Ol' Dirty Helmet
Thomas Meinecke
 

 

 

10.5.1999


 

 

Ol' Dirty Helmet!
Hast Du mich also ertappt, einen kleinen Streit vom Zaun brechen zu wollen (weil ja sonst nichts los ist in NULL). Allerdings, entgegen Deiner Annahme, keinen zum Thema Krieg. Hierzu gibt es in meinen Augen keine zwei Meinungen, und also lasse ich auch Deine Neusprech-Propaganda nicht gelten. (George Orwell 1949 in 1984 zu 1999: War is peace, freedom is slavery, ignorance is strength.)

Die Bombardierung Jugoslawiens gehört gestoppt!

Nun: Was hast Du mir mitzuteilen?

Du merkst an, in meinem NULL-Beitrag vom 26. April beurteilte ich "gönnerisch-oberflächlich die Arbeit anderer". Der (logisch unangenehme) Eindruck des "Gönnerischen" mag dadurch entstanden sein, daß ich in erster Linie auf der Suche nach NULL-Texten bin, die mir gefallen, der (mir hingegen ganz und gar nicht unangenehme) Eindruck des "Oberflächlichen" dadurch, daß mich an diesem Medium hier (wie an der ganzen Welt) genau die Oberfläche (in diesem Fall der Bildschirm) interessiert. (Du dagegen, am 5. April in NULL besingst vollmundig Deine "schöpfende" wie "zerstörende" "Bohrtiefe", welche "Außenstehende" lediglich als "energetischen Zustand" wahrzunehmen in der Lage seien.) Meine ungeschützte, sozusagen spielerische Neugier auf eventuelle Internet-spezifische Textformen, die Du als meine Forderung auslegst und "arg dumm" findest, steht natürlich in absolutem Gegensatz zu Deiner fertigen Vorstellung vom gleichbleibend statischen Charakter sprachlicher Strukturen in ihren jeweiligen, gedruckten, phonetischen oder elektronischen Manifestationen.
Ich finde es nach wie vor höchst interessant, darüber nachzudenken und auch auszuprobieren, inwiefern sich das Schreiben im Internet von jenem auf dem Papier unterscheidet (beziehungsweise unterscheiden könnte). Warum machst Du, wenn Dich das gar nicht interessiert, überhaupt mit bei NULL? Was hat Dich dazu bewogen, Dörings Vertrag zu unterschreiben? (Daß die meisten der bisherigen Beiträge mit diesem Problem überhaupt nicht korrespondieren, ist mir klar.)

Zur Angabe durch Absage: Ich bin gleichfalls angefragt worden, bei dem von Dir angesprochenen Projekt der Zeit mitzuwirken. Habe, wie Du, auch abgesagt. Verstehe nur nicht, wie (und vor wem) sich damit prahlen läßt. Dein neuerliches Bezugnehmen darauf, daß Dir Döring in den frühen achtziger Jahren ein, wie Du zu betonen nicht müde wirst, "kümmerliches Suhrkamp-Dasein erspart" habe, scheint mir tatsächlich allein in psychologischer Hinsicht interessant zu sein und soll hier, nach Deinem erklärten Wunsch um diesbezügliche Ruhe meinerseits, auch keine weitere Rolle spielen. Wozu Du dann aber doch, noch eben kurz, Rainald Goetz ins Spiel bringst, der gegen mich Gold sei, und zu dem Du am 3. März in NULL noch kokett bemerktest: "Wer ist denn dieser Goetz, ist das der aus den frühen Achtzigern, immer noch?" (Goetz ist aber jetzt der aus den späten Neunzigern.)

