Göteborg
Judith Kuckart
 

 

 

18.10.1999


 

 

Mittwoch 15.9. Flughafen Tegel.

Der Weg nach Göteborg geht über Kopenhagen. Wir sind sieben Gäste. Bis sieben sagt man "wir", am Flughafen?
Eine Rothaarige mit dicken Oberarmen telefoniert, den Kopf halb im Koffer. Der Koffer ist ein Büro und sie, mit dem Kopf im Koffer, gehört einer Filmfirma und kann einfach nicht leise sprechen. Die Telefonnummer von "Anne(!)"will ihr die am anderen Ende der Leitung nicht geben. Die? Ich bin sicher, die ist eine Frau und ich hoffe, es ist nicht die Anne, die ich kenne. Die spielte doch bisher nur Theater.
Aber Shakespeare würde heute auch Drehbücher schreiben. Er würde dafür sorgen, daß die Gegenwart für ihn etwas taugt.

Später Nachmittag im Hotel. Die Krimiautorin I.N. hat sich hinlegen müssen, nachdem sie lange durch schwedischen Regen in einer Limousine gefahren wurde. Die Krimiautorin hat gesagt, sie sei eine Hexe und hat sich gleich für den Abend mit mir verabredet.
Als ich die Tagesdecke vom Doppelbett zurückschlage, liegen drei Kopfkissen da.

Der andere deutsche Dichter neben mir in der Limousine hat im Flugzeug von Kopenhagen nach Göteborg "Republica" gelesen. Dann hat er geschlafen und nach dem Schlafen mich böse angeschaut. Warum, weiß ich nicht.
Später sagt er, er habe mich im Flugzeug erkannt. Und ist zögernd er netter.

Donnerstag 16.9.
Um 6.25 Uhr am Morgen kommt ein Fräulein in weißer Schürze zur Tür herein und sagt auf Englisch "das macht nichts". Sie zeigt auf mich wie auf einen Fleck im Bett.
Sie könne auch noch später aufräumen, sagt sie. Sie lacht und geht. Morgen macht sie das wieder, bestimmt.

Beim Frühstück treffe ich eine österreichische Dichterin, die mit mir in Schweden über das Müllproblem der Deutschen sprechen will. Sie liest aus der Aufteilung des Mülls in verschiedene Säcke und Tonnen, daß die Deutschen noch immer gefährlich sind.
Ich nicke, gefährlich.

Ich fahre mit der Straßenbahn Nummer Vier zum Meer, springe auf ein Fährboot, springe bei der letzten Insel ab, bleibe eine Stunde, zähle am Steg die Fahrräder, mehr Rost, mehr bunt, Rost, bunt, Rost, bunt, bis das nächste Boot kommt, eine halbe Stunde kurvt, von Insel zu Insel, dann bin ich zurück, lege an gegenüber der Straßenbahnendhaltestelle, ich? was tue ich da?, anlegen? und suchen?, suche mir das sauberste Fenster im zweiten Waggon aus. Denn die Holzhäuser, Siedlungshäuser mit Farben von verwaschenem Papagei, die will ich mir bei der Haltestelle "Mariaplan" noch einmal genau ansehen.

Die Kontrolleurin, hatte Sandalen mit hohen Absätzen, nackte Füße und abgeblätterten Lack auf den Zehennägeln, dunkelbraun. Also war sie nicht Kontrolleurin, sondern Kontrolleuse.

Sehnsucht nach dem Norden, gibt es das? fragt mich der deutsche Dichter, der italienische Zeitungen lesen kann. Jetzt ist er nicht mehr so, so mißtrauisch.
Die Mädchen in den Straßen haben eine nur ganz dünne Bräune auf der hellen Haut. Ist das nördlich? Soll ich das sagen?

Ein anderer Dichter, der schnell wütend wird, hat mir, als wir in der Drehtür festklemmten, gesagt, daß er früher mal bei der Vorgruppe für die "Rattles" gespielt hat.
Schlagzeug?
Nein Gitarre.
Da habe ich die Schultern gehoben, die Luft angehalten, gezählt, Mandeln oder Erbsen, und die Schultern wieder fallen lassen.

Freitag, 17.9.
Ein Berliner Dichter liest am deutschen Stand. Wir sind alle Gäste der Buchmesse Göteborg. Neben dem Dichter, über den meine Schwester beinahe ihre Abiturarbeit geschrieben hätte, wäre da nicht noch ein Gedicht von Ingeborg Bachmann zur Auswahl gewesen, neben dem Dichter also kniet ein Schwede mit einer Plastiktüte und hört zu. Beide wissen wohl nicht, wie das aussieht.

Sie sagt; es gibt kein Problem mit Männer- oder Frauenliteratur in der deutschsprachigen Literatur. Sie sagt, es gibt ein Generationsproblem.
Denn;
Peter Schneider fragt; Wer ist Zoe Jenny. Und Zoe Jenny fragt; wer ist Peter Schneider.
Sie? Wer sie ist?
Sie kommt gleich nochmal und sagt was. Sie ist klug, aber gibt keine Autogramme.

2 Seminare
2 Lesungen
2 Diskussionen
2 Interviews
- 1 Tag
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2 dicke Augen

Der Berliner Dichter, der mit dem Fan auf Knien, sagt, er kennt mich.
Woher?
Aus dem Fernsehen, sagt er.
Ich greife nach dem sauberen Teller für den 2. Buffetgang.
Ob er auch so ein Pumpernickel mit Meeretichschaum und Rentierfleisch
Will?

Samstag. 18.9.
Abflug um 6.20 Uhr. Autobahn, dunkel. Wieso so dunkel. Ist nicht überall die gleiche Dunkelheit um so eine Zeit?
"Es gibt eine Landschaft, da will man nie wieder hin, auch wenn man niemals dort war. Sie entspricht vermutlich dem finstersten Ort der inneren Geographie. Die Finnen nennen die Mischung aus Panik und Depression unter nordischem Himmel die "arktische Hysterie".
Das wird übermorgen über die Reisenden in Sachen deutschsprachiger
Literatur in der Züricher Zeitung stehen. So schreiben können, und kein Buch aus allem machen wollen?
Was ist das? Oder, wer? Sie eben.