Andenken und Vergessen oder Über die Gespenster der Archive
Steffen Kopetzky

 

 

 

17.5.1999


 

 

MEDIENARCHIVARE IN ZEITEN DES INTERNET

 

Eröffnungsvortrag zur Frühjahrstagung der Fachgruppe 7 im VDA
26. bis 28. April 1999, Salzburg



Meine sehr verehrten Damen und Herren MedienArchivare –

bei Ihnen und bei denjenigen, die für die Organisation dieser Tage verantwortlich zeichnen, darf ich mich sehr bedanken, daß Sie mich hierher nach Salzburg eingeladen haben.

Aus meiner ersten Anrede spätestens, wenn Sie es sich nicht ohnedies schon gedacht oder es gewußt haben, weil mein Name in den Listen und Notaten Ihrer Vereinigung zum ersten Mal auftaucht, merken Sie, daß ich kein Archivar bin, sonst hätte ich Sie mit Sicherheit als ‘Liebe Kollegen’ angesprochen. Ich bin vielmehr kann man wohl sagen, und wäre es auch nur mit dieser kleinen Rede, die mich vor Sie hin gebracht hat, eher ein Gegenstand, oder menschlicher gesprochen ein Insasse der Archive. Im Augenblick – genau weiß ich es natürlich nicht – dürfte der Umfang meiner persönlichen archivarischen Existenz ein paar etliche tausend Kilobytes nicht überschreiten, wobei ich hoffe, meinem Vortrag durch Nennung dieser Zahl jetzt nicht hoffnungslos das Mahl des ahnungslosesten Laientums in diesen Angelegenheiten auf die Stirn eingebrannt zu haben; und wenn, dann hoffe ich, Sie können dieses subjektive Laientum einem bescheidenen Insassen und unbedeutenden Objekt der Archive verzeihen.

Denn Laie, allerdings ein enthusiastischer, bin ich hier – und so kann ich mich enthusiasmiert erinnern, wann ich zum ersten Mal begriffen habe, was das innere Wesen eines Archivs – oder, was ich mir darunter vorstelle – vielleicht unter anderem sein könnte. Es war dies zu meiner Schulzeit, nachdem ich von der Grundschule aufs Gymnasium gewechselt hatte und an diesem mit der durchaus ordentlichen, damals, glaube ich, so an die Sechzigtausend Bände umfassenden Bibliothek Bekanntschaft machte, die in Sechziger Jahren gegründet worden war. Ich muß zugeben, daß ich mich davon nie wieder so richtig erholt habe, in jeder Hinsicht sogar – und kann Sie also nur sehr herzlich bitten, mir diese kleine Leidenschaft nachzusehen; daß ich auf gelegentliche Beispiele aus der mehr oder weniger schönen Literatur zurückgreifen werde. Meistens geht es da eben auch um die Orte, an denen es vor allem und in der Hauptsache Bücher gibt, ein Reflex vielleicht der Selbsterhaltung. Also zunächst eine Bibliothek.

Ich werde übrigens aus drei schönliterarischen Werken zitieren, deren Autoren Musil, Marías und Amis heißen: für Sie eine Ankündigung in die Zukunft, also genau die Umkehrung der Spur auf den Karteikarten der Bibliothek; für mich, da ich den Text, den ich vortrage, ja notwendigerweise schon kenne, eine Erinnerung. Sie sehen daran, daß dieser kleine Einschub das letzte ist, was ich geschrieben habe. Aber das nur nebenbei und zurück zur Bibliothek.