Nun zu der Stelle, wo Du, Ol' Dirty Helmet, gegen meine nur knappe Andeutung (eigentlich eher das Antäuschen einer Kritik) Deiner bourgeois antiquierten wie machistisch lärmtönenden Selbstinszenierung als Großkünstler, die Du sogleich als den "Wein zu hoher Trauben" zu preisen Dich nicht entblödest, aufbegehrst.
Das alles in einer heftigen verbalen Konvulsion, die zu zitieren ich mir hier einfach nicht verkneifen kann: "Welche Haltung hätte er sonst wählen sollen? Wollte doch immer so gern Künstler sein, hat aber nur zum Intellektuellen-Imitat gelangt. Der Kerl ist so dreist, so rotzfrech selbstüberzeugt anti-groß und breit und eiskalt." Tatsächlich, Helmet, bin ich liebend gern (ob rotzfrech, breit, selbstüberzeugt, eiskalt oder wie auch immer) vor allem eines: anti-groß.
Die 1978 bis 1986 von mir mitherausgegebene Zeitschrift Mode & Verzweiflung als mein "im Grunde einziges Projekt" zu apostrophieren, will ich Dir nicht nehmen, ist mir auch an dieser Stelle ganz egal, wenn da nicht sofort wieder dieser aufschlußreiche Wink mit den Achtzigern folgte, in deren erster Hälfte auch wir uns kennenlernten. (Laut mußt Du es hinausschreien, wie Dir die Achtziger-Jahre-Scheiße zum Hals raushängt.) Und schon stehe ich, Dein "Fat Boy Tom", inmitten einer total verunglückten Krausserschen Syntax, als "tief im Herzen sturzbeleidigt" da, weil ich "bei der neuen Elite" (BGS? Junge Freiheit? Auswärtiges Amt?) "mangels Kreativität nicht dabeisein darf". (Welcher heroischen Gestalt nun diese neue, auf Deine kreativen Ansprüche zugeschnittene Elite sein soll, wage ich lieber gar nicht erst zu fragen.)

Und plötzlich bin ich ein "vom Land geflohener Welterklärer" und weiß gar nicht, was das ist. (Befinde ich mich nun unter Wasser? Auf dem Wasser? Auf einer Bohrinsel etwa?) Um kurz darauf allerdings klipp und klar zu erfahren, daß Ol' Dirty Helmet, im Gegensatz zu mir (als vom Land geflohenem Welterklärer), etwas von Musik verstünde, zu der sich nämlich Pop verhielte wie (autsch:) "das Comic zur Literatur". (Gefolgt von einem saloppen Eingeständnis, auch mal Mist wie Radiohead und Fat Boy Slim zu hören.) Der Großkünstler würde aber, so schreibt er, "lieber andauernd mit Ekstase beliefert werden, als irgendwo in den Randnischen der Neuen Musik danach fahnden zu müssen". (Wer liefert da nicht ab? Schließlich:) "Ich fand sogar FSK mal gut, aber daran war wohl die persönliche Bekanntschaft schuld. Ich mag Scharlatane, die wissen, daß sie welche sind. Und umgekehrt." Meinst Du mit der Vokabel "umgekehrt", daß auch ich (versehen mit der Zuschreibung: Scharlatan, der wußte, daß er einer ist) Dich einstmals schätzte? Wäre nicht falsch. (Riecht aber schwer nach achtziger Jahren.)
Rätselhaft der einfache Satz, mit dem Du die stolze Bekundung Deiner Tugenden ("Natürlich bin ich arrogant. Und eitel.") krönst: "Aber ich liefere auch ab." (Alle Welt weiß, daß Du sehr fleißig ablieferst.)

Die Coda Deines Textes eröffnet mit einem seufzenden Bedauern der "Zeitverschwendung", mich in Deinen öffentlichen Tagebüchern (wie Du es nennst:) "angepisst" zu haben. (Warum Zeitverschwendung? Weil ich mich, nach wie vor null Bohrtiefe, um keinen Deut gebessert habe.) Abgesehen davon (als wolltest Du mich kurz vor dem Ende noch mit einem kleinen original Krausserschen Sample belohnen) hebst Du an: "Ich glaube, wenn von diesem und dem nächsten Jahrtausend dem Zeitenfeuer etwas widersteht, dann sind es meine Tagebücher." Um Dich kurz
darauf zu beschweren, daß ich Deinen fröhlich lallenden NULL-Text vom 1. März nicht als "glasklaren" erkannt hätte. Deine Diagnose: "Meineckes Hauptproblem: Kein Funken Poesie. Nichts. Vielleicht ist er einfach nur faul" (liefert nicht ab) "und" (da ist es wieder:) "oberflächlich". Daran, Ol' Dirty Helmet, der Du die hohen Trauben des Krieges hochleben läßt, habe ich nun wirklich seit den frühen Achtzigern gearbeitet: Keinen Funken Poesie in Dein Zeitenfeuer schlagen
zu lassen! Du hingegen, abermals Deine Zeit verschwendend, grübelst sinister fort: "Oder liegt es tiefer?" (Bei mir liegt nichts tiefer.) "Ist es der latente Hang zur Bücherverbrennung, dieser Steinzeit-Anti-Individualismus, der aus jeder seiner Zeilen schreit?"

Ohne Scheiß, Helmet: Der ist es! (Aber er schreit nicht.)