In der Holledau
Dagmar Leupold

 

 

 

21.6.1999


 

 

BAB 9, Richtung Nürnberg, das liebliche, mittlerweile kanalzerschnittene Altmühltal noch vor mir, links und rechts Hopfenstangen, die in der Erde staken wie von Göttern geschleuderte Wurfspieße; im Rücken Ingolstadt.
Ein Kleinbus, die Rückbank beladen mit Kindern, überholt mich, die Fahrerin wirft einen vorwurfsvollen Blick auf mein großes, leeres Auto, schert sehr knapp vor mir wieder ein, setzt den Blinker rechts und fährt bei der Raststätte ab. Ich folge ihr, froh über irgendeinen Grund, die Strecke, die ich auswendig kenne, zu unterbrechen.
Im WC, im Untergeschoß gehe ich in eine Kabine, schätze unsicher die Zeit ab, die man zum Pinkeln braucht, drücke dann die Spülung. Allerdings verzichte ich darauf, das Hochziehen der Hose, Schließen des Reißverschlusses etc. durch entsprechende Geräusche zu simulieren.
Ich wasche meine Hände und halte sie unter den aberwitzig heißen Heißlufttrockner. Zwei Frauen stehen vor dem Spiegel und ziehen ihre Lippen nach.
"Die Farbe ist nicht mein Ding", sagt die eine zur anderen.
"Dafür ist sie kußecht", erwidert die zweite und preßt die Lippen fest aufeinander.
"Wen küßt du denn schon?" fragt die erste spöttisch zurück und bleckt die Zähne auf der Suche nach unerwünschten Spuren von Lippenstift.
"Den Ernst", sagt die andere und zerstäubt Parfum hinter den Ohren.