Sie erinnern sich natürlich an die Karteikarten hinten in den Büchern, die die zumeist weiblichen Halbtagskräfte immer herausnahmen, wenn man ein Buch ausleihen wollte. Dann wurde der Name des Ausleihers auf die Karte geschrieben und mit dem Tagestempel gekennzeichnet. Ich habe diese Karten in den letzten Jahren aus den Augen verloren, wo es sie noch geben sollte, muß die Bibliothek vermutlich so klein sein, daß es sich nicht lohnt, auf Digitalisierung umzustellen – allerdings bezweifle ich, daß es tatsächlich so kleine Bibliotheken gibt. Früher aber, wenn ich früher meine, meine ich, etwa die frühen Achtziger meiner Kindheit, früher also gab es diese Karteikarten hinten in den Büchern und man konnte, wenn man wollte, bevor man das Buch auslieh, nachsehen, von wem es zuvor ausgeliehen worden war und wann. Nachdem ich das festgestellt hatte, bin ich ein wirklich passionierter Spurenleser geworden. Es gab solche Karten, auf denen der eigene Name in gewisser Regelmäßigkeit auftauchte, solche, die sichtlich schon die zweiten oder dritten waren, wenn sich das Buch großer Beliebtheit erfreute wahrscheinlich, seine Inhalte das pornographische Bedürfnis der Pubertät wenn nicht befriedigten, aber auf eine gewisse Weise anregten und für die Zeit wachhielten, wenn man alt genug sein würde, um legal an entsprechende Darstellungen oder Beschreibungen der menschlichen Sexualität zu gelangen. Wenn man entdeckte, daß irgendein Lehrer, den man verblüffen oder ärgern wollte, sich kürzlich ein bestimmtes Buch ausgeliehen hatte, konnte man das nachholen und sich gewisse überraschende Fragen zu seinem Inhalt und seiner Bedeutung ausdenken. Und natürlich war es mein entschiedener Stolz, wenn ich ein Buch zum ersten Male auslieh oder wenn ich sah, daß ein Mädchen, mit dem ich zärtliche Gedanken oder Absichten verband, es zuvor ausgeliehen hatte.

 

Diese Karteikarten waren mit anderen Worten mehr als nur ein datierendes Hilfsmittel in der Buchhaltung der Bibliothek, sie waren ein informierender Text – für mich zuweilen ein faszinierender. Je älter sie wurden, desto interessanter wurde die Lektüre dieses Textes, der als solcher eine Erinnerungsspur war, ein allein dem Andenken gewidmeter und aus diesem entstandener struktureller Entwurf über die Rezeptionsgeschichte eines Buches in einem mittelgroßen oberbayrischen Landkreis im Laufe eines bestimmten Zeitraums.

 

Diese Erinnerungsspur (handlich auf einer Karteikarte zusammengefaßt) ist wesentlich nichts anderes als das, was ein Archiv leisten kann, nur daß das, was das Archiv informiert oder was von ihm erhellt wird, kein einzelnes Buch ist, sondern ein mehr oder weniger großer und spezifischer kultureller Raum. Wer hat welchen Ideen, welchen Strukturen, welchen Problematiken nachgeforscht? Wie oft? Wer liebt Borges? Wer leiht sich alles Verfügbare über die deutsche Romantik aus? Welchen Autoren bin ich ihr einziger Leser? Das sind Fragen, die man nur aus der Provinz der Schule in die der Akademie oder der intellektuellen Öffentlichkeit verlegen muß, um zu sehen, daß sie oft gestellt werden, daß sie vor allem im Stillen und Geheimen gestellt werden. Und das Stille und Geheime ist ja meistens auch das eigentlich Wichtige.

 

Nun ist es so, daß, als durch Ekkhard Lange die erste Verabredung zu diesem kleinen Vortrag "Andenken und Vergessen" getroffen wurde, ich irgendwie als intellektueller Naturbursche oder zünftiger Originaldenker losgelegt habe, um dann nachträglich festzustellen, daß ich natürlich nicht, bei weitem, nicht der Erste war, der sich dieser Sphäre und mit durchaus ähnlicher Begrifflichkeit und Intention genähert hat. Ganz im Gegenteil – sogar die Provokanz des Hauptbegriffs in der Unterzeile, das Tätigkeitswort "Wegwerfen" nämlich hatte schon jemand benutzt, um über Andenken und Vergessen nachzudenken.

