Das Versagen der Kavallerie oder Jetzt bin ich zu spät gekommen, um Herbst aus der Patsche zu helfen
Steffen Kopetzky

 

 

 

10.5.1999


 

 

Ich habe jetzt wirklich nicht viel Zeit und überdies kann es niemanden interessieren, daß sich Hettches BRIEFE anstapelten, während ich nie zu Hause war, und viel zu tun hatte; niemand findet es zurecht lustig, wenn ich originellerweise damit überfordert war, mir einen InternetAnschluß zu besorgen; alle sind sich einig, daß wer zu spät kommt, vom Netz bestraft wird. Ich kam zu spät zu meiner Liebsten in der Holsteinischen Schweiz, die online ist, während die Schwäne, die Reiher, die Wildgänse, die Kraniche über das Haus fliegen, nachts. Denn während ich noch unterwegs war, um dann dort, in der Wonne unseres kleinen, privaten Glücks, endlich im Netz alles nachzulesen, was ich mir immer schon gedacht hatte, hat sich der Herbstkomplex offensichtlich schon aufgelöst.

Ursprünglich wollte ich nur ein wenig abwarten, bis ich als die Kavallerie systematischer Intelligenz zunächst am Rande des Geschehens auftauchen würde, um den armen, vom Indianer Krausser (mit Irokesenschnitt und der Art von Todesverachtung, die sexy macht, ohne einen nachher in Schwierigkeiten zu bringen: "Glauben Sie mir." (düsterer Blick des Protagonisten) "Ich...bin steril! Marthas Kind kann nicht von mir sein" Trinkt seinen Scotch mit einem Zug aus, geht zu seinem Wagen und fährt den Highway zu seinem nächsten Date hinunter!) und dem, ein späteres Jahrhundert amerikanischer Zivilisationserfahrung repräsentierenden Trapper und Fellverkäufer Meinecke (wildernd und an Strecke einfangend, was an seinem Anstand vorüberläuft) umzingelten Herbst zu retten; Herbst – möge er als der aus Hessen (mit Leib und Seele) nach Amerika verkaufte, dort aber desertierte Jungspund und Sohn rechtloser armer Leute gelten, der nicht weiß, wie ihm geschah; möge man den Puritaner, Baptisten oder Mormonen in ihm wiederentdecken, der – um sieben und mehr Frauen gleichzeitig besitzen zu dürfen – den Zug nach Western unternimmt.

Selbst so eine indizierte systematische Humorlosigkeit wie das NETZ – dachte ich mir – würde Krausser, die Späße, die andere auf seine Kosten machen ("Eh, was willst du damit sagen? Sag mir Deinen Kampfnamen!"), keine Schule des Lächelns sein, würde Herbst den rechten Glauben nicht nehmen. Und Meinecke, der schlaue Trapper, würde seinen Nutzen daraus ziehen, wie immer, wenn sich zwei streiten.

Ich habe geahnt, daß der Krausseriokese Herbst umreiten, der Wildfänger Meinecke auf ihn anlegen würde – der Dramaturgie aber (Herbst mit langem Bart und schwarzem Hut, mit einem uralten einschüssigen Gewehr Schüße abgebend, während seine imaginären sieben Frauen – wegen der er die ganze Strecke doch überhaupt auf sich genommen hat – verlustig gehen: eine wird von Krausser mit Tomahawk der Schädel gespalten; die andere wird von Meinecke mit schönem Geschmeide zur Bisexualität verführt; eine dritte flieht aus unbekannten Gründen; eine vierte verkriecht sich; eine fünfte hat eine Fehlgeburt; eine sechste...) wollte ich erst eingreifen, wenn die Not am größten gewesen wäre: wenn der arme Herbst, durch seine unbedachten hänschenkleinartigen Äußerungen, seine theoretischen Defizite und seine Neigung Nebensächlichkeiten des persönlichen Lebens überall in der Welt zu entdecken (Ich erinnere mich dabei an einen Pfarrer im Oberbayerischen, der – Angriffe auf seinen Glauben betreffend – immer aus den Kieler Nachrichten, dem Schwäbischen Tagblatt, der Bäckerblume etc. zitierte, weil er es schlicht nicht für möglich hielt, daß irgendwo eine Zeitungsredaktion exisitieren könnte, deren geheimer Endzweck nicht hämische Kommentierung seiner Sonntagspredigten waren!) in eine quasi Cartoonartige, vorauszusehende Schwierigkeit verstrickt sein würde, wollte ich als der Bestangezogene, der Reiter mit den weißen Staubhandschuhen, der eigentlich Gutrasierte ankommen, Meinecke in die Gebüsche jagen, dem Krausserirokesen den Schneid abkaufen und Herbst auf die Knie fallen und zu seinem himmlischen Herrn beten sehen, um ihm zu danken, weil er die Kavallerie geschickt hat.

Jetzt bin ich zu spät gekommen. Ein kurzer Blick offenbart mir das ganze Ausmaß der Katastrophe: Herbsts Trail vernichtet, Krausser unter Geheul, zwei der sieben imaginären Frauen Herbsts auf seinen Mustang geschnürt abgezogen und von Meinecke keine Spur mehr, im Gebüsch verborgen. Alles, was es noch gibt, sind stilistische Trümmerfelder, Kojoten umschleichen knurrend das Verwesende, das Schlachtfeld überstreut mit Gegenständen des täglichen Lebens; ferne flacken noch fier, fünf Feuer. Alle haben es ernst gemeint. Die Kavallerie hat versagt. Für diesmal.