Dinge, die ich jetzt, Pfingstsonntag, um 13:28 grad' gerne von mir geben möchte.
Helmut Krausser
 

 

 

25.5. 1999



 

 

1. Die Berliner Zeitung ist das Sammelsurium des peinlichsten feuilleton-istischen Abschaums dieser Republik.

2. Leander Scholz möchte auch gern einen Spitznamen? "Bubi" läge nahe, leider schon vergeben.
Nein, heute kein Brandherd – in manchem hat er ganz recht, weshalb ich das Ego-Wettschaulaufen mit dem inzwischen verstorbenen Kollegen M. auch beendet habe. Keine Talkshows. Ich hab hier ein bißchen Befindlichkeit verzwinkert, Rabatz gemacht, Selbstdarstellung betrieben, auf die Kacke gehaun. Was man in der Unterhaltungsbranche eben von mir gewohnt ist. Und auch gar nicht mehr anders erwartet. Aber wo mir da eine derart naive Ernstgemeintheit entgegenweht – samt beigelegtem Parteiprogramm – von Leuten, die die Welt minus sich selbst für instrumentalisiert halten – nehm ich mich lieber zurück und nicht so wichtig. Die Wahrheit über das Kosovo werden wir irgendwann erfahren – erfahrungsgemäß wird einige dann ihr Geschwätz von gestern (heute) nichts mehr angehen, andere werden noch dreister sein und behaupten, die Wahrheit sei damals (heute) eine andere gewesen.

3. Die Internet-Literatur. Ich bin immer vorne mit dabei, wo was Neues entsteht. Ich habe selber ein Cyberroman CD-Projekt im Kopf. Aber Text bleibt Text, ob man nun ein Bildchen dazu stellt, oder ein paar Links einfügt, oder von mir aus auch Duftstoffe (wenn man solche per attachment schon versenden könnte.) Ich finde es nach wie vor dumm über etwas nachzudenken, das so nun mal definitiv nicht zu ändern ist.
Es wäre gleichsam der Versuch, für die nackten Finger ein Geduldspiel erfinden zu wollen. Gut, man kann sich mit dem Nachdenken darüber die Zeit vertreiben, mag sein. Wer zuviel davon hat...
Was ganz anderes ist die Bezugnahme der Texte untereinander. Hier kann durchs Internet sehr wohl eine Art vierdimensional geknüpftes Netz aus Bezugspunkten entstehen – und genau das ist NULL, wenn auch in einem noch frühgeschichtlichen Stadium, dessen Generierungsfaktoren sich noch kaum aufeinander eingespielt haben.
Ein solches Projekt lebt von der Kollektiv-Qualität. Man muß nicht nur etwas zu sagen haben, man muß auch einander etwas zu sagen haben. (oder zu keifen/brüllen/rülpsen), sonst entsteht nichts als ein überdimensionierter Weihnachtskalender, wo hinter jedem Türchen einer sein Häufchen für die vorläufige Nachwelt gemacht hat.
Andererseits stellte eine völlige Verknüpfung der jetzt noch sehr disparaten Ansätze nichts anderes dar als einen stilistisch aufgemotzten CHAT.
Dann lieber Ficken für den Frieden.

Keine Illusionen: Das was NULL sein wird, wird auch als Buch funktionieren. Mit vielen Querverweisen und Fußnoten.
Der Fortschritt wird sein, daß das Projekt in Buchform SEHR VIEL MÜHE-VOLLER zu genießen sein wird.
Das ist doch auch schon was.

4. Eine Quisquilie zum Irrationalen.

Vorhin (Pfingstsonntag um 13:15) dachte ich an meinen verstorbenen Zeichenlehrer Emslander, 5. und 6.Klasse Oskar v. Miller-Gymnasium Schwabing. War ein prima Kerl, beleibt, beglatzt, von Stimmgewalt und Imposanz – und atemberaubend, wenn er den Zustand der Redseligkeit erreichte. Dann erklärte er uns vorpubertären Zeichenschülern, warum wir schon bald einer jetzt noch ekligen Susie ein Eis kaufen würden, wie es bei den RAF-Banden zuging (er konnte sich stundenlang darüber amüsieren, daß 'Banden' sich jetzt 'Gruppen' nannten) und auch von Goebbels erzählte er uns, spezieller von dessen berüchtigter Rede im Sportpalast – "WOLLT IHR DEN TOTALEN KRIEG? Und alle, wie die Idioten: JAAAA!

Das konnte Emslander erzählen wie kein anderer, da lief es uns schaurig den Rücken hinab – was für ein Wahnsinn, unglaublich – und wenn ich ehrlich bin, fand ich das, sagen wir mal: vom filmischen Standpunkt aus auch wieder toll.

Daß es soviel Wahnsinn nur in Deutschland geben konnte – es erfüllte einen insgeheim mit einer Art herostratischen Negativ-Stolz – und jenes JAAAA aus tausend Kehlen lief mir noch lange den Rücken hinab, ohne was von seiner Schaurigkeit einzubüßen.
Bestimmt hunderte Male sah ich inzwischen (zweieinhalb Jahrzehnte nach Emslander) im Fernsehen eingeblendet Grandgoschier Goebbels mit geballter Faust die Frage stellen: "WOLLT IHR DEN TOTALEN KRIEG?" Man sieht Goebbels meist von schräg unten, Brustbild mit Rostra – Schnitt – die Kamera zeigt das Publikum, zeigt die Irren und Idioten, wie sie "JAAAAA!" schreien, Soldaten und Zivilisten, Frauen und Jugendliche, alle schreien "JAAAA!" und kein "Naja" ist drunter, oder ein "Mal sehen", niemand schweigt oder sagt 'nein.'
Toll. Irre. Eine der bedrückendsten Irrsinnsszenen, die sich das große Weltkino je ausgedacht hat.

Und dann kommt neulich der WDR und macht mir alles kaputt. Relativiert mir meinen Horrorfilm entzwei. Wie das?

Indem er die Sportpalastrede in einer Einstellung zeigte – Totale vom Eingang aus Richtung Rednerpult – die ich vorher nie zu Gesicht bekommen hatte. In dieser Totalen, in der Goebbels nur ein Fleck mit Sprechblase ist, kann man zum erstenmal den Text der Banderole lesen, die sich von links nach rechts über das ganze Podium spannt.
Auf der Banderole steht: DER TOTALE KRIEG IST DER KÜRZESTE KRIEG.