 

Ich hatte nun zwei Möglichkeiten: entweder – was ja gar nicht so unübliche Praxis ist – die Vorläufer oder Früheren verschweigen; je nachdem, wie kraß oder deutlich die Ähnlichkeiten gewesen wären, desto nervöser und unentspannter würde ich vor Ihnen stehen, je offensichtlicher und desto gelassener, je weniger nicht davon auszugehen wäre, daß sich unter den Zuhörern jemand befindet, der über die entsprechenden Informationen verfügt.

 

Die andere Möglichkeit – und die scheint mir tatsächlich die fruchtbarere – die andere Möglichkeit wäre die, mein, vielleicht jugendliches Erstaunen, im Sinne meines Vortrages zu interpretieren, und dann müßte ich wohl sagen: ich habe mich den Kulturtechniken des Erinnerns, des Recherchierens, den Möglichkeiten der Archive nicht rechtzeitig bedient, wollte alles selbst machen und das brachte mich in Verlegenheit.

 

Ich wollte etwas erfinden, und habe, unwissentlich zwar, aber eben doch zitiert. Und dabei wollen wir alle original sein und Redner ganz besonders.

 

Die Archive belehren uns da eben, wenn wir uns denn in ihre Nähe wagen sollten, eines Besseren, wenn man sich in ihnen auf die Suche begibt, um herauszufinden, ob jemand einen bestimmten Gedanken, den man gefaßt hat, schon einmal gefaßt hat, dann beginnt so etwas wie eine Neuauflage des Märchens vom Hasen und vom Igel, der, Sie wissen ja, welche Geschichte ich meine, immer schon vor dem Hasen da war, so schnell der auch rennen mochte. Der Hase im Archiv würde immer erschöpfter und verzweifelter hin- und herrennen, und es würden sich ihm nicht nur der Igel und seine verkleidete Frau als ein- und dieselbe Figur zeigen, sondern wahrscheinlich ganze Regimenter von Igeln, wohin er auch kommt, wohin er sich wendet, würde er sich von Igeln umgeben sehen, die ihm alle "Ich bin schon da" zurufen, so daß, wenn man den Gedanken weitertreiben mag, die Spur unseres Archivhasens – je mehr er seine Anstrengungen vorantreibt und verstärkt, sich seine Geschwindigkeit und sein Radius also erhöht – daß diese Spur also irgendwann die Figur eines, sagen wir elektronischen Impulses in einem Kraftfeld annehmen würde, eines rasenden Teilchens, das immer schneller wird, das aber nicht nach draußen kann, vom Kraftfeld gebannt gehalten wird, und derart in alle Ewigkeit weiterrasen könnte – solange entweder seine Energie oder die des Kraftfeldes den rasenden Zustand stabil halten würde. Natürlich paßt dieses Bild, diese rasante Erweiterung des Märchens vom Igel und vom Hasen, zu der rasanten Erweiterung der Informationstechnologie, es ist ein zeitgenössisches Bild – je leistungsfähiger die Archive werden, je größer die Datenmengen, die durch die verschiedenen Netze, voran natürlich dem Internet zur Verfügung gestellt werden, desto mehr Igel mit ihren fröhlichen "Bin schon da"-Rufen wird unser arme Hase entdecken, bis ihm irgendwann die Luft ausgeht, und er seine Idee, etwas Originelles herzustellen aufgibt und vielleicht Pförtner wird oder Taxifahrer, wobei ich nichts gegen Pförtner oder Taxifahrer sagen möchte, ganz im Gegenteil.

 

