Lieber Oswald, herzlich willkommen
Helmut Krausser
 

 

 

27.9. 1999



 

 

Lieber Oswald, herzlich willkommen –
Jawohl. Genau. Der Mehrwert. Der Prospekt. Der erhoffte Gewinn für die nennen wirs ruhig: Zumutung – in einem Forum zu schreiben, in einer Arena.

Wichtig war mir die Feststellung, daß Tastatur Tastatur bleibt. Schreiben – nichts anderes, und gut schreiben – dann ergibt sich der Rest, oder sagen wir besser: dann ergeben sich Möglichkeiten eines Mehrwerts. In gar nicht vorhersagbarer Form. (schachdeutsch: Neuerung)
Debatte, Flirt, Wettkampf, Streit, Parade. Viel ist möglich.
Wahrscheinlich bedarf es dann immer noch eines Glücksfalls. Aber zuerst: Schreiben. Bloß nicht originell sein wollen. Bildchen malen, Texte mit möglichst vielen Links aufplustern, jaja ganz nett. Bringt doch nix. Schreiben bringts. Vielleicht. Mit dem nötigen Ernst fängt der Spaß erst an.

Man hat hier einige Kollegen kommen und schnell wieder gehen sehen. Andere, Angekündigte, sind gar nicht erst aufgetaucht. Einige konnten mit NULL offensichtlich nichts anfangen, andere schonten ihre Einfälle für bessere Besoldung, wieder andere reagierten nur auf Texte, stellten selbst kein medienspezifisches Textmodell vor. (Zu recht; das gibt es so auch nicht.) Einige benutzten unsre Bildschirme als Dichterclub-Pinnwand, andere drückten endlich mal aus, daß Krieg echt scheiße ist. Und wieder andere – schickten wirklich nur das, was ihnen der Lektor gerade herausgestrichen hatte. (Nebenbei, Rechtschreibreform: Wenn Tip jetzt Tipp, dann Rap jetzt Rapp? Oder was?)

Ich meine, daß Pool kein schlechtes Ding ist. Zwar hocken da konsequent handverlesen alle mir verhaßten unterbelichteten möchtegernschriftstellernden Pseudostyle-Poptrash-Jungens rum, aber merkwürdigerweise liest man selbst deren Gewäsch mit einer Art Ekelfaszination. Warum?
1.Weil es schnell geht. 2.Weil da alles zusammengehört. Aufeinander reagiert. Das Schlechte auf das Gute und umgekehrt. Weil der Mist manchmal Mist im landwirtschaftlichen Sinne ist – und die Plattform düngt. Weil (wie ich glaube) aus Wut auf soviel Schwachsinn und Jämmerlichkeit dort hin und wieder echte Perlen entstehen. Eitelkeitsperlen.
Die schreiben auch alle umsonst.
Nicht wie hier, wo einige anscheinend meinen, sie müßten für die symbolischen 150 Mark auch tatsächlich Literatur im Wert von 150 Mark abliefern.

WERBEEINBLENDUNG!!!!
RECHTZEITIG ZUR BUCHMESSE ERSCHEINT VON HELMUT KRAUSSER IM BELLEVILLE-VERLAG MÜNCHEN GEDICHTE '79 –'99

Ich habe an diesem Medium hier ziemlich viel Spaß. Doch. Ja. Auch wenn ich damals aufhören wollte, als Zombie-Tom mir diesen Spaß beinah vermiest hätte.
Andere sagen jetzt, das wars aber doch genau! Ja, für euch vielleicht. Was zählt denn ihr?
Egal.
Spaß. An genau diesem Medium unter diesen Bedingungen. Jede Woche ein möglicher Abgabetermin. Dann mindestens sieben Tage warten müssen, bis man Reaktionen liest. Und wieder sieben Tage usw. Nicht zu schnell, nicht zu aktuell sein, nicht zuviel riskieren müssen.
Selbstverständlich wirkt sich das auf die Form der Texte aus. Erhöht deren
Ausgefeiltheit. Deren Seriosität. Aber auch deren Halbwertszeit? Ich weiß es nicht. Wie Georg Oswald sicher bestätigen kann: Ob Blitzschach oder Fernschach – der Amateur verliert immer gegen den Meister. Aber manchmal kann man einem Amateur zusehen, der beschissen spielt, und man ist dennoch fasziniert von der Hingabe, mit der er sich da abquält. Hingabe, Leidenschaft, Intensität. Null. Wo? Hier?
Nein, kein Gelaber, literaturwissenschaftliches Debattieren, kein Chat, kein Hausfrauentagebuch, bitte nicht.
Aber das, was Oswald im Sinn hat, kann nur in symbiotischer Form entstehen, da bin ich mir sicher. Einzelleistungen, die sich durch irgendein verbindendes Element in Mannschaftskunst verwandeln.

WERBEEINBLENDUNG!!!!
RECHTZEITIG ZUR BUCHMESSE ERSCHEINT VON HELMUT KRAUSSER IM BELLEVILLE-VERLAG MÜNCHEN: KAMMERMUSIK. CD IN LIMITIERTER AUFLAGE.

Als Kinder des Hinterhofs Düsseldorferstraße/München hatten wir eine
eiserne Regel beim Cowboy&Indianer-Spielen. Wer "vom Pferd" geschossen wird, der bleibt gefälligst liegen, weil er tot ist, bis das Spiel vorbei ist, basta. Mit dem nötigen Ernst fängt der Spaß erst an. Ehrlich, Kollegen.