Die zwölf Kennzeichen des Vogels
Birgit Kempker
 

 

 

27.12.1999


 

 

Der Vogel der Gegenwart ist durch folgende zwölf Merkmale charakterisiert:

1. Die Zweifüssigkeit. Er ist der vollkommenste aller Zweifüssler (Abb. 201, 6). Der Mensch ist ein Nachkomme von Klettertieren und balanciert daher in der Ebene nur mühsam dahin. Er wird nicht mit der Fähigkeit zu gehen geboren, sondern das Menschenkind braucht Jahre, ehe es die Technik des Gehens beherrscht, und Stehen und Gehen sind dem Menschen zeitlebens eine seiner Natur eigentlich zuwidere Last, so dass er zum bequemen Leben nichts so nötig braucht wie Stuhl und Bett. Damit das Skelett eines Menschen aufrecht bleibt, muss man es aufhängen. Das junge Huhn dagegen läuft mit der Eischale auf seinem Rücken davon; es braucht keinen Stuhl zum Ausruhen und kein Bett zum Schlafen. Ein Kanarienvogel lebt ein Jahrzehnt in seinem Käfig, ohne sich ein einziges Mal zu setzen, und wenn er es tut, ist es ein Zeichen, dass er brüten will oder sterben. Die ideale Zweifüssigkeit des Vogels erklärt sich aus dem zweiten Merkmal:

2. Das ineinandergeschobene Skelett. Man vergleiche auf Abb. 200 das Skelett 1 des Reptils, typisch für alle laufenden Wirbeltiere, und das Skelett 4 des Papageis. Die Wirbel des Rumpfes sind beim Vogel zu einem festen Stück verwachsen. Das Becken ist eine Schale, in der die Eingeweide ruhen, und das Brustbein ein Schild, der sie abdeckt. Durch die Zusammendrängung der Eingeweide im Becken liegt der Schwerpunkt des Vogelkörpers tief, und hierdurch wird dem schwebenden Vogel wie einem gut beladenen Schiff seine Stabilität gegeben.

3. Die Abschaffung des Schwanzes. Man kann eine Ochsenschwanzsuppe bestellen, aber keine Hühnerschwanzsuppe, denn der Vogel hat den langen Wirbelschwanz, der für den Archäopteryx noch charakteristisch war, auf einen Stummel reduziert. Dagegen gibt es einen langen Hühnerhals, und dieser Gegensatz: kurzer Schwanz, langer Hals ist typisch für den Vogel. Er braucht den langen Hals, damit er seinen Kopf, der durch die Zweibeinigkeit erhoben wurde, zur Erde bringen kann; daher haben die Vögel umso längere Hälse, je höher ihre Beine sind.

4. Der Flügel. Der Vogel hat seine Arme in Flügel verwandelt, und aus den Schuppen sind lange Federn geworden, eine Umformung, deren Hergang wir uns mit unseren gegenwärtigen Kenntnissen nicht vorstellen können, die aber unzweifelhaft in der Epoche zwischen Reptil und Archäopteryx vor sich gegangen ist. Durch den ausschliesslichen Gebrauch der Arme zum Fliegen haben sich die Finger zurückgebildet, und der Vogel ist seines Greiforgans verlustig gegangen. Um sich vorzustellen, wie ein Vogel lebt, lasse man sich die Hände auf dem Rücken zusammenbinden: Er geht ohne Hände durch das Leben. Alles, was er tut, muss er mit den Füssen und dem Kopf machen, und umso bewunderungswürdiger erscheint die Kunst, mit der er seine Nester baut. Auf ihn kann man den bekannten Satz Lessings anwenden: Raphael wäre auch dann ein grosser Maler geworden, wenn er ohne Arme geboren wäre.

5. Luftknochen und Luftsäcke. Um sein Gewicht zu verringern, nimmt der Vogel aus seinen Knochen soviel Material heraus wie möglich. Die knöchernen Platten seines Schädels sind dünn wie Pergament. Ein Pelikan wiegt 25 Pfund, aber alle seine Knochen zusammen wiegen nicht mehr als eines. Die Hohlräume in den Knochen benutzt der Vogel zum Einbau von Luftsäcken, die von der Lunge her aufgeblasen werden (12). Dreimal in der Geschichte der Tierwelt begegnen wir Luftsäcken: bei Insekten, Fischen und Vögeln, also jenen Tieren, die sich im dreidimensionalen Raum bewegen. Wird ein Vogel geschossen und läuft dem verwundeten Tier die Lunge voll Blut, so dass es nicht mehr atmen kann, so erstickt es noch nicht. Das Leiden des armen Tieres wird dadurch verlängert, dass es durch die gebrochenen Knochen seiner Flügel zu atmen vermag.

6. Der zahnlose Schnabel. Dem Prinzip, den Körper zu erleichtern, sind auch die Zähne zum Opfer gefallen. Der Archäopteryx trägt noch Zähne wie die Reptilien. Aber Zähne brauchen starke Kiefer als Sockel; daher wurden sie als Ballast über Bord geworfen, und der Vogel segelt mit einem zahnlosen, von Hornkiefern umrahmten durch die Luft. Dies ist die gegenwärtige Erklärung nach dem Prinzip der Nützlichkeit; ob sie richtig ist, kann man bezweifeln. Da der Vogel den Schnabel zum Hantieren benutzt, nimmt dieser je nach der Lebensart eine Sonderform an, und eine Sammlung von Schnäbeln ist eine wahre Musterkollektion von Werkzeugen, von den langen Saugröhren der Kolibris bis zu den Markttaschen der Pelikane, vom breiten Löffel der Ente bis zum Nussknacker des Papageis.

