal ganz abgesehen...) und befindet sich ... bereits mitten in der totalitären Praxis."

Nämlich in Helfers Vollzugsanstalt.

Joachim Helfer, SPD: "...und versteigst Dich im selben Atemzug zu der Behauptung 'Ich bin gegen den Krieg. Und Du bist eben nicht gegen den Krieg.' Das ist so unterirdisch gemein und demagogisch und selbstgerecht, daß ich die größte Mühe habe, diesen Kommunikationsversuch nicht abzubrechen..."

Ich bin gegen den Krieg. Und Dr. Helfer ist eben nicht gegen den Krieg.

Joachim Helfer, SPD: "Landesverrat habe und hätte ich Dir im Traum nicht vorgeworfen. Sondern den Verrat an den Forderungen der UN-Charta, die Forderungen der Vernunft, der Aufklärung und des simplen Anstands sind. Du hast keinen Anti-Kriegs-Text geschrieben." "Was Du geschrieben hast, ist eine aggressive Anti-NATO-Hetze." "Nicht Liebe zum Frieden spricht aus Deinen Zeilen, sondern Lust an Verschwörungstheorien und brutalste Demagogie. Kleine Kotzprobe gefällig?" "Du liest in Texte hinein und aus Texten heraus, was Du lesen willst; nämlich Beweise Deiner unverrückbaren Vorurteile, Verschwörungstheorien und Ressentiments."

Verschwörungstheorien sind fester Bestandteil meines zwanghaften Wahnsystems.

Joachim Helfer, SPD: "Diese Lese- und Argumentationstechnik ist nun aber ... systematisches Merkmal und sicheres Erkennungszeichen aller geschlossenen, totalitären Gedankengebäude. Wobei es mir am Ende des totalitären Jahrhunderts eigentlich zuwider ist und sinnlos erscheint, über die 'Couleur', wie Du das nennst, dieses, Deines Wahnsystems zu spekulieren. (Nicht, daß ich Dir diesbezüglich Rechenschaft schuldete, aber weil Du Nebensachen in Klammern zu schätzen scheinst und Dir schon die Mühe machst, über 'selbst Deiner politischen Couleur' zu spekulieren: Ich bin seit meinem sechzehnten Geburtstag Mitglied der SPD. ...)"

Okay, vielleicht sollten wir doch lieber vom Wetter reden. – Wie Du siehst, Joachim Helfer, habe ich Deinen "Kommunikationsversuch" bereits meinerseits abgebrochen, bin Deinen geschlossenen Anstalten gleichsam entsprungen, habe mich gar nicht weiter zu argumentieren bemüht, obwohl es mir schwerfiel, an entsprechender, besonders absurd anmutender Stelle Deines Textes nicht wenigstens des israelischen Außenministers Scharons schwerwiegende Einwände gegen den NATO-Angriff auf Jugoslawien zu zitieren, habe auch keine nebensächlichen Klammern gesetzt. Nun könntest Du, im Gegenzug, Deinerseits davon absehen, ernstgemeinte kriegsgegnerische Zuschriften wie die meinen als quasi abwaschbare Unterlage für Deine monologischen Propaganda- beziehungsweise moralischen Rechtfertigungs-Manöver zu mißbrauchen.

Darin fand ich (wenngleich nicht verschieden und noch immer mit beiden Beinen fest auf der Oberfläche stehend) den neuen Beitrag Helmut Kraussers gut. Er hat das kleine Scharmützel zwischen ihm und mir (das politisch auch nicht mehr hergab als unser beider Schriftwechsel, aber, wie ich denke, beiden Beteiligten wenigstens Spaß gemacht hat), kurz bevor es nicht nur der NULL-Leserschaft, sondern wohl auch Krausser und ganz bestimmt mir langweilig geworden wäre, beendet. Ich will ja nicht wieder "gönnerisch" erscheinen, aber das fand ich klug. Den Zug hätte ich selbst gern gemacht. (War eigentlich für heute geplant.)