Klingeln
Angelika Klüssendorf
 

 

 

1.3.1999


 

 

Voller Selbstekel horchte ich dem Schrillen der Klingel hinterher, lauschte auf Schritte in der unbekannten Wohnung, auf irgendein Zittern, in dem sich eine Anwesenheit bemerkbar machen würde. Schon als Kind hatte ich diese Zeitspanne gefürchtet zwischen dem Klingeln und dem ersten Geräusch, dem Klopfen und dem Echo der Leere. Diese Sekunden platzten zu Unendlichkeiten auf, und der große Gott der Öde sah zum ersten Mal auf mich herab. Ich sah nicht zurück, sondern kaute die Zeit; und oft rührte sich nichts, niemand gab mir eine Antwort. Ich hätte längst gehen sollen, aber stattdessen preßte ich mißtrauisch und störrisch mein Ohr an die Tür: Gab es jemanden auf der anderen Seite der Wand, der genauso erstarrt dastand wie ich? Einer, der mich mit der gleichen Ungeduld erwartete? Oder versuchte da einer kein Geräusch zu machen, die Atemzüge vor mir zu verbergen? Wurde ich verschmäht? Gab es drinnen vielleicht zwei, drei, die lautlos über mich lachten, die Hand vorm Mund, sich schüttelten, Fratzen schnitten, die ich nicht sah. Ich fühlte, daß es durchaus so sein könnte, aber niemals hätte ich mir das eingestanden.

Am schlimmsten war es im Sommer. Wenn mir niemand antwortete, traf mich das Luftflirren, Insektengesumm und die Hoffnungslosigkeit wie ein Geschoß im Rücken, und nun hing alles davon ab, den Rückzug vor mir selbst würdevoll zu gestalten. Nichts hatte mich verwundet. Ich bog mit gleichgültigem Gesicht, die Schritte dem Tag angemessen, um die nächste Ecke, und überlegte, wo es noch eine Tür gab, an die ich klopfen konnte. Manchmal allerdings rannte ich zurück, klingelte immer wieder an derselben Tür, saß fassungslos davor und ließ die Klingelabstände kleiner und kleiner werden. Gut, es gab auch das Alibiklingeln bei einer verhaßten Person, einem Lehrer beispielsweise, bei dem ich mich entschuldigen mußte. Da galt es so kurz zu klingeln, daß der Knopf kaum berührt wurde, so was wie ein Hauch, der den Menschen hinter der Tür kurz aufhorchen lassen würde: War da was - oder eher nicht. Wobei es gelingen mußte, daß der Zweifel immer zu Gunsten von: ,wohl eher nicht' ausschlug. Und die Vollendung war es, sich so beiläufig wie möglich aus dem Staub zu machen, um am nächsten Tag, die Hände durchaus in die Seiten gestemmt, sagen zu können: Ich war da. Aber niemand öffnete mir.

Und dann gab es auch noch das Klingeln an der eigenen Tür. Mit verhärteten Gliedmaßen, aber einem weichen Gefühl in den Knien, berührte ich den Klingelknopf. Todesverachtung und Angst traf sich mit dem schrillen Klang, der manchmal den Eintritt in die Hölle bedeutete, den Himmel aber nie. Hier waren die Geräusche hinter der Wohnungstür nicht einfach Beweis, daß jemand da war; jeder Schritt, jedes Räuspern hatte eine Bedeutung, die ich sofort entschlüsseln konnte, und es gab kein Geräusch, auf das ich nicht gefaßt war.