7. Der Kropf. Da er keine Zähne hat, kaut der Vogel nicht, sondern schluckt oder würgt seine Nahrung unzerkaut herunter. Die Zerkleinerung erfolgt nach dem Schlucken im Magen oder vor diesem in der Speiseröhre, die zu diesem Zweck erweitert oder verstärkt ist zum Kropf.

8. Der Kaumagen. Da die Nahrung nicht im Mund gekaut wird, muss es im Magen geschehen. Dieser ist im typischen Fall zweigeteilt. Der eine Teil ist ein Saft, der andere ein Kraftmagen mit jener dicken Muskelwand, die wir als Hühnermagen verzehren. In diesem findet die Köchin beim Öffnen Steine. Diese schluckt das Huhn nicht etwa zufällig herunter, sondern die Steine im Magen des Huhns sind die Zähne, die dem Schnabel fehlen. Sie sind ein verschlucktes Gebiss. Hindert man das Huhn an der Einverleibung der Steine, so stellen sich, wie beim zahnlosen Menschen, Verdauungsstörungen ein.

9. Abschaffung aller entbehrlichen Doppelorgane. Zur Erleichterung des Körpers lässt der Vogel von jenen Organen, die er durch die ZweiseitenSymmetrie doppelt besitzt, jene verkümmern, die er entbehren kann. Er hat nur eine Niere und das Weibchen nur einen Eierstock. Die Harnblase, die ein zwar praktischer, aber nicht lebensnotwendiger Behälter ist, wird abgeschafft, und der Urin in den Mastdarm entleert, dessen Öffnung man die Kloake nennt. Die Hoden der Männchen sind so winzig, dass man sie nur in der Brunstzeit findet, wenn sie um das 20 000fache angeschwollen sind. Auch die äusseren Geschlechtsorgane fehlen. Das Männchen presst einfach seine Kloake gegen die des Weibchens.

10. Das Legen von Eiern. Um den Körper nicht durch Brut zu beschweren, hat der Vogel die Sitte der Reptilien, Eier zu legen, beibehalten. Es gibt Fische, Reptilien und Säuger, die lebende Junge gebären, aber keinen Vogel, der es tut. jene, die gute Flieger sind, legen wenige und kleine Eier, während diese bei den Laufvögeln bis zur Grösse der Strausseneier anwachsen. Die Eier des ausgestorbenen Riesenvogels Äpyornis, von denen noch ungefähr 25 erhalten sind, wiegen leer über 5 Pfund und fassen einen Inhalt von 9 Liter, also 150mal mehr als die Eier des Huhns. Sie sind hochbezahlte Raritäten, deren Preis über 1000 Franken beträgt. Noch dreimal mehr wird für die Eier des ausgestorbenen RiesenAlks geboten.

11 . Hohe Temperatur des Blutes und hohe Zahl der Blutzellen. Ein auffallendes Merkmal des Vogels ist, da er doch von kaltblütigen Reptilien abstammt, die hohe Temperatur seines Blutes, die Schnelligkeit des Herzschlages und die hohe Zahl der besonders kleinen Blutzellen. Nach Menschenbegriffen lebt ein Vogel in stetem Fieber. Es ist dies ein markantes Beispiel dafür, dass die frühere Auffassung, in der Natur würden die Fortschritte langsam und stufenweise erzielt, zwar als Regel richtig, aber keineswegs ein Gesetz ist. Der Gegensatz zwischen Reptil und Vogel in Temperatur, Schnelle der Reaktionen, Charakter und Lebensstil ist derart unvermittelt und widerspricht dem doch sonst konservativen Charakter des Reptils derart, dass man niemals auf den Gedanken kommen könnte, der Vogel sei ein gefiedertes Reptil, wenn nicht Geschichte und Anatomie es unbestreitbar lehrten.

12. Die Feder. Das einzige, wahrhafte Charakteristikum, das man wirklich nur bei Vögeln und unter diesen an jedem Vogel ausnahmslos findet und das folglich seinen Träger eindeutig als Vogel charakterisiert, ist die Feder. Fische und Reptilien tragen Schuppen, Säugetiere Haare, Vögel Federn. Die Schuppe ist die Mutter von Feder und Haar, und die Feder das bestentwickelte der drei Gebilde, denn während Schuppen und Haare nur passive Schutzorgane sind, ist die Feder nicht nur die Tragfläche des Flugzeugs Vogel, sondern auch dessen bewegter Propeller. Man braucht nur irgend eine Feder in die Hand zu nehmen, um in helles Entzücken zu geraten über dieses und trotzdem fast unangreifbare Gebilde. Ob man es als Künstler oder als Techniker betrachtet, man ist immer wieder erstaunt, mit welch einfachen Mitteln hier der Natur eine ihrer grössten Schöpfungen gelungen ist. Nimmt man eine Lupe zur Hilfe, so entdeckt man Finessen und Schönheiten, die das Auge gar nicht ahnt. An einer wohlentwickelten Feder gehen vom Hauptschaft über 600 Äste ab, von jedem Ast über 600 Strahlen, von jedem Strahl Dutzende von Wimpern, und jede Wimper wieder trägt über 500 Haken. So sind im Gerüst einer einzelnen Feder mehrere Hundertmillionen Haken aus Horn verzahnt, und es sind Hunderte solