Durchsicht
Thomas Meinecke
 

 

 

26.4.1999


 

 

Zunächst: Nie wieder Grüne. Nie wieder SPD. Nie wieder Krieg.
Dann: Ein Stapel Papier mit spontanen, erratischen Ausdrucken aus NULL seit Jahresbeginn. Durchsicht desselben. Von der Neugier getrieben, eventuell etwas zu finden, das so in keiner auf Papier gedruckten Anthologie oder Zeitschrift zu lesen wäre. (Mein eigener erster Text etwa wurde, in Ermangelung sozusagen erkennbarer, als literarisch kodierter Eigenschaften, von der Redaktion zunächst gar nicht als Beitrag erkannt und erst mit einer Woche Verspätung ins Netz gestellt.)
Hettche (könntest Du, Jana, alle Namen mit entsprechenden Links zu ihren jeweils gemeinten Texten versehen?) am 1.1.: Erstaunlich dichterische Eröffnung (hatte ich mir irgendwie kantiger vorgestellt), Problemzone Kindheitserinnerungen. (Was mich hier halbwegs legitimiert, gleich mal loszuwerden, daß ich mit achtzehn Jahren fast durch meine Kriegsdienstverweigerungsverhandlung fiel, weil ich mich getraute, den für alle Zeiten ausschließlich defensiven Charakter der Bundeswehr anzuzweifeln. Hier könntest Du, Jana, wenn Du Lust hast, einen Link zur Homepage der aktuellen deutschen, eben leider doch ewigen Angriffsarmee einrichten.) Hettches kühne Apostrophierung der an NULL Beteiligten als Generation, für die erstmals die Rituale des Bleistifts nicht mehr gelten. (Dem dann aber so nicht sein sollte.) Outro auch wieder supersolenn: Balkon über den Dächern der Stadt, feiernd und frierend, in Erwartung des Feuerwerks am Ende dieser einjährigen Silvesternacht (läßt mich an Ernst Jüngers Pariser Balkon denken, und gleichzeitig an die Dächer Belgrads). Schwieriges Jahr (mal völlig vom Millennium abgesehen).
Krausser am 1.1.: Kann es nicht lassen, mit einer Absage anzugeben. (Eleganter: Wahrscheinlich sind wir alle gefragt worden, an dem bewußten Projekt teilzunehmen.) Ansonsten gefällt mir des Autors Tonfall hier mal. Das Journalhafte, Fragmentarische als besonders gut ins Internet passend. Illusion des Gegenwärtigen. Sozusagen Pop (den Krausser ja aus vollem Halse verabscheut).
Herbst am 6.1.: Pop betitelt, aber warum eigentlich? Hettche hat offensichtlich einen ersten Text von ihm abgelehnt. NULL sei kein Müllabladeplatz. Kann ich von Hettches (Herausgeber-) Seite aus verstehen, aber bedeutet das Internet nicht ganz besonders gerade das? Wir schreiben also im Netz, bilden dessen sprichwörtliche Ambivalenz hingegen nicht selber ab. Ist das korrekt? Marianne Fritz zu loben, finde ich klasse von Herbst. Marianne Fritz möglichst immer und überall loben (und damit auch ihren abenteuerlustigen Verleger), auf jeden Fall. (Da scheidet dann Independent-Gegner Altenburg aber sofort aus.) Herbst bereitet die NULL Leserschaft darauf vor, demnächst in einem Porno-Chat als Klärchen auftauchen zu wollen.
Hettche am 1.2.: Wir alle sind längst auf der Reise. Im dunklen Licht des Bildschirms. Abgekoppelt von der eigenen Herkunft, vom eigenen Körper. Gesichtslose Stimmen im Netz. Maskenspiel der Chatter. Neuland. Unentdeckter Raum. Erst Pynchon zitieren, dann Adorno und Horkheimer, schließlich Gorch Fock: Navigare necesse est, vivere non necesse. Bewaffnete Blicke ins Internet. Der zu erobernde Raum. Ankunft, Windschatten, Nachtlager. Abendmahl. Wie lustig meint Hettche, den ich ja als auf sympathische Weise lustigen Menschen kennengelernt habe, alles dieses? Werden seine eloquenten monatlichen Grußworte dereinst den von Dumont (kontraproduktiverweise) anvisierten, papierenen Reader durchziehen? (Macht hier einer einfach seinen Job? Das Gegenteil von Müll abladen?)
