Der Film-Film und das Nichts
Helmut Krausser
 

 

 

11.10. 1999



 

 

Als mein Roman "Der große Bagarozy" herauskam, las ich in vielen Kritiken, es sei ein leichtes Buch, das sich als Filmvorlage geradezu aufdrängen würde. Jetzt ist der Film da.
Die Kritiken sprechen von einer komplizierten, sperrigen Romanvorlage, die man in Fachkreisen für völlig unverfilmbar hielt.

Das Plakat war schlecht. Der Blick aufs Wesentliche wird von einem Pudel getrübt. Jetzt hat eine CSU-Stadträtin Anzeige wg. Verbreitung von Pornographie erstattet und plötzlich ist das Plakat gut. (Wann wurde in D. zum letzten Mal über ein Filmplakat debattiert?)
Warum allerdings Herr Norbert Niemann (in "13") aufgrund dieses Plakates erkennt, in einer reziproken Adenauer-Gesellschaft zu leben – das sind so die kleinen Rätsel des Lebens, die einen nicht wirklich interessieren.

In seinem letzten Beitrag bezeichnete John v. Düffel die Sonnenfinsternis, die "Sofi", als "Flop".
Ich empfand das nicht so. Wir feierten eine gemütliche Mittagsparty bei Doblers in Augsburg, Hettche war da, es gab gut zu essen und trinken, und wir standen pünktlich oben auf dem Flachdach des vierstöckigen Mietshauses.
Der Himmel war mit finsteren Wolken verhangen, aber von Westen schob sich eine Lichtinsel langsam auf Augsburg zu. Wie bestellt lag diese Lichtinsel zum Zeitpunkt der Konjunktion direkt über uns, während rundherum braune und violette Gewitterwolken tobten. Es war ein schönes Schauspiel. Genau so.
Die Bedingungen waren ideal. Nicht, daß ich so beeindruckt gewesen wäre, um mir einen Text Stifterscher Emphase abzuringen, nein. Aber wir hatten Glück gehabt, und wie mir Kollege Oswald erzählte, hatte er im Münchner Westpark ähnliches Glück gehabt. Worauf will ich eigentlich hinaus?
Nun, ein präzise vorhersagbares Phänomen, von dem wir wußten, wann genau es passieren, wie es aussehen, welche Folgen es bei ungeschützter Ansicht zeitigen würde, reichte hin um ein Sommerloch zu füllen, das ich als größtes bisher überhaupt wahrgenommen habe.
Die Sonnenfinsternis war eine Sonnenfinsternis. Nicht mehr, nicht weniger.
Wenn da jemand von einem 'Flop' spricht, meint er vielleicht, daß dieses wohl beeindruckendste natürliche Phänomen auf dem Planeten Erde nicht jene Wirkung auf ihn gehabt hat, wie sie von Zeugen früherer Sonnenfinsternisse überliefert ist. Er will wohl sagen, daß die Attraktion der vom Menschen noch ungesteuerten Realität hinter den Reiz virtueller Sehenswürdigkeiten zurückgetreten ist. Nehme ich an. Er hat wohl Recht.
Zwei Haltungen sind dazu zu beobachten. Jene, die sich Sorgen macht über den Attraktivitätsverlust der Natur, und den Menschen in einem Netzwerk zeitabtötender Reize gefangen sieht, in welchem wachsende innere Leere mit immer neuen Neuem betäubt werden muß. Und die andere Haltung, stolz zu sein auf die Gattung Mensch, die mit dem Ziel, Gott zu werden, im Zirkusbetrieb des Lebens alle sogenannte 'Natur', sprich exzeptionelle Wettererscheinungen und Himmelskörperkonstellationen, als nicht mehr im Hauptkanal sendefähig abgehakt, die ein besseres Animationsprogramm entworfen hat, als alles, was hier seit Milliarden Jahren Steine und Tiere zu beunruhigen vermochte.