Eine gemütlichere Variante solcher merkwürdigen, frustierenden Erlebnisse mit den Kulturtechniken der Erinnerung und des Gedächtnisses findet sich bekanntlich in Robert Musils berühmten "Mann ohne Eigenschaften", der Besuch des Generals Stumm von Bordwehr in der weltberühmten Staatsbibliothek zu Wien, und zwar mit der Absicht, den, ich zitiere "schönsten Gedanken der Welt zu finden" und ihn einer bewunderten Frau zu Füßen zu legen. Allerdings muß er die Absicht zu solcher Suche dringend verbergen und fragt den ihn umherführenden Bibliothekar: "Ach, ich habe mich zu unterrichten vergessen, wie Sie es eigentlich beginnen, in diesem unendlichen Bücherschatz immer das richtige Buch zu finden?! Und er fragt mich recht gehonigelt", erzählt Stumm weiter," und diensteifrig, was der General denn zu wissen wünschen. Oh, sehr vieles, sage ich gedehnt. "Ich meine, mit welcher Frage oder welchem Autor beschäftigen Sie sich? Kriegsgeschichtliches?"
Das muß der General, der sozusagen als Geheimagent des allgemeinen Laientums in die Bibliothek eingedrungen ist, verneinen, es gehe ihm ums Ganze. Schließlich wird er in den Zentralkatalog geführt.
"Ich kann Dir sagen", erzählt der General, "ich habe die Empfindung gehabt, in das Innere eines Schädels eingetreten zu sein; rings herum nichts wie diese Regale mit ihren Bücherzellen, und überall Leitern zum Herumsteigen, und auf den Gestellen und den Tischen nichts wie Kataloge und Bibliographien, so der ganze Succus des Wissens, und nirgends ein vernünftiges Buch zum Lesen, sondern nur Bücher über Bücher."
Dann beschreibt Stumm weiter, wie ihm der Bibliothekar schließlich mit glücklichem Ausdruck etwas herunter reicht: "Herr General, hier habe ich für Sie eine Bibliographie der Bibliographien"
Dem General wird es zuviel und er beginnt, sich zu empören, er fühlt sich nämlich, selbst mit dieser erstklassigen Bibliographie der Bibliographien vollkommen alleine gelassen und verloren, er schüttelt den Bibliothekar geradezu, und fragt ihn nach dem Geheimnis, hier in dieser millionenfach bestückten Sammlung nicht jämmerlich zu ertrinken?
"Sie wollen wissen, wieso ich jedes Buch kenne? Das kann ich Ihnen nun allerdings sagen: Weil ich keines lese! Wer sich auf den Inhalt einläßt, ist als Bibliothekar verloren! Er wird niemals einen Überblick gewinnen!" Der General fragt ihn: "Sie lesen also niemals eines von den Büchern?, Nie, mit Ausnahme der Kataloge. Aber Sie sind doch Doktor? Gewiß, sogar Universitätsdozent für Bibliothekswesen. Wieviele Systeme, glauben Sie, Herr General, gibt es, nach denen man Bücher aufstellt, konserviert, ihre Titel ordnet, die Druckfehler und falschen Angaben auf ihren Titelseiten richtigstellt und so weiter?"

Nun haben sich seit Musil die Zeiten und ihre Archive (jeder Art und Funktion) zwar verändert, und zwar qualitativ, in ihrer Organisation und Struktur – diese Qualitätsveränderung allerdings (die ich zuvor mit der beschleunigten archivarmetaphorischen Version des Märchens vom Hasen und vom Igel angedeutet habe) macht sich merkwürdigerweise in einer Ekstase und einem Rausch der Quantität bemerkbar. Die Musilsche Ironie, die dem General Stumm als Grundlektüre die "Bibliographie der Bibliographie" in die Hand drückt hat sich in der Zwischenzeit zweifellos auf phantastische Weise realisiert.

