Sehnsucht nach ner Nase
Helmut Krausser
 

 

 

10.5. 1999



 

 

Nachdem ich Meineckes Pamphlet der letzten Woche gelesen habe: Wer menschenverachtend die Verschleppung eines freien Journalisten durch die Serben als gute Nachricht feiert, ist als Schriftsteller für mich gestorben.

Wer behauptet, ich hätte dem Krieg das Wort geredet: Blödsinn. Ich rede nur nicht um sein potentielles Faszinosum herum, welches jeder Erzähler dankbar ausnutzt, jetzt und einst und fürderhin, das ist alles. Scheiß-Bigotterie. Ich glaube nicht daran, daß der Krieg jemals aus dem Instrumentarium der Menschheit verschwinden wird. Vielleicht, weil ein kulturelles Bedürfnis nach ihm besteht? (Frage, keine These)

Kosovo – das ist kein Krieg, das ist eine Strafaktion schwerer Bomber mit zu weiter Streuung, daran ist nun gar nichts faszinierend, eher erbärmlich ist es, daß ein Milosevic nicht schneller und kostengünstiger beseitigt werden kann.

Was ich aber nicht abstreiten will, und was ich gern wiederhole:

Zur Wahl gestellt, in einem konfliktfrei stagnativen Paradies oder in einer unruhigen, kriegerischen Welt zu leben, würde ich mich für die Welt entscheiden. Das fordert weder zum Krieg auf, noch verklärt oder verherrlicht es ihn. Diese Entscheidung hätte keinerlei Konsequenzen für irgendjemanden außer mir selbst, sie entzieht sich demnach jeder sozialmoralischen Debatte.

Das Widerlichste am Kosovo-Konflikt scheinen mir zur Zeit jene Senfspender, die anfangs entschieden für die Bombardierung waren und jetzt umgekippt sind – nicht etwa, weil Zivilisten starben, damit mußte man rechnen, oder weil die Vertreibungen weitergehen – als müsse man beim Irrsinn nicht auch von Sturheit ausgehen.
Das sind Vorwände. Nein, sie kippen um, weil ihnen die Bombardements spätestens nach drei Wochen langweilig geworden sind, weil alles dazu gesagt war, weil es zu ihrem schon längst Organ gewordenen Verständnis von Entertainment-Demokratie und Spaßkultur gehört, daß man jetzt auch mal die andere Haltung ausprobiert.

Auch das ist Pop. Zu weit gegangener Pop, der das Arsenal des Bösen munitioniert.

Ich finde, eine gesunde Portion Böses macht die Welt erst aufregend und bunt und ist im Sinne des großen Spiels, dessen leidenschaftlicher Anhänger ich bin, zu dulden.
Wenn das Böse aber gar nicht mehr benennbar ist, weil es im Meinungspluralismus unsrer Talkshow-Kultur seine Pflichtverteidiger, seine vorgeschriebene Anhängerquote bekommt, wenn also Meinungspluralismus nicht mehr aus individuellem Nachdenken entsteht, sondern nur noch aus den Bedürfnisritualen der Medien – dann wird's richtig eklig.

Wärs nicht toll, wenn Handke mal ein Stück schreibt, das keiner, wirklich keiner aufführt, weil plötzlich alle Menschen wieder Nasen haben?