Man kann das Verb 'begeistern' jederzeit durch 'beunruhigen' ersetzen. In den allermeisten Fällen wird die intendierte Aussage nicht grundlegend verfälscht, wohl aber wird eine Art doppelter Boden geschaffen. Jedes Amüsement zielt auf eine Beunruhigung hin, auf eine Aufregung. Umgekehrt:
Wo immer jemand behauptet, er sei beunruhigt über etwas, kann man behaupten, er sei begeistert, es stimmt, es stimmt sowieso, und wenn es überhaupt nicht stimmt, dann stimmt es schon wieder im ironischen Sinn. Ich fühle mich heute gut, deshalb, weil ich am Stadtrand wohne. Weil ich mich über die mykologischen Attraktionen des Herbstwaldes genauso freuen kann, wie ich mich über die Sofi gefreut habe oder eine blühende Sommerwiese. Und wenn ich von all dem genug hatte, ging ich ins Internet,
ins Kino oder sonstwohin. Vielleicht sogar noch einmal in ein Buch. Ich fühle mich als Mensch unsrer Zeit privilegiert gegenüber allen davor liegenden Generationen.
Die Neunziger Jahre dieses Jahrhunderts werden, so denke ich, in die Geschichte eingehen als die Ära der Emanzipation des Virtuellen gegenüber der Realität. Wer darum die Realität aus den Augen verliert, ist selber schuld.
Houellebecq und Easton Ellis sind Schriftsteller, die der Zeit, in der sie leben, zuviel Neues unterstellen.
Sie leisten Oberflächenbeschreibung mit einer elaborierten, formal adäquaten Methode (vulgo 'Masche'), dringen aber nie weiter in den Kern der Dinge vor. Autoren, die der eigenen Ära einreden, daß sie ihr etwas ganz Spezielles über sie mitzuteilen hätten. Was nicht stimmt. Es ist gelogen.
Obligate Schwarzmalereien. Lügen, die den Behauptungen der Blumenkinder damals, es gebe bald keine Kriege mehr, nur freie Liebe, in überhaupt nichts nachstehen.
Menschen sind nicht zu Marken geworden, die Bilder nicht zu Waren. Bilder waren immer schon Marken, Menschen immer schon Waren. Unter der Oberfläche ist alles viel komplexer, lebendiger und feinsinniger, als es die alte Linke mit ihrem naiven Blick wahrnehmen will. Es wird weiter geliebt werden, auch unter häßlichen Menschen (Bier kann da sehr viel erreichen).
Ich sehe auch – tut mir leid – nirgends Terroristen, die einfach "um des Chaos willen" Bomben legen, nein, alle haben dieselben schwachsinnigen Motive wie immer.

Phänomene kommen und sie gehen auch wieder, das Substantielle bleibt fast unverändert.
Es gibt hierzulande zu wenige Autoren mit Surround-Horizont. Solche, die sich nicht mit Phänomenen aufhalten, bzw. sich von ihnen täuschen und becircen lassen, sondern – von einem Punkt aus in alle Richtungen – zur Substanz vordringen, dem jenseits der Dekade Gültigen. Es kommt dabei überhaupt nicht darauf an, etwas vorherzusagen. Das ist egal, und höchstens einem selbst von Nutzen.
Vor dem Eintreffen ist das Vorhergesagte unbewiesen, hinterher ist es deckungsgleich und fällt nicht auf.
Außerdem: Man kann mit etwas recht haben, am Wesentlichen jedoch weit vorbeisegeln.
Ein Beispiel? Gestern fiel mir das ein.
Vor etwa zehn, fünfzehn Jahren sagte ich zu Beatrice, daß ich mir vorstellen könne, daß in naher Zukunft jeder Durchschnittsbürger seine mobile, tragbare Telefonzelle mit sich trägt.
Ich stellte mir das damals als eine Art Fönhaube vor, die man sich aufsetzen muß, um mit anderen Haubentauchern zu kommunizieren. Es hilft nichts, wenn ich erwähne, daß ich mir diese Haube aus leichtem Styropor vorstellte. Die Vorstellung bleibt lustig/peinlich – auch zwei Wörter, die jederzeit gegeneinander austauschbar sind.