Vielleicht gab es schon immer zuviel von allem; sogar sehr wahrscheinlich. Aber im Gegensatz zu früher gibt es inzwischen auch die logistischen Möglichkeiten, das vielleicht allzuviele auch herzustellen, anzuzeigen, aufzulisten, auszudrucken. Die Möglichkeiten, Übersicht über das zu bekommen, das für einen Benutzer – sei er Wissenschaftler, Journalist, Filmemacher oder Schriftsteller oder auch einfach nur Liebhaber – von Relevanz sein könnte, sind ungeheuer angewachsen. Man könnte sagen, daß die stetig wachsenden Möglichkeiten, Information zu repräsentieren (also das, was eben zentrale Kataloge immer schon leisten sollten: Repräsentation des Wissens, das für sich eben auch schon Repräsentation der Welt war) mit rasender Geschwindigkeit dazu führen, daß das, was Repräsentanz zweiter Ordnung war, mit dem, was es repräsentieren sollte, identisch wird. Der Katalog verwandelt sich, weil er immer komfortabler wird, gewissermaßen in den Bestand. Dieser Vorgang, wie aller technischer Fortschritt, ist zu allererst ein euphorischer – und die Logik dieser Euphorie zeugt dann die Notwendigkeit nach einem neuerlichen, in unserem Falle einem dritten Ordnungssystem: mittlerweile, und das ist ja zunächst einmal vor allem eine amüsante Sache, gibt es Suchmaschinen, die Suchmaschinen zusammenfassen und durchsuchen, und wir könnten uns (wäre das Ganze keine dialektischer, sondern tatsächlich ein linearer Vorgang) bis in alle Zeiten eine Umstülpung und Nach- oder Überordnung nach der anderen vorstellen. Jede kleinste realexistierende Einheit von Information wäre dann wie ein kugelförmiger Körper, der in vollkommener Homogenität in jede Richtung abstrahlt, der Schale und Schale von Ordnungs (oder Katalog-) systemen um sich legt, ohne daß ein Ende wäre.
Ich kann nicht sagen, ob Sie sich diesem Bild mit Wohlgefallen oder Unbehagen gegenübergestellt sehen. Ob ich einen Alp- oder Wunschtraum angedeutet habe. Ich würde an dieser Stelle zunächst interessant finden, daß die grade aufgeschienene unendlich-stabile Ordnung der Information am Ende des 20.Jahrhunderts etwa Ordnungsvorstellungen des späten Mittelalters oder der frühen Neuzeit ausgesprochen ähnlich ist. Das Universum sei eine Kugel, deren Umfang überall, deren Mittelpunkt nirgendwo sei, dachte man sich etwa, zum ersten Mal niedergeschrieben im 12.Jahrhundert. Ebenso gut könnte man dort – wo ich von den kleinsten Einheiten real-exisitierender Information gesprochen habe – auch den durchaus mysteriösen und sehr unterschiedliche eingesetzten Begriff der Monade einsetzen, der nicht nur bei Leibniz eine Rolle spielt, dort aber wohl seine prominenteste. Das Universum, das sich Leibniz dachte, müßte man sich gewissermaßen spiegelverkehrt vorstellen: anstatt einer großen Zentralmonade (das war Gott) viele kleinste Monaden, die kleinsten Einheiten real-existierender Information. Die Spiegelinversion paßt ja auch besser zu unserer säkularisierten Welt.

Ich will das jetzt nicht überstrapazieren, sondern allenfalls mit einem kleinen Zitat aus einer, in der Süddeutschen Zeitung (leider, und da sehen Sie, welche Großmut und Nachsicht ich bei Ihnen stillschweigend voraussetze, leider habe ich das Erscheinungsdatum nicht notiert) also einer in der Süddeutschen Zeitung erschienenen Glosse von Volker Ladenthin ergänzen.
Ladenthin schreibt da: "Im Zeitalter der totalen Bibliographie verlassen sich Wissenschaftler immer mehr auf mündliche Empfehlungen oder persönliche Begegnungen. Gute Bücher sprechen sich herum. Tagungen gewinnen neue Bedeutung. Mundpropaganda und Plaudereien beim Abendessen ersetzen die bibliographische Lesearbeit. Es ist wie vor der Erfindung des Buchdrucks: Man tauscht sich mündlich aus. Man liest, wen man trifft. Man zitiert, wen man kennt. Die wissenschaftliche Schriftkultur heute basiert längst auf mündlicher Tradition und Begegnung."Abgesehen davon, daß Ladenthin da eine reichlich merkwürdige Entwicklung, die Wiederholung des Mittelalters aus den überreichen Möglichkeiten des späten zwanzigsten Jahrhunderts beschreibt, könnte man noch eine andere – vom Autor vielleicht eher nicht mitbedachte – Folgerung ziehen.

