Drei-zwo-eins
Helmut Krausser
 

 

 

31.12.1999



 

 

Wie es in römischer Geschichte keine Seltenheit ist: Ein Bote des Kaisers erscheint, überbringt den mündlichen Befehl, der Adressat hätte Selbstmord zu begehen, am heutigen Tag noch. Grund hierfür wird keiner genannt. Der Bote geht ab. Der zum Selbstmord Verurteilte – nehmen wir an, er sei ein glücklicher, wohlhabender Mann, gesund, sich keiner Schuld bewußt. Nehmen wir an, er hätte auf das Spiel der Macht verzichtet, hätte still für sich und die Seinen gelebt, hätte nicht durch übertriebenen Protz oder eine schöne junge Frau den Neid des Imperators erregt, wäre allerseits beliebt und geachtet. Wie verhält er sich? Glaubt er an einen Irrtum, besteigt er den Pferdewagen nach Rom, um sich dem Kaiser zu Füßen zu werfen? Bittet er um Gnade oder wenigstens um eine Erklärung? Sicher nicht, zu viel wäre damit riskiert – ein langsamer, qualvoller Tod von fremder Hand, die Enteignung, vielleicht sogar Ermordung seiner Familie, die Verhöhnung seines durch die Straßen geschleiften Leichnams, die öffentliche Infragestellung seines Stolzes und Rufes. Ihm bliebe nichts übrig, als an einem heiteren Tag, dessen Morgen nichts Übles prophezeite, zu sagen: Ja, das wars. Ich werde nie wissen, warum.

Ich werde mir ein Bad einlassen, mein Testament niederschreiben, meine Adern öffnen und im entfachten Dampf von dieser Welt hinwegdämmern. Werde vorher noch einmal gut gegessen, mich von meiner Liebsten verabschiedet haben, ohne ihr zu sagen, daß es ein Abschied für immer sein wird, werde sie zu Verwandten schicken unter einem Vorwand. Werde sie küssen, ohne daß sie in dem Kuß etwas Besonderes erkennt, werde meine Tränen zurückhalten, äußerlich kalt sein und später meinen besten Freund beauftragen, ihr die Nachricht so schonend wie möglich beizubringen. Werde meinen besten Sklaven die Freiheit schenken und mit den attraktivsten eine kleine Orgie feiern, werde mich berauschen und dem Leben danken, daß es mir so viele genußvolle Jahre gegönnt hat. Werde dem Mysterium, das meine Verurteilung umgibt, nicht nachspüren, denn einmal kommt der Tod ohnehin – und selten benötigt er einen triftigen Grund. Werde mit meinen Göttern sprechen, werde sie bitten, mich gnädig zu empfangen, oder werde, wenn da drüben nichts ist, nichts mehr spüren von den Unwägbarkeiten dieser Welt, auf der ich gerne zu Gast war.

So oder ähnlich hätte der ideale Römer gehandelt. Kaum einer floh maskiert in ferne Berge, versuchte einen Aufstand anzuzetteln, um sein Leben zu betteln oder sich freizukaufen. Die wenigen überlieferten Exempel solcher in aller Regel erfolglosen Widerstandsversuche werden von den Geschichtsschreibern meist mit Ekel erzählt, selbst wo den derart gegen sein Schicksal Aufbegehrenden nicht die leiseste Schuld traf, und die Verurteilung ohne jegliches Motiv erfolgte.

Ich frage mich manchmal, ob eine solche Situation wirklich jene allerschlimmst mögliche wäre, aus dem Leben gerissen zu werden, als die sie mir anfangs erschien. Wie ich handeln würde, weiß ich nicht. Ob man zum Dasein, einem geglückten das sei vorausgesetzt, nicht genau diese entspannte Haltung entwickelt haben müßte, die einen leicht, trotz allem dankbar, hinübergehen läßt. Den Tod als hinterlegtes Pfand für soviel Leben akzeptieren, auch wenn er früher kommt, als die Statistiken es hätte erwarten lassen. Befreit vom Diktum der Hora incerta. Gewißheit haben. Ich frage mich, ob es verlogen wäre, stolz zu sein, einsichtig, gelassen, frage mich, ob die einzig natürliche, menschliche Reaktion das Schreien, Klagen, auf Teufel-Komm-Raus-Weiterleben-Wollen sein müßte, und alles andere nur angelesenes, vom Todes-Knigge eingeredetes Zeug.

Ich bin mir nicht sicher. Ob der Geist Souveranität über seine tierischen Instinkte erlangen kann, ohne von philosophischen Denkmodellen verkleidet, vorbereitet worden zu sein. Modellen, die ihn mit dem Faktum des Todes leben und fertigzuwerden halfen. Beschwichtigende Konstrukte, die die Fragilität unsrer Existenz wattierten, relativierten, mit tieferem Sinn ausschmückten. Von denen wir im Laufe des Lebens das uns Genehmste wählten.

Ich wünschte mir, die Seelenruhe des Petron zu haben, jedoch ohne darstellendes Element. Meint: für alle Welt noch ein finales Schauspiel geben zu müssen. Sicher würde ich klagen, schreien, Aufstände anzetteln, mich freizukaufen versuchen, maskiert in ferne Länder fliehen, um noch einige wenige frohe Tage mit meiner Liebsten zu genießen. Doch diese Tage wären ja nicht mehr mehr froh, nicht zu genießen, sie wären von Furcht beherrscht, ein grausam zerdehnter, sadistischer Abschied.

Soviele narkotisierende Lügen, die drauf warteten, benutzt zu werden. Keiner würde ich anheimfallen wollen, und am wenigsten das Leben selbst eine Lüge nennen müssen, denn es ist eine, wenn auch knappe – Wahrheit. Ich weiß nicht, wie ich handeln würde.