Blitzschach
Helmut Krausser
 

 

 

13.9. 1999



 

 

Ich mache mir Sorgen um mich. Täglich häng ich acht Stunden am Computer und surfe, oder ich spiele Internet-Schach – das ganz harte Zeug, zwei Minuten pro Spieler, verlangt einem das äußerste ab – und wer sich richtig reinkniet, gewinnt eine andere Empfindung für Zeit. Zwei Minuten – vollgestopft mit etwa drei bis vier zu treffenden Entscheidungen pro Sekunde – werden zu einem bequemen weitläufigen Zeitraum. Zum Beispiel: Man hat ein leicht schlechter stehendes Endspiel auf dem Brett/Bildschirm, aber ohne mattgefährliche Schwerfiguren – und man hat, sagen wir: 15 Sekunden, der Gegner aber nur noch zwölf – da sinkt der Geist in eine mollig-warme Siegesgewißheit hinab, gerät nicht in Hektik, nicht in Panik – diese 15 Sekunden sind eine halbe Ewigkeit, genußvoll auszukosten.
Es gäbe auch die Möglichkeit, mit nur EINER Minute zu spielen, aber das überlass ich den Ultrabrutalen, den Großmeistern, die bei ICC (muß man zahlen für, lohnt sich aber) haufenweise rumhüpfen. Internet-Schach. Geile Sache. Macht definitiv blöd. Nach den acht Stunden – und ich bin sowieso extrem empfindsam gegenüber Bildschirmstrahlung – bin ich ein Wrack, zittere am ganzen Körper, habe Wortfindungsstörungen, Kopfschmerzen, hab zwei Kilo abgenommen (freß ich mir sofort wieder an) und stand praktisch ununterbrochen unter extremer Adrenalinausschüttung, einer ständigen psychischen Achterbahn von Triumphgeheul bis Grundzerstörtheit ausgesetzt. Folge ist Lethargie – nur noch vorn Fernseher knallen, anschalten, abschalten. Kann nicht mehr arbeiten. Gelesen hab ich schon lange nichts mehr, jedenfalls in einem durch, muß ich denn? Houellebecq macht Furore mit der Erkenntnis, daß Sex und Geld die Welt regiert – ach nee? Ehrlich? Früher seis zwischenmenschlich wärmer gewesen? Blödsinn. Verklärungskacke. Manchmal kann man mit etwas sehr Schlichtem, Grundlegendem Aufsehen erregen – es deutet an, daß wir zuvor in einer Ära der Abschweifungen lebten – vielleicht ein guter Begriff für die Zeitvertreibungsstrategien nach dem Ideologienende. Das inzwischen wieder so lange zurückliegt, daß die Ideologie zwangsläufig bald wieder in Mode kommen wird.
Warum ist die Faszination der Bücher auf mich so rapide gesunken? Beatrice meint, das sei nicht alarmierend, Bücher gäbs schon'n paar tausend Jahre, Internet erst seit vorgestern, das müsse jetzt mal abgehechelt werden, rauschhaft, wies mein Naturell ist, natürlich, völlig recht hat sie, aber ich glaube, daß unsere Gegenwart doch etwas ganz Neues, für den Literaten äußerst arbeitsplatzgefährdendes birgt – den Verlust der Science-Fiction als spekulativen Spielraum. Die Gegenwart IST Science-Fiction geworden. Allein aufzuschreiben, was IST, überfordert in den meisten Fällen den technisch unbeschlagenen Autor. Wir müssen uns nichts mehr ausdenken, wir müssen vielmehr konstatieren. So sehr hab ich mich an die tägliche Portion Neues gewöhnt, daß mir ein Monat Stagnation absolut quälend vorkäme. Und wo uns das Faktisch Neue ausgeht, wartet ein Berg an – nein, eben nicht prognostiziertem – sondern bereits avisiertem Neuen. Natürlich mag es Leute geben, die das nicht so empfinden – die abends noch ins Theater und nachmittags mit dem Kind in den Dorfzirkus gehen, ja, na schön. Soll sein.
Alles, was gedacht wird, existiert – und wandert von da an in einem langen Prozess unumkehrbar ins Materielle. So – sinngemäß, ich finds grad nicht – lautete mal mein Credo. Heute existiert schon einiges, an das ich überhaupt noch nie gedacht hab. Werd ich alt? Naja, schon, aber noch bin ich auf der Höhe, einigermaßen. Nein, die Sache ist vielmehr: Wir sehen im Moment alle ziemlich alt aus. Verzeiht, wenn ich das verallgemeinere. Man ist in solchen Erkenntnismomenten ungern einsam. Wer sich heute mit 35 noch nicht den Vorwurf der frühen Vergreisung eingefangen hat, ist mit Sicherheit unter seinen Möglichkeiten geblieben, hat noch nicht kapiert und das dazu passende Gesicht aufgesetzt.
Es läßt sich inzwischen ziemlich genau vorhersagen wie die – zumindest nähere – Zukunft aussehen wird. Unbekannt ist nur noch das präzise Ausgabedatum uns bereits wohlbekannter Produkte. Früher war ich traurig, weil ich der Entwicklung unsrer (Menschheit ist geil! Fuck Houellebecq!! Menschheit ist supergeil!!!) Spezies nur so kurz zugucken darf. Aber dieses "kurz", erscheint, obwohl mit dem Alter die Jahre immer schneller vergehen, paradoxerweise immer länger. Vermutlich ein natürlicher Ausgleich. Der Schwund an empfundener Lebenszeit wird durch eine Streckung des Erfahrungshorizonts kompensiert.
Heute wird mir klar, daß ich wohl mindestens dreihundert Jahre alt werden müßte, um etwas uns heutzutage wirklich Undenkbares zu verpassen. Das tröstet. Oder?
Das Projekt, auf das Thomas Hettche uns hingewiesen hat, fand ich sehr interessant, ihr wißt schon: Einen Brief an die Nachwelt zu schreiben, der dann versiegelt, verbuddelt und im Jahr 2099 erst geöffnet wird. Ich dachte, prima, endlich kann ich mal die ganze Wahrheit aufschreiben. DIE GANZE WAHRHEIT! Aber langsam bin ich mir nicht mehr so sicher, ob ich im Jahr 2099 nicht am Ende gar noch leben könnte. 135 – puh, mit einem Organ-Komplett-Update aus dem Reagenzglas wär das ja echt kein Alter. Und mit der ganzen Wahrheit dann leben müssen, nee –