In seinen Cahiers notiert Paul Valéry einmal: "Mein Gott, wenn ich nicht alles vergessen hätte, was ich vergessen habe." – und spielt damit auf das Paradox an, daß das, wie immer auch, sei es individuell, sei es im Ganzen einer Kultur, bewahrte, auf einem ungeheuren, weit größeren Berg von Vergessenem ruht, daß wir nichts wüßten, wenn wir alles wüßten. Und obwohl niemand über das Vergessen spricht, sondern nur vom Andenken die Rede ist, obwohl es also keine Öffentlichkeit des Vergessens gibt, gäbe es diese Öffentlichkeit ohne zahlloses Vergessen überhaupt nicht, weil sie schlechterdings nicht kommunikabel wäre. Die Kulturtechniken des Andenkens und der Erinnerung bringen also offensichtlich auch so etwas wie Kulturtechniken des Vergessens hervor, oder führen sie zumindest als Andeutungen immer schon mit sich, als verschwiegene und heimliche, dunkle Zwillingsbrüder. Vergessen heißt nicht verdrängen, oder soll es jetzt hier nicht heißen, sondern etwas durchaus Positives, für das das plötzlich zurückkehrende Gespräch der Wissenschaftler beim Abendessen ein kleines Beispiel sein könnte, weil dort nicht mehr die prinzipielle, und offiziell natürlich immer noch postulierte Vollständigkeit aller verfügbaren Informationen das Maß, sondern gewissermaßen der Zufall einzelner Informationen der Ausgangspunkt kreativer Arbeit sein kann. So betrachtet könnte man die Kultur des Wissens (im Ganzen) als die Ökonomie, also die Haushaltung von Andenken und Vergessen, von Vernichtung und Bewahrung beschreiben. Und mittlerweile, scheint mir, wären Kulturtechniken des Vergessens gefragt – was, denke ich mir jetzt einmal, im Falle der Archivare wohl Techniken des Wegwerfens sein müßten. Und des Wegwerfenkönnens.

Vielleicht läßt sich nirgendwo deutlicher Selbstbewußtsein und Zutrauen des kulturellen Prozesses festmachen, als in seiner entschiedenen Haltung zum Wegwerfen; wer nichts Wegwerfen kann, wer es nicht wagt, etwas aufzugeben, fürchtet das Ende nahen, das drohende Ende – und damit meine ich nicht die Apokalypse, sondern vielleicht schlicht, einen Epochenwechsel, einen Zeitenumbruch und deshalb müßte man sich nicht erst des Greises erinnern, der nach dem tragischen Versterben zusammen mit Hundertfünfzigtausend Papier- und Plastiktüten in seiner Wohnung aufgefunden wird – der gesamten Sammlung des Transportmaterials, das ihm im Laufe seines Lebens befähigte, die mutmaßlich mit dem Fortgang des Menschen verschwundenen Tonnen von Brot und Milch, Obst und Bier in seine sich immer mehr und radikaler verstopfende Wohnung zu tragen. Zurück bleiben die Hüllen, das Zuarbeitende, das Fassende: die entleerten Gefäße, die nach Füllung schreien, immer ärger und entsetzlicher, je gefalteter und unbrauchbarer sie sich in den Schränken, den Kommoden und den Regalen anhäufen. Die Hüllen bleiben; immer mehr werden die Gefäße zu leeren Hüllen, sind die Schmetterlinge immer schon geschlüpft, tanzende Enden der Mimikry der Information zur Idee (also zur Allmöglichkeit und Omnipräsenz) von Information.

Ich muß natürlich eingestehen, daß es ausgesprochen fragwürdig wäre, das Gesamte eines kulturellen Zusammenhangs allzu vitalistisch (oder irgendwie bio-soziologisch) mit den Vorgängen und Notwendigkeiten im Individuum zu vergleichen, oder gar gleichzusetzen. Kultur ist kein Organismus: wohl aber kann man physiologisches Geschehen metaphorisch auf kulturelle Zusammenhänge anwenden, die anders nicht wirklich zu fassen wären. Das wären dann komplexere Metaphern, also eigentlich metaphorische Räume, innerhalb derer es eine Vielzahl von Aspekten gibt; der Sinn solcher Großmetaphern, solcher räumlichen Metaphern, ist der der Selbstverständigung, der Erklärung von Komplexen, die für sich selbst nicht zu fassen sind, sondern, wenn man sie genau und sachlich korrekt notieren und verstehen will zu lahmlegenden Paradoxien führen: es verhielte sich dann so, wie in der Anekdote von Immanuel Kant: der sich, nachdem er sich mit seinem langjährigen Diener und Faktotum Lampe überworfen und diesen daraufhin entlassen hatte, einen Merkzettel schrieb, einen Merkzettel wohlgemerkt, eine Art von permanentem Tagesbefehl, der unaufhörlich auf dem Schreibtisch lag: Lampe muß vergessen werden.

