Geborgtes
Dagmar Leupold
 

 

 

5.3.1999


 

 

Immer im Appendix zur Geschichte gehaust, die Mauer in weiter Ferner, die Weinreben vor der Nase, der Welt durch die Rückscheibe des Opel Caravan verlustig gegangen.
Zuverlässig im Februar Kreppel mit Aprikosenmarmelade, beim ersten Sonnenstrahl gemusterte Kniestrümpfe, bei jedem Wetter Ahnungslosigkeit.
Krieg in Kreuzworträtseln das Gegenteil von Friede.
Wie berichten wir aus den Perpherien? Im Plural.
Das Zentrum Sitz des Schweigens.
Kein Dr. Flimmrich war so lieb, mir einen Bildungsweg zu bahnen oder einen Paradigmenvorrat für alle zukünftigen Erklärungsengpässe anzulegen: Ich gehörte, anders als Ingeborg, nämlich immer zu den Nachbarskindern, die sich die Programmauswahl der stolzen Fernsehbesitzkinder gefallen lassen mußten. Die Ausbeute war mager: Ein Dokumentarfilm über die Lappen (die ihren Kleinkindern, wie Vogeleltern, Vorgekautes in die zahnlosen Münder schieben – nachträglich war ich noch erleichtert, daß in Oberlahnstein bei aller Rückständigkeit auf Milchpulver vertraut wurde), mehrere Folgen Bonanza und Immenhof. Meine relativ geringe innere Anteilnahme an den Verwicklungen und Dramen der Cartrights und Heidi Brühl & Co. (selten sah ich zwei Folgen hintereinander), hatte den Vorteil, daß ich mich den Wohnzimmern widmen konnte, in denen die Fernsehapparate den stolzen Mittelpunkt bildeten. Gelegentlich thronten sie in einer Art Schrein, andere Male sahen sie auf fahrbaren Untersätzen aus wie aufgebahrt.
Bei Hildegard, der Tochter des Bankdirektors, wurde der Schirm verhängt, wenn das Gerät nicht lief. Ein brokatähnlicher, schwerer, bestickter Stoff verwandelte den Fernseher vollends in einen Altar, und so war es nur folgerichtig, daß Weihehandlungen wie das Ein-, Um- und Ausschalten nur einem autorisierten Personenkreis – Hildegard, ihrer Mutter, ihrem Bruder – gestattet waren.
Ich weidete mich, statt an Bildern und Botschaften, an der Liturgie des Fernsehschauens.
Noch heute betrete ich wildfremde Wohnzimmer mit der Attitüde eines Jagdhunds, der Witterung aufnimmt: Dann peile ich das Arrangement von Gemütlichkeit und Fernweh an und gruppiere, streng hierarchisch, die Bewohner um das Zentrum dieser beiden Sehnsüchte herum.
Lad’ mich doch mal ein, Ingeborg!