Mehrweg
Jo Lendle
 

 

 

22.1.1999


 

 

Einer kauft am Jahresanfang ein Getränk. In der Wochenmitte steht er wieder im Laden und will sein Pfand zurück. Die haben wir nicht, schiebt ihm die Verkäuferin das Glas zurück. Unten am Boden kleben noch Reste vom Getränk, er hat die Flasche gestern erst geleert. Aber das beweist nichts. Er geht von Laden zu Laden. Überall weist man ihn ab.
Zuhause stellt er die Flasche vor sich auf den Tisch, auf dem Etikett steht Mehrweg. Eine Liste von Zutaten, die schon nicht mehr gilt. Die Flasche sieht heimatlos aus. Auch er könnte nicht mehr sagen, ob die gestrige Flasche ohne Zweifel wie diese ausgesehen hat. Er ist sich nicht länger sicher. Hat er sie tatsächlich selbst gekauft? Er schraubt den Deckel ab und riecht hinein. Ein stiller, süßlicher Geruch. Und alle haben die Flasche abgewiesen. Die heilige Nacht fällt ihm ein. Er nennt die Flasche Jesus. Er schraubt den Deckel wieder zu und legt sie leer in den Kühlschrank.
Beim nächsten Einkauf merkt er sich den Laden. Gleich zuhause bindet er mit einer Schnur der neuen Flasche ihren Kassenzettel um den Hals, wie man ein Blumensaat-Tütchen ins Frühbeet steckt. Auf dem Bon steht Edeka, das ist der Laden. Er legt die Flasche zu Jesus.
Später öffnet er die Kühlschranktür. Als die Flasche ausgetrunken ist, besitzt er einen Trumpf. Er hat den Laden in der Hand, sein Pfand ist ihm sicher. Aber vorher geht er neue Flaschen aus anderen Läden holen, er befestigt die Kassenzettel daran und trinkt. Im Kühlschrank liegt schon eine ganze Gemeinde. Wenn er die Türe öffnet, zittern ihre Schilder.