Scholl am 4.2.: Half serious, half wired die große Feministin Donna J. Haraway skizzierend, was mich sofort anspricht (Haraway als eine der zentralen Inspirationen zu meinem Roman Tomboy). Deren Buch Modest_Witness@Second_Millennium.FemaleMan©_Meets_OncoMouse™ wie Free Jazz gelesen. (Toll finden, ohne gleich alles zu verstehen.) Bist du Borg? Bin ich Borgward? Schon wieder ein Balkon, andauernd Haraways Balkon. An einem kalifornischen Holzhaus. (Vielleicht saßen sie und ihr Interviewer ja auf einer Porch.) Zu den Wired-Typen: Auch Donna Haraways durchaus als ironisch lesbare Science-Fiction scheint mir nicht immer ganz frei von technologischer Euphorie zu sein. (Wie steht sie eigentlich zu real existierenden Gen-Manipulationen?) Borgward fragt: Ist eine Person im Rollstuhl ein Cyborg?
Spinnen am 18.2.: News-Bummel, mit Einstieg Zagreb. Einen Monat später wird Spinnen (was hier nicht direkt hingehört), von einem Journalisten auf deutsche Bomber über Belgrad angesprochen, antworten, als Autor sei man wesentlich dafür verantwortlich, daß richtig gesprochen werde, nicht daß das Richtige gesprochen werde. Finde ich zum Beispiel überhaupt nicht. Würde ich selbst Spinnen absprechen wollen. (In Kriegszeiten allemal.) Trotzdem ein mir angenehmer Text, der ein surfmäßiges Tempo aufzeigt.
Monioudis am 18.2.: Inkubation. Untertitel: Für Rainald Goetz. (Goetz als mein Internet-Favorit. Ohne sein grandioses Abfall für alle hätte ich wahrscheinlich gar keinen Enthusiasmus für die literarischen Möglichkeiten dieses Mediums aufgebracht.) Bleibe kurz hängen an Deleuze, Matthieu Carriļæ½re, Elisabeth Ruge, Marcel Hartges, Kittler, Miss Kittin, Borges, Marquez, Sven Väth, Norbert Niemann, Langston Hughes, Westbam.
Hettche am 1.3.: Plötzlich ganz nüchtern, ja pragmatisch ans Glas geklopft. Ansprache an alle. NULL einfach nur als Ort für gute Texte im Netz. (Vorangestellt: Tut uns leid.)
Krausser am 1.3.: Offensichtlich alkoholisiert. Nimmt (kritisch delirierend?) Bezug auf diverse NULL-Texte.
Herbst am 1.3.: Gibt vor, (wie Politycki) nach Netz-Schauspielerinnen für seine virtuellen Girls zu suchen. (Siehe auch: Netzstrumpfhose.) Aber vielleicht steht Herbst auch nur mächtig unter Dampf und will so richtig was losmachen im Internet. Wäre ja okay. Seitenlanger Chat (als Klärchen) mit einem geilen Porsche-Fahrer aus der Schweiz.
Herbst am 5.3.: Versucht Krausser in sein funky Netz zu verstricken. Beklagt sich über die Langsamkeit von NULL (ich hatte ja anfangs auch gedacht, es ließe sich hier gleichsam in einem Dauer-Chat rasant miteinander herumkommunizieren). Auf einer weiteren Seite selben Datums eine gut durchgeknallte Note an Spinnen.
Herbst am 15.3.: Macht den Journalisten Holm Friebe an. Und verschwindet im Folgenden, per Dissens mit der Redaktion, inklusive seiner bisherigen Beiträge aus NULL. Ich hätte Herbsts Internet-Intrigen sicherlich mit Interesse weiter verfolgt. Hier bahnte sich womöglich was (sozusagen) Spezifisches an.
Hettche am 5.4.: Meldet sich mit Impressionen aus Krakau. (So steht es nicht im Baedeker.) Plötzlich der nackte Frauenknie in einer katholischen Kirche ablösende (nennen wir es mal: das Entsetzliche literarisierende) Satz: Zum ersten Mal erfahre ich von einem Krieg aus dem Internet. Gefolgt von: Es will mir einfach nicht gelingen, die Verkehrszeichen hier anders als ihre eigenen Abbildungen in Kinderbüchern anzusehen. Wie bitte? (Aber ich hatte mich ja in NULL auch noch nicht zum neuen deutschen, durch absolut nichts legitimierten und durch nichts legitimierbaren Angriffskrieg, dem immerhin dritten in diesem Jahrhundert, auf Serbien geäußert. Woher diese Lähmung? Weil mit dem Wegfall der alten politischen Blöcke auch die unmittelbare militärische Bedrohung meines Lebensraums verschwunden schien? Weil diejenigen jetzt unsere Regierung bilden, denen wir vor zehn Jahren noch