Ähnlich paradox möchte ich jetzt aus dem üblichen, und oft, ja universal benützten Satz, den man benützt, wenn man eine Reise unternommen hat: "Sich ein Andenken mitnehmen" eine Variation formen. Ich bin nach Salzburg gefahren und habe mir ein Andenken mitgebracht, heißt es. Ich würde nun heute Vormittag gerne mit einer Analogie-Bildung schließen: ich bin nach Salzburg gefahren und habe mir ein Vergessen mitgebracht. Selbstverständlich will ich Sie nicht dazu auffordern, meinen kleinen Vortrag auf der Stelle zu vergessen, auch wenn ich nicht behaupten mag, er wäre so bedeutend. Aber ich würde mich freuen, wenn ich in der Lage gewesen wäre, zumindest Ihnen eine Grundahnung davon zu vermitteln, wie innig Andenken und Vergessen verflochten sind; vielleicht bräuchte unsere Kultur so ein Bewußtsein, wie es für das Andenken, oder Eingedenken existiert, auch für das Vergessen – ich meine damit nicht das entdeckend archäologische Bewußtsein, sich des Vergessenen anzunehmen und es wieder zu entdecken, was ich meine, ist ein Bewußtsein für schwarze Stellen, für Zurückverschwiegenes, Abgerissenes, ein Bewußtsein nicht so sehr für Verlorengegangenes, sondern für Zurückgetretenes, eine gewisse Furchtlosigkeit und Zuversicht.

Das Vergessen erst verleiht dem Andenken die Kontur, ist der Körperschatten des Erinnerten; und dennoch stehen wir dem Vergessen, wie soll man sagen, ausgesprochen vergessen gegenüber. Wir leugnen die pure Notwendigkeit, vergessen zu müssen, obwohl wir es unaufhörlich tun. Wir belügen uns über den Sinn von Präsenz und nicht das, was wir präsent halten wollen, indem wir uns glauben machen, die pure Datenmenge garantiere die pure Wirklichkeit unserer Überlegungen, Forschungen und Dichtungen.

Zu suchen wäre nach einem Bewußtsein davon, daß es ohne Vergessen kein Erinnern geben kann, sondern nur eine Totalität von Information; daß es ohne Erinnern keine Phantasie geben kann, keine Kreativität, sondern nur Reproduktion – also Gefangensein in der infinitesimalen Logik der beliebig vervielfätigbaren Kopie.

In seinem kürzlich auf Deutsch erschienen Erzählband "Als ich sterblich war" hat der Spanier Javier Marías aus der Spekulation des vollkommenen Gedächtnisses (und das ist, und da sage ich Ihnen jetzt sicher nichts Neues, eine Erinnerung an eine der berühmtesten Erzählungen von Jorge Luis Borges "Das unerbittliche Gedächtnis") die erzählerische Konsequenz in Form einer Gespenstergeschichte gezogen. Er schreibt in der Titelerzählung, "Als ich einmal sterblich war": "Wer über das Jenseits oder die Fortdauer des Bewußtseins über den Tod hinaus spekuliert hat – wenn wir denn das sind, Bewußtsein –, hat nicht die Gefahr oder besser gesagt den Horror berücksichtigt, sich an alles zu erinnern, sogar an das, war wir nicht wußten: alles zu wissen, was uns betrifft oder an dem wir beteiligt oder dem wir auch nur nahe waren."

