27. 4. Zurück aus Hamburg und Berlin.
Helmut Krausser
 

 

 

3.5. 1999



 

 

In Null geguckt und gefunden: Den zweiten Beitrag des Fat Boy Tom.

Will wohl einen Streit vom Zaun brechen zum gerade laufenden Krieg. "Der dritte durch nichts legitimierte Angriffskrieg... "
Das macht einen fassungslos. Darüber braucht man kein Wort zu verlieren, oder? Ich will es auch gar nicht. Wir sind nicht am Stammtisch.
Aber in abstracto, Grundsatzfrage: Würde ich eine Welt ohne Kriege der jetzigen vorziehen?
Eine vermutterte Glasglockenlandschaft à la Demolition Man? Eher nein.
Verweigert hab ich auch, desertieren würd ich immer. Und dennoch: Krieg ist so furchtbar – interessant. Und evolutiv. Bukowski hat mal schlicht gesagt, Kriege fände er toll. Als ich das las, 1986, war ich noch anständig entsetzt. Jedenfalls hab ich so getan.
Tun müssen.

Was hat Meinecke zu sagen? Fasse mal zusammen. Im ersten Beitrag entschuldigte er sich langatmig, weil ihm auch nichts Internet-Spezifisches einfallen wollte (kein Wunder, daß dies nicht als Beitrag erkannt wurde), im zweiten beurteilt er gönnerisch-oberflächlich die Arbeit anderer.
Toll. Was bildet sich der Schnösel ein? Wahrscheinlich, klug zu sein.
Die Forderung nach Internet-spezifischen Ausdrucksformen finde ich nun arg dumm. Nicht unsre Finger, nicht unsre Augen haben sich verändert, nur der Stoff, grob gesagt, von dem man jetzt die Buchstaben ablesen muß, capisce?

Es gliche ungefähr der Forderung, fürs neue Medium neue Buchstaben zu erfinden, weil sie ja nicht mehr aus Tinte oder Druckerschwärze bestehn.
Das muß der Neid der Kugel-Schreiber auf die Elektronentechniker sein, die einzigen, die hier Kreatives leisten mußten für den Mehrwert an Spaß. Wir sind die Nutznießer, keiner erwartet von uns was, außer unser Ding zu tun, so gut es uns möglich ist.

Zur Einzelkritik: Ich wußte noch nicht/nicht mehr, daß man mit Absagen angeben kann.
Ich verstehe. Anscheinend wirkt das auf Leute wie Meinecke so. Verstehe.
Sicher hat er gleich bei Asma angerufen und gefragt, ob er nicht das Stück vom Helmut auch noch essen darf... Haha!.
Ein kümmerliches Suhrkamp-Dasein – ah, verstehe – da habe ich auch sein Seelchen verletzt. Huh...
Hab ich denn nicht mal hier meine Ruh vor "Kollegen"? Der Grenzwert an erträglicher Feistigkeit liegt, glaube ich, bei einem halben Meinecke.
Dagegen ist Goetz wirklich Gold.

Die Floskel "Dafür könnte ich X. küssen..." ist selbst im Falle X = Dagmar eine Floskel, keineswegs Offerte. Lustig, was daraus im Blätterwald geworden ist.
Und ich hoffe, daß Dagmar sich nicht darüber beschwert hat – ihren Pustekuß bekam ich gern.
Daß Meinecke alles "antiquierte Großkünstlertum" haßt, diesen Wein zu hoher Trauben – welche Haltung hätte er sonst wählen sollen? Wollte doch immer so gern Künstler sein, hat aber nur zum Intellektuellen-Imitat gelangt.
Der Kerl ist so dreist, so rotzfrech selbstüberzeugt anti-groß und breit und eiskalt.
Und wie ich seine parataxenreich-abgeschliffene Sprache liebe, ohne jenen ganzen antiquierten Scheiß – wie heißt das noch? – Stil, genau! Bildung, Geschmack, Leidenschaft, Witz. Und wie effektiv er ist! Wahnsinn.
Als er sein im Grunde einziges Projekt "Mode und Verzweiflung" anno '90 ('92?) zum damals dritten Mal an den Mann gebracht hat, dachte ich, das wärs jetzt endlich – und vorgestern sah ichs – neu verpackt – in der Buchhandlung stehn.
Ich glaub, das macht ihm so schnell keiner nach. Selbst, wenn er's könnte.

