Innen singen zwei Vögel
Judith Kuckart
 

 

 

27.12.1999


 

 

Die Frau lacht laut auf, als sie an das Erkerfenster über dem Tabakwarenladen tritt. Draußen ist der Sonntag allein mit der leeren Kreuzung, bis endlich eine Straßenbahn, die Nummer 8 auf der Stirn, hinunter fährt zum See. Die Frau, die kurz nur gelacht hat, tritt zurück ins Zimmers. Ein Zimmer, schmal wie ein Handtuch, so kommt es mir von hier unten vor. Es ist Anfang Mai. Innen singen zwei Vögel, und sie schließt die Fensterflügel.
Zur Straße hin öffnet sich die Haustür. Der Mann Ende Fünfzig hat einen Auftritt, ohne daß er es will. Er kommt nicht allein. Er ist in Begleitung eines rosa Damenrads. Wie andere in Begleitung einer rosa gepuderten Frau sind.
"Haben Sie schon einmal länger in Zürich gelebt," fragt er, und schiebt das Damenrad zwischen sich und mich.
"Nein. Und Sie?"
"Ich lebe dort oben." Er zeigt auf das Erkerfenster. Das schweigt.
"Ist Ihr Zimmer wirklich so schlank?"
"Es ist die Wohnung meiner Mutter."
"Die Frau, die gerade am Fenster gelacht hat?"
"Hat sie?"
"Ja." sage ich. "Sie sieht jung aus, dafür, daß sie Ihre Mutter sein soll. Und, außer Ihnen, hat sie hat zwei Vögel?"
"Mozart und Beethoven," Den Kopf schräg, hört er einen Applaus? Ich nicht.
"Wer sind Mozart und Beethoven?"
"Na, die Vögel."

Zwei Tage später habe ich Ja gesagt und bereute es sofort.
"Was?"
"Mitmachen, bei dem besonderen Weihnachtskalender," hatte er gesagt. Mitten im Mai.
Es sei die Aktion des Besitzer vom berühmten Café König in Baden-Baden. Der Konditor sei nicht mehr zufrieden damit, immer nur für Kuchen verantwortlich zu zeichnen. Da habe er einen Verein gegründet. Kunst und Kuchen. e.V. Mit einem besonderen Auftrag. In einer besonderen Zeit. In der besonderen Stadt.
"Aber, aber, es ist doch Mai," hatte ich gesagt.
Ich sagte nicht; aber, aber es ist doch hier Zürich?

Seine Hände am Lenker waren so unruhig gewesen. So sah es aus, als ob sein Damenrad etwas Lebendiges sei, das bockt.
Mein Gott, hatte er wieder gesagt, und einmal an dem Wort klebend, hinzugefügt.
"....Sie haben eben etwas Göttliches."
"Wer? Ich?"
"Ja. Sie."
Da war es zu spät gewesen, um zu gehen. Denn ich bin empfänglich für fast jeden Unsinn.
"Schauen Sie nur hin," hatte er gesagt, und einer Straßenbahn nachgeblickt. "Der Verein Kunst und Kuchen gibt zu Weihnachten den anderen Weihnachtskalender heraus. Der Arbeitstitel....," und er lächelte noch immer zärtlich der Straßenbahn Nummer 15 hinterher.
Er lächelte.
"Und Schluß," sagte ich. "Also der Arbeitstitel?"
"Schöne Frauen in Baden-Baden", hatte er gesagt, mir zugenickt und dabei nicht mich, sondern lieber irgendein leeres Marmeladenglas mit Farbresten in einem leeren Schaufenster sich angeschaut. Im Gepäckträger seines rosa Fahrrads klemmte die Arbeitsausrüstung. Eine Nikon, und die Sonne war hinter dem vierten Stock von Migros langsam verschwunden.

Ich bin früh aufgewacht am Morgen der ersten Verabredung. Fototermin. Zu dem Schweigen, das vom Sonntag ausging, gesellte sich das Schweigen des Regens. Ich schlief noch im Wachen, als ich am Fenster stand und dachte, daß die Straßen enger werden, wenn sie leer sind. Ich lehnte mich an den Fensterrahmen wie ich mich an alles gern anlehne. Das hat zu vielen Mißverständnissen in meinem Leben geführt "Mandy" hat mein Verlobter immer zu mir gesagt, der jetzt mit meiner besten Freundin verlobt ist. Seitdem lehne ich mich an Fensterrahmen, sie fühlen sich wenigstens nicht gemeint. Das Wasser, das da draußen vom Himmel fiel, war dunkel und licht, und hob sich ganz eigen von der Häuserfassade gegenüber ab, einem schäbigen vierstöckigen Haus aus den sechziger Jahren, mit Bierflaschen statt Blumen hinter den Fensterscheiben.
Ich weiß nicht, was ich fühle, was ich denke, was ich bin. Ich suche aber auch keinen, der mir das sagt. Keiner!
Und jetzt will einer Fotos machen.
Bei dem Wetter.

