Frühes Ende
Jo Lendle
 

 

 

3.5.1999


 

 

Man hat mir als Kind den Dritten Weltkrieg versprochen. Bevor ich Zungenküsse kannte, wußte ich die Reihenfolge meiner Tode. Zunächst der Blitz, der zum Erblinden führte, als Zeichen, es sei nun zu spät. Dann, in dieser Reihenfolge, Sturm, dessen Druck das Trommelfell zerstört und die ganze Fläche des Körpers, Hitze, mit sich ablösender Haut, zuletzt Strahlung, wie aus Hohn über meine zusammengekauerte Leiche. Manchen Nachmittag lag ich auf dem Teppichboden des Wohnzimmers, ein möglichst kleines, querschnittarmes Ereignis in Erwartung umstürzender Regale. Vor den Fenstern gingen friedlich die Menschen, drinnen lag ich in unerklärtem Krieg. In Faltblättern vom Zivilschutz warfen sich junge Männer in weißen Hemden auf den Boden, gleich nach dem Blitz. Man schlug vor, sich noch die Aktenmappe überzulegen, ich hatte keine Aktenmappe und glaubte nicht daran. Jede Bedeckung würde sich einbrennen. Wir rechneten mit einem frühen Ende. In der Schule schlug jemand ein Wiedersehen in zehn Jahren vor. Wir anderen lächelten. Es ist dann nicht dazu gekommen, zum Krieg. Aber ich gehe noch heute bei plötzlich hellem Licht in die Knie.