Netzkritik
Steffen Kopetzky

 

     

 

    6.12.1999


 

 

Von vielem abgelenkt, habe ich seit Monaten versäumt, für NULL beizutragen; nicht, daß ich glaubte, es wäre jemandem, vielleicht sogar bedauernd, aufgefallen.
Ich wußte nicht, was ich schreiben sollte – und wenn ich manchmal eine Idee hatte, schwer angetrunken in einer pfälzischen Theaterkantine sitzend, führte kein Weg an meinen Rechner, weil das Theater immer schon gegen 22 Uhr geschlossen wird und man sich erst noch beeilen wollte, auszutrinken.
Seit ich wieder zu Hause in Berlin bin, kann ich mich zu jeder Tageszeit betrinken, habe also keine Ausrede mehr. Ich habe beschlossen, für die kurze noch verbleibende Zeit von Null, Texte im Netz, die ich gelesen habe, zu besprechen. Die Idee kam mir, als ich kürzlich bei den Kollegen von www.ampool.de vorbeigeschaut habe, auf ein Lebertgedicht stieß und auf der Stelle und zum ersten Mal das Bedürfnis hatte, eine Leser-mail zu verfassen. Ich halte sie für zu komisch, als daß nur Lebert sie lesen sollte, der vielleicht keinen großen Sinn für Humor hat. Also: wen es interessiert, der kann das Lebertgedicht unter obiger Addresse nachlesen. S.K.


Netzkritik 1

Lieber Lebert –
Ich hatte einmal einen Großonkel, der – ein strenger und, die möglichen, vielleicht sogar wahrscheinlichen, Auswirkungen auf die Gesundheit seiner Familie betreffend, fast gewalttätiger Kettenraucher – an seinem Neunzigsten Geburtstag eben dieses Rauchen aufgab. Seine Frau, meine Großtante, hatte ihm nämlich, als er wie üblich nach der Suppe schnell zwei, drei Zigaretten durchziehen wollte, in den Arm gefaßt, ihm ins Gesicht geblickt und mit zitternder Stimme aufgefordert, es zu lassen, nicht zu rauchen – "Es muß ihm doch mal endlich jemand sagen, daß das nicht gut ist!", sagte sie leise und mehr für sich selbst. Sie meinte die Kettenraucherei, die mein Großonkel dann ja auch, und entgegen der allgemeinen Erwartung, sein ließ.

Wir sind ja nicht verheiratet, Lebert, und alt sind wir – verheiratet oder nicht – auch nicht. Wir haben auch keine gemeinsamen Verwandten, die es weitertratschen könnten. Würdest du mir trotzdem erlauben, dir zu sagen, daß das nicht gut ist, was du schreibst?
Man könnte jetzt großzügig ein- und dann auch gegen meinen Hinweis wenden, du würdest von gewissen Leuten deswegen zum Schreiben ermuntert, weil du – zumindest mit diesem Gedicht, etwas anderes kenne ich zum Glück nicht – ein Niveau erreichst, das selbst von diesen Leuten nicht mehr unterboten werden kann, so daß es eigentlich für jeden Schreibenden immer ein Glücksfall wäre, dich in seiner Nähe zu haben und ich sollte, als Schreiber dieser Zeilen an dich, froh sein, daß es dich gibt. Ich will nicht großzügig sein.

Die Vorstellung, du würdest heiraten, eine Große, eine Kleine, ganz gleich, und sie, deine große oder kleine Frau, würde dir dann, an deinem Neunzigsten Geburtstag, an dem du, wie üblich, zwischen Fisch und Zwischengang schnell zwei, drei Gedichte über Fisch und Zwischengang, etwa "Mein Fisch" oder "Mein Zwischengang", schreiben wolltest, erst sagen, daß "es nicht gut ist" und "das muß ihm doch mal jemand sagen" – diese Vorstellung überfordert die Reservoire meines Zynismus erheblich. Laß das Schreiben, Lebert. Ehrlich. Du könntest stattdessen zum Beispiel das Rauchen anfangen.

Steffen Kopetzky