Wir werden einen Ort finden müssen, an dem wir so tun können, als seien wir in Baden-Baden, hatte er im Gehen gesagt.
"Warum?"
"Der Kalender heißt so."
"Aber warum machen Sie dann nicht Ihre Fotos in Baden-Baden."
"Da gibt es nicht so schöne Frauen," sagte er. "Die meisten sind alt, oder kurz davor. Sie schleppen sich und ihre Pelzmäntel bis zum nächsten Zebrastreifen. Da stehen sie dann. Auf der anderen Seite ist, der Supermarkt, die Bushaltestelle, die Post, das Leben, auch wenn es gewöhnlich ist. Aber bis dahin gehen sie nicht. Dahin schicken sie jemand anderen, den sie bezahlen, mit beleidigten Gesicht.

Er will hinunter zum See.

"Wie machen wir es?" Ich schaue einem weißen Schirm hinterher und denke an den Strand von Scheveningen. Auf dem Schirm steht "Paderborn".
"Eine Überschwemmung war das, Vorgestern," sagt er, und stößt sein rosa Damenrad neben sich her. "Das Wasser vom See, stellen Sie sich vor, bis auf die Hälfte der Promenade vorgedrungen, die meisten der Enten weg, ich dachte schon, jetzt sind die alle ertrunken, statt dessen treiben Hausfrauen sich mit Fotoapparaten in den Einkaufsbeuteln am Ufer herum, wegen der einmaligen Flut in ihrem Leben, und Männer, die nicht zu einer Frauen gehören mögen, weichen jeder aus, wollen allein mit ihren vorgebeugten Schultern sein, allein mit der Sorge um den liebsten Platz auf der Welt, da unten in den Fluten säuft er gerade ab, da unten, die dritte Bank von links, meine. Zum ersten Mal war der See keinem mehr ein Trost, sondern nur grau, nicht mal bedrohlich, das lag auch am Licht, am Licht ohne Ton. Alles stand in Gummistiefeln und ratlos da. Nur ein Mädchen ging mit nackten Beinen im Wasser spazieren, als sei dem Weg, den sie immer so ging, nichts geschehen."
Er zeigt auf einen schmalen Streifen zwischen Ufer und Bänken, Reihe 1, die stehen bis zu ihren Schultern aus Holz im Wasser.
"Da gehen wir jetzt hin?"
"Und dann?"
"Dann fangen wir an." Er lehnt sein Rad gegen eine Bank, Reihe 2, nimmt die Nikon vom Gepäckträger und sagt, "dahin, bitte".
Ich folge der Verlängerung seines Daumens, und die weist ins Wasser, ich ziehe folgsam die Schuhe aus. Das ist ihm zu viel, viel zu nah. Er sagt, ohne die Kamera sinken zu lassen, "ich bin doch nicht pervers" und ändert die Richtung seines Daumens. Mein Blick fällt auf ein Plakat mit einem fröhlichen schwarzhaarigen Jungen in Tracht auf blühender Wiese.
"Dahin?"
"Erstmal," sagt er. "Der Hintergrund ist so ..."
"Passend," nicke ich.
Auf dem Plakat steht groß. NACH UNGARN NATÜRLICH
Er hebt beide Arme, dreht an der Blende, stellte die Kamera hochkant, stellt ein die Entfernung, geht drei Schritte, greift sich an die Nase, summt "Mh-Mh", öffnet den oberen Knopf seines Hemds, murmelt etwas von Mittagslicht und Mai und Frauenhaut bei Kälte und weiteren Temperaturen, steckt ohne hinzuschauen den Linsendeckel in die Manteltasche, blind, stößt er mit dem Fuß gegen sein Rad dabei, läßt sich nicht stören, spannt den Spanner, auch den Mund, hebt den Finger über dem Auslöser. Da sage ich etwas.
"Ach. "Die Arme werden ihm schwer. Er läßt die Kamera sinken.
"Mein Vater übrigens," habe ich gesagt. Und beginne zu erzählen.
Erstes Bild. Das erste von 1001.