Zwischenzeitliche Notizen
Steffen Kopetzky

 

     

 

    21.6.1999


 

 

Die Pfade sind mir immer vollkommen rätselhaft. Mir fehlt oft auch die geringste Vorstellung, wie ich irgend etwas hergestellt und geschafft habe.
Nach dem Aufwachen fallen mir Dinge ein, Sätze, Wörter, die ich noch ergänzen oder entfernen muß, dringend, bevor ich einen Text aus der Hand geben kann. Wieso ist mir das noch eingefallen? Welchen Zufällen verdankt sich das? Was für eine Ahnung von Vollendung kann man denn unter solchen Umständen haben? Und wie kam man nur dorthin? Wie war es nur möglich, daß ich jetzt hier sitze? Die Psychologie, die uns uns selbst erklärt, ist ein vages Labyrinth, gezeichnet auf Papyros oder Japanpapier, auf hauchfeinem Stoff jedenfalls, auf dem wir uns vorsichtig zu bewegen versuchen, uns zu begegnen, zu lieben und zu erkennen – darunter geschieht das eigentliche.
Wir sind klüger als wir es zugeben und sagen; unsere Schritte gefährlicher; unsere Lügen hinterhältiger als wir uns gemeinhin eingestehen. Wir beschreiten diese Haut, unter der alles so panisch durcheinanderwimmelt wie eine Eiweißmasse vor der entscheidenden Information durch den göttlichen Blitzschlag: und niemand kann sagen, ob er nicht einen teuflischen Homunkulus hervorbringen wird. Die Abschiede durchtrennen das Häutchen des Selbst und gestatten einen Blick nach unten, wo das Chaos wimmelt. Deshalb bemüht man sich, so schnell es geht, wieder anzukommen – oder sich eine Ankunft einzureden.