Der Erzähler, vornehmlich zunächst eben ein Gespenst, berichtet davon, daß er jedes Detail seines Lebens zu erinnern gezwungen ist – und der Horror besteht nun darin, daß die Erinnerung dann eben keine Erinnerung mehr ist, sondern eine unendliche Kopie des gelebten Lebens – mit dem Unterschied des totalen Bewußtseins, also des Wissens darum, was geschehen wird. Zur Lebendigkeit (also der Zeit, als man noch sterblich war – und so heißt ja die Erzählung) gehört also der offene Horizont, nicht der geschlossene; wo das Totale eintritt, sei es im Wissen um die Zukunft oder um die Vergangenheit, gibt es nur noch Gespenster.

Goethe – das kann man grade ja leicht überprüfen, deshalb nehme ich das Beispiel – wird lebendig sein, solange Raum bleibt, ihm eine eigene Gestalt zu verleihen. Solange Dunkelheiten bleiben, solange man in Hotelzimmern oder wo immer, sitzen kann, und trotz Internet-Anschluß nicht jede beliebige, Goethe betreffende Einzelheit verfügbar sein wird, sondern man auf die Mutmaßung angewiesen ist, auf die Ahnung und das womöglich vergeblich. Sie merken, daß ich mich heute nacht vergeblich an einen bestimmten Gedanken zu erinnern versuchte – und der emphatische Gedanke eine Art Notlösung war; wie, so ist es meine Erfahrung, die besten Gedanken sich überhaupt oft der Faulheit, der Unvollständigkeit, der Lücke und der peinlichen Verlegenheit verdanken – Grundsituationen des Lebens auf Erden.

Den – zumindest intellektuellen und emotionalen – Tod eines noch lebenden Autors beschrieb Martin Amis in seinem nun tatsächlich meisterhaften Roman mit dem einfachen und mysteriösen Titel "The Information", London 1995, auf Deutsch 1997 erschienen, unter dem noch einfacheren und noch geheimnisvolleren Titel "Information". Es ist ein ungeheuer berühmter Bestsellerautor, der seine Arbeitstage mit nichts anderem mehr verbringen kann, als mit einer exzessiven Suche nach sich selbst – nach seiner Erwähnung in den Zeitungen, Zeitschriften und sonstigen Periodika.

"In der ersten Zeit", heißt es da, "hatte er sich auf Rezensionen von Werken der eigenen Generationen beschränkt, wo das Beispiel Gwyn Barry (so heißt unser Autor) mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit herangezogen werden mochte. Dann weitete er sein Feld aus und las die Rezensionen jüngerer (und älterer) Autoren. Ehe er wußte, wie ihm geschah, las er sämtliche Rezensionen zu allen Formen von Erzählprosa. Rezensionen panamaischer Allegorien, japanischer Thriller; Rezensionen neuer Ausgaben des Don Quijote und Humphry Clinker. Es war dasselbe mit der Literaturkritik insgesamt. Die Lektüre aller Rezensionen über moderne Literatur entwickelte sich rasch zur Lektüre aller Rezensionen über alle Literatur schlechthin. Er fing an Rezensionen über zeitgenössische Kunst zu lesen, dann über nicht-zeitgenössische Kunst; über zeitgenössische Soziologie, Architektur, Wirtschaftswissenschaft, Jurisprudenz – und dann über all das im nicht zeitgenössischen Kontext. Und weiter. Eines Morgens las er einen Artikel (müßig, fast objektiv, ohne gewisse Hoffnung, Neuigkeiten von Gwynn Barry zu finden) auf der Immobilienseite – ein Gastautor schrieb über die Schwierigkeiten beim Verkauf einer kleinen Wohnung. "Lieber ein Winzling wie Gwynn Barry Sein", schrieb er, "als ein-": Und hier nannte er einen Bühnenautor von legendärer Leibesfülle. Danach las Gwyn alles, was er über Immobilien finden konnte, und etwas später alles, was mit Körpergröße zu tun hatte: Autos, Ferienwohnungen, Kleider, Gefängniszellen. Bald schon – das war abzusehen – las er alles über alles. An sich keine schlechte Idee, wenn Informationen das waren, woran einem gelegen war."