Hallo.
Thomas Meinecke
 

 

 

22.3.1999


 

 

Dann doch: Endlich ins Netz gegangen (nachdem mich die Telekom zwei Monate lang hängen ließ).
Was wird mich nun (gleich, heute abend noch), wenn ich erstmals die bisherigen NULL-Texte lesen werde, erwarten? Beiträge, wie sie sich auch in gedruckten Anthologien oder Literaturzeitschriften finden lassen? Tagebucheintragungen?
Texte, an denen Ihr sowieso gerade gesessen hättet?
Was wäre denn nun das Spezifische so eines extra für dieses Ding hier hergestellten Textes?
Ich sagte Jana und Thomas zu, weil ich Lust bekam, eigentlich genau das, sozusagen experimentell, herauszufinden. Eine Lust, die schwer gedämpft wurde, als ich wenig später den Vertrag des Dumont-Verlags erhielt, der die Endlösung dieses Projekts in einem papierenen Schmöker sah. (Riesen-Fehler.)
Millenium? Interessiert mich nicht die Bohne.
Weshalb unterschrieb ich trotzdem? Um etwa, nunmehr an Bord, eine Meuterei zu inszenieren?
Warum ich sogenannte journalistische Texte lieber für den Rundfunk als für die Zeitung schreibe, ist mir schon länger klar. Das hehre Gegenteil der schweren Kupfertiefdruckbeilage: der Äther, in den ich meinen Text schicke. Des Textes wunderbare Verflüchtigung während des Sendevorgangs, seine damit totale Gegenwärtigkeit. (Der versendet sich‚ wie es unter Radioleuten heißt. Habe ich zum Beispiel nie bedauert. Fand ich immer gerade klasse.)
Andererseits: Texte, aus denen Bücher werden,– auch klar, wie ich da zu arbeiten habe.
Nun: Literatur im Internet. Da fand ich alle sogenannten sinnlichen Oberflächen bisher abstoßend. Hierhin klicken, dorthin absteigen. Nichts dagegen, wenn ich online was erfahren will (auf http://www.submerge.com habe ich mir die letzten beiden Abende, meine ersten im Netz, um die Ohren geschlagen), aber wenn es um Texte geht, will ich die nach wie vor pur haben. Mir fällt eine öffentliche Präsentation von Matthias Polityckis WeiberromanInternet-Fortschreibung inklusive sogenanntem Weibausschreiben ein, bei dem Aspekte-Zuschauer das sexy Hauptgirl der Handlung bestimmen konnten, das dann aber dummerweise eine ganz andere Haarfarbe hatte als die, in die sich der Autor überhaupt nur vergucken konnte, das sich seine Haare dann aber, ihrem Urheber zuliebe, sogar umfärbte, und so weiter. Geht so Schreiben im Internet?
Ich konnte mich ja auf diesem Sektor eigentlich nur (das aber dann so richtig) für Rainald Goetz‚ Abfall für alle‚ begeistern, dessen sympathische Flüchtigkeit, dessen Verve, Tempo, Melodie und Rhythmus, Tippfehler inbegriffen.
– Kann ich mir lektoriert, geschweige denn gedruckt, nicht vorstellen! Und war die schönste Oberfläche, in die ich mich seit langem vertiefte!
Dann finde ich auch die Möglichkeit des Durcheinander-Interagierens sehr klasse.
Als ich vorgestern zum ersten Mal losbummelte, wollte ich, es war zwischen 23 und 24 Uhr, gleich mal im, nach Hettche, geöffneten Chat Room vorbeischauen. Ich gab meinen Namen ein, und es war niemand außer mir da. Dann versuchte ich es, wenig später, noch einmal. Diesmal kam ich überhaupt nicht rein, weil (mit dieser Meldung wurde ich jedenfalls auf dem Bildschirm konfrontiert:) mein Name schon vergeben sei. Meinecke befände sich bereits im Chat Room.