Chormädchen, blau-weiß
aus Alan Warner: The Sopranos. Übersetzung Judith Kuckart und S.W.
 

 

 

17.8.1999


 

 

Nämlich Orla hatte keinen kleinen Bruder, weil Orlas Mum hatte nur Orla und ein Kind verloren, als sie noch draußen in der Siedlung wohnten. Draußen in der Siedlung. Darüber der Mond, wie ein verlassenes Wespennest. Orlas Mutter war aufgewacht, in der Eisenbahnersiedlung. Zwischen ihren Beinen lief Blut heraus. Telefon gab es nicht in den Häuschen draußen in den Sechzigern. Aber es würde auch so genauso schnell gehen.

Mrs Johnstone zog sich an, Alecs Regenmantel legte sie sich über die Schultern und raffte ihn unter dem Bauch und lief komisch, damit das Blut nicht innen an den Mantel kam. Besser es tropfte, als daß es am Bein runterlief. Den Mantel wollte sie nicht anziehen und ruinieren. Warum schrie Alec sie an. Sie stieg in ihre besten Schuhe. Das Blut ließ sich ja von dem Leder abwaschen. Und sie bestand auf der Goldkette. Alec mußte sie hinten zumachen. Da würde bestimmt nichts drankommen. Ich werde doch da nicht hingehen und aussehen, als würde ich wie ein Zigeuner rumlaufen. Er stützte sie den Weg hinunter. Die Vorhänge der Nachbarn waren noch zugezogen. Vorbei an der Telefonzelle. Alec hielt ihren Arm und leuchtete mit der Fahradlampe. Ihr zittriger schon gelber Strahl machte ihn noch aufgeregter, noch eiliger. Obwohl sie Licht bei dem Mond wirklich nicht brauchten. Der blendete ja richtig.

Sie hielten den Nachtbus an, der die Schichtarbeiter in den Dörfern aufsammelte. Sie stiegen ein und Mrs Johnstone bestand darauf, durchzugehen bis zur hintersten Bank. Wenigstens eine mußte sie rauchen, für die Nerven. Als sie bei der Haltestelle Chest aufstand, war auf dem alten Ledersitz eine Blutpfütze. Gut daß ich den dunklen Rock angezogen habe, sagte Mrs Johnstone, bevor sie sich umständlich beim Fahrer entschuldigte. Im Chest auf der Station zogen sie ihr den Rock aus, setzten sie auf den Stuhl, die Knie auseinander. Die junge Schwester wurde blaß wegen dem, was da unten war. Schmale Rinnen für das Blut führten vom Stuhl weg. Schnell brachten sie sie in den OP. Sie entfernten, was da unten war bei lokaler Betäubung.

Ihre kurzen Finger befühlten ihren großen Bauch. Sie konnte nur ein Nichts fühlen, wo vorher Alles gewesen war - als hörte sie dort auf. Es fühlte sich schrecklich fremd an. Dann holten sie raus, was da unten war. Sie legten es in eine weiße Plastikwanne, und die jüngste Schwester, an Vollnarkose gewöhnt und nichts denkend, reichte die Wanne über Orlas Mutter hinweg. Die Wanne kam an ihrem Gesicht vorbei, und der Kreis der starken Scheinwerfer über ihrem Kopf, machte alles, was in der Wanne war, sichtbar. So sah die Mutter den zerflossenen Ausdruck auf dem Gesicht eines toten Töchterchens.

Als sie zu Hause war, im Bett lag und zwei Tage geweint hatte, fing Orlas Mutter wieder an, zwischen den Beinen zu bluten - der Doktor hatte das ungeborene Kind nicht ganz entfernt - Teile davon waren noch in ihr und verfaulten. Wieder die Fahrt im Nachtbus, die Haltestelle Chest... der Stuhl.