Wie hängt mir diese 80er Jahre-Scheiße zum Hals raus!
Diese Dampfplauderer, die zu allem schnell nen Spruch parat haben, seit fast 20 Jahren die Welt
a. falsch beurteilen
b. falsch vorhersagen
c. sich nie für was schämen
d. Morgen so tun, als hätten sie's ja ganz anders gemeint
e. jene, die richtig lagen, auch noch als Besserwisser schmähen.

Dieses ( anti-anti-) friedensbewegte – Pop von glücklichen Familien&Welt als große Gender-Study – sehende Zeilenschindungsprogramm.

Übrigens verabscheue ich Pop keineswegs. Hatte doch selber mal ne Band.
Im Gegensatz zu vom Land geflohenen Welterklärern wie Meinecke oder Politycki oder Bruckmaier (die gerne die Rangliste der 101 besten Irgendwasse aufstellen – genau das ist das Gegenteil von Kreativität: Ranglisten aufstellen) verstehe ich eben auch was von Musik. (So wie Pop sich zur Musik verhält wie das Comic zur Literatur) Wer begriffen hat, was Musik ist, beurteilt Pop fortan anders, nach komplexer vernetzten Parametern – und muß sich von einem Rotzlöffel gar schlechten Geschmack vorwerfen lassen.
Ich hab mich sehr über die Letzte von Radiohead gefreut, endlich mal wieder ein Meisterwerk – und im Hintergrund läuft gerade – sehr passend – Fat Boy Slim. Hübsch.
Es gibt im Pop nur immer weniger, über das man sich freuen kann. Schade, ich würd' ja lieber andauernd mit Ekstase beliefert werden, als irgendwo in den Randnischen der Neuen Musik danach fahnden zu müssen.
Ich fand sogar FSK mal gut – aber daran war wohl die persönliche Bekanntschaft schuld. Na, bleiben wir gerecht: Die zweite Platte war nicht schlecht – die mit "Venus im Pelz".
Ich mag Scharlatane, die wissen, daß sie welche sind. Und umgekehrt hasse ich solche, die es nicht wissen.
Natürlich bin ich arrogant. Und eitel. Aber ich liefere auch ab. Ich gebe, gebe, gebe. Und was krieg ich dafür? Nen labbrigen Kommentar vom Kollegen Oberkorrektor.

Und was meine "öffentlichenTagebücher" angeht: Ja, ich hab den Meinecke mal angepisst. Ein, zwei Mal. Aber ansonsten kommen in den Tagebüchern auch wichtige Dinge vor, hmmhm. Bald kommt "November" raus. 7 von 12 sind schon fertig. Die Zeit rast dahin.
Im Ernst: Ich glaube, wenn von diesem und dem nächsten Jahrtausend dem Zeitenfeuer etwas widersteht, dann sind es meine Tagebücher und ein paar
Teflonpfannen. Leckt mich doch am Arsch, Neidhammel, elendige. Apropos: "Offensichtlich alkoholisiert". Was an diesem glasklaren Text delirant sein soll? Das ist Meineckes Hauptproblem: Kein Funken Poesie. Nichts. Und immer dieser latente Hang zur Bücherverbrennung, dieser Steinzeit-Anti-Individualismus, der aus jeder seiner Zeilen schreit.
Jetzt ist schon wieder eine Stunde um – vertan.

Es lebe der Krieg. Krieg ist gut. Er trifft nur meist die falschen.
Es lebe Käptn Blaubär – und der Mai –