Klimazonen in uralten Schädeldächern
Helmut Krausser
 

 

 

5.4.1999


 

 

Liebe Dagmar,

Es sollte selbstverständlich heißen: Frühling, Krausser, Herbst. Schneeweiß ist an mir nichts mehr / noch nicht, da müßten hundert blinde Mädchen lange suchen, um am Ende blöd zu kichern, nein, ich murte – wenn überhaupt - als Geröll zu Tal, viele kleine Steinchen, die sich für den Hausbau nicht gut eignen. (Darf man heut' noch - wieder - sagen:)
Sela. (?)

Gerne läs ich beispielsweise: "Die theologische Diskussionsrunde der freigeistigen Christen hatte an jenem Sonntag zum Thema die Frage: – Saß jemals eine Möse auf dem Antlitz Christi? – Und wenn - wurde so - Unterschleif im Allgemein-Bewußtsein - die Erbsünde schon längst getilgt?"

Las aber heute in der Zeitung, Ernst Jünger wäre '95 zum römisch-katholischen Klima (Glauben klänge platt) konvertiert. Das ist kaum überraschend, im Gegenteil fast logisch - geradezu endkokett. Man bekommt die polytheistischen Sprengsel nicht mehr unter einen Hut, vermengt sie zu dem Golem-Götzen, dem man viel zu früh, zu leicht entkam, vollzieht die spirituelle Kehre, die Aufgabe des Selbst, im Bewußtsein laufender Groß- und Endlos-Spiele, letztlich erweist man seine Reverenz vor der dominant treibenden Kraft der zurückliegenden zwei Jahrtausende - wie man, kleingroße Geste, Weihwasser in den Ozean schüttet. Wie Artus' Schwert - zurück. Alte, endlich beglichene Schuld - fürs Geschenk der - sagen wir unpathetisch: Agitation.

Aber - Moment!

Man kann, durchaus heldenhaft, ohne zu verzweifeln, die virtuellen Götter zerstören. Man landet nur eben wieder im realen Nichts. Das virtuelle Nichts existiert nicht, es wäre ja irgendwie grau, wäre die Maske des Dandys auf dem Ball der schiefen Melancholie. Es existiert vielleicht für Sekundenbruchteile - aber zerfällt sofort unter dem Gewicht seiner Betrachtung. Und könnte genausogut gelb sein, wie früher schon einmal gesagt. ('84 - Grüßchen an Döring, der das damals für banal hielt - und mir ein kümmerliches Suhrkamp-Dasein ersparte. Danke.)
Die Gedankenschleifen von immer neuer Schöpfung und Zerstörung bergen vielleicht einen subjektiven Fortschritt - wirken auf andere jedoch nur als Redundanz - Licht an - Licht aus. Außenstehende nehmen nur einen energetischen Zustand wahr, nicht dessen Bohrtiefe.
Denen, die das nicht verstehen, werde ich es - hoffentlich - auch später
nie erklären.
H.