parlamentarisches Protestpotential gegen die Politik (eigentlich in allen Bereichen eher das Ende der Politik und die zynische Wiederherstellung der von 1789 bis 1989 unterbrochenen alten Herrschaftsstrukturen), die sie heute betreiben, zutrauten? Habe ich zuviel Judith Butler gelesen, deren dekonstruktivistische Theorie mir absolut praktikable, wenngleich komplizierte Ansätze zur seit zehn Jahren in der neuen Linken proklamierten Repolitisierung bot, um noch zu wissen, wie sich politische Dissidenz in dringlichen Fällen auch einfacher demonstrieren läßt?) Bringt mir den Kopf von Joschka Fischer.
Krausser am 5.4.: Direkt an Leupold, die sich über seine elektronische Kußofferte beschwert hatte. Nimmt weiterhin auf eine Meldung Bezug, nach welcher der preußische Protestant Ernst Jünger in seinen letzten Jahren zum römisch-katholischen Glauben übergetreten ist. Findet Krausser überhaupt nicht überraschend. Ich, römisch-katholischer Autodidakt, in den frühen Achtzigern viel Jünger gelesen habend, ihm zum Neunzigsten sogar telegrafiert habend (zum Hundertsten nicht mehr), zunächst schon. Andererseits: Huysmans, Jünger, (...) Warhol, Ciccone (macht durchaus Sinn). Nichtsdestotrotz ist hier wieder dieser eitle, antiquierte Großkünstler-Duktus im Spiel, der Kraussers ersten Internet-Beiträgen für NULL auf angenehme Weise abging. Was er am 5.4. ins Netz stellen ließ, könnte so direkt in seinen öffentlichen Tagebüchern stehen. Etwa: Grüßchen an Döring (heute Dumont, einst Lektor bei Suhrkamp), der das (eine zuvor sich selbst zitiert habende geniale Eingebung des Autors) damals (1984) für banal hielt (Gedankenstrich, der mir nicht über die Finger geht) und mir (Krausser) ein kümmerliches Suhrkamp-Dasein ersparte. (Originalton Krausser.)
Richle am 5.4.: Gesang aus dem nächtlichen Big Apple, eine afroamerikanische Rapperin mit auffallend fragwürdigen Zuschreibungen belegend. (Offensichtlich eines der schwierigsten Unternehmungen überhaupt: Einen literarischen Text über New York zu verfassen. Ohne Yellow Cabs scheint gar nix zu gehen.) Richles Text steht hier stellvertretend für viele ordentliche, literarisch lineare Erzählungen in NULL. Sind die alle extra für NULL so verfaßt worden? Könnten die auch in nichtelektronischen Literaturzeitschriften stehen? (Abladen von Nicht-Müll?)
Spinnen am 5.4.: Ist per Webcam in der Wohnung einer jungen Frau gelandet und schildert diesen etwas pikanten Umstand auf vergnügliche, leichtfüßige Weise. Zum Schluß tritt noch kurz Duchamp auf, um von Tina, dem Webgirl, (mit Spinnens Worten) abserviert zu werden.
Von Düffel am 12.4.: Über die Zweitausendfähigkeit von Computern und Menschen räsonierend, das ganze munter weiterspinnend, sich schließlich auf das Jahr 1900 freuend.
Altenburg am 19.4.: Sehr amüsantes Stück ohne Punkt (doch: einem am Schluß) und Komma über das NULL-Projekt und seine Beteiligten im fröhlichen Achtziger-Jahre-Verleumdungs-Stil. (Dabei eigentlich ungerecht: Wo der Billermaxim fällt, dürfte auch der Altenburgmatthias zumindest ins Wanken geraten.)
Kuckart am 19.4.: Kleine Anekdote über die Wege der Literatur im Internet. (Wirkt womöglich kulturpessimistischer als von der Autorin beabsichtigt.)
Leupold am 19.4.: Sarkastischer Nebensatz zum immer heftiger gegen Serbien geführten Krieg.
Oleschinski am 19.4.: Meldet sich leidenschaftlich zum Thema Krieg. Keiner Seite zugeschlagen werden wollen, keiner Fahne, keiner Ethnie, keiner Partei. Dann ins Literarische schweifend, kurz den realen Hettche streifend, und abermals: Literatur total. Plötzlich eine Reflektion der Möglichkeiten von NULL, wiederum ganz meiner Meinung: So daß ich vermutlich von Anfang an weniger an Literatur und Texte dachte, sondern automatisch an Briefe.