Ankündigung der Wellen
Jo Lendle
 

 

 

12.4.1999


 

 

Ohrgeräusche sind bekannt. Ein Summen, Flirren, Ohrensausen, alles schon gehabt, alles überhört. Und die Geräusche beim Schäfchenzählen, ihr trockener Aufprall, wenn sie über das Gatter schlagen. Unhörbar für Nachbarn. Alles innen, alles zum Anfassen nah. Und nie weiß man, ob man sich die Ohren dabei zuhalten soll. Furchteinflößende Namen: Trommelfell, Paukenhöhle, Amboß. Man müht sich ab, nichts darauf zu geben. Aber die Geräusche bleiben, und man wird fahrig darüber. Beim Putzen die Frage, warum überall Wasser laufen muß. Und dann ist es doch wieder nur das innere Rauschen gewesen. Warum auf den Glasreinigerflaschen der Hinweis fehlt, man möge beim Spiegelwischen besser die Augen schließen, vor dem eigenen Anblick, bleibt ungeklärt. Alles offen, alles ohnehin. Wer singt da?
In letzter Zeit dröhnt häufig ein einzelner, bleibender Ton heraus, der metallisch klingt, voll, auf ehrfurchterregende Weise bekannt. Er scheint von oben zu kommen. Der Ton meldet sich überraschend, beim Kämmen, am Fenster, an der Fußgängerampel unterbricht er das tickende Blindensignal. Ich bin kurz davor, ihn zu erkennen. Gesprächen weiche ich mehr und mehr aus, es ist den Gegenübern anzusehen, daß mein Horchen sie bestürzt. Einer tadelte mich, ich würde unablässig summen. Seitdem bleibe ich überhaupt, wo ich bin.
Nur heute morgen war ich noch einmal unterwegs. An den Straßenrändern Menschen, als würden sie rufen. Es war im Bus aber nichts davon zu verstehen, die Fenster waren geschlossen. Im Hallenbad zogen wir uns schweigend um, nur einmal hörte ich diesen Ton, wie von ganz nahe. Ich schwamm meine Bahnen, wenn man den Kopf dabei unter Wasser hält, läßt sich alles klar verstehen. Die abgedämpften Stimmen, die ruhigen Schritte der Bademeister, meine Schwimmzüge. Und, in der Mitte des Beckens, auf einmal wieder der Ton, den ich jetzt erkenne, unter Wasser matter, aber so nah, daß das Wasser vibriert, der Gong zur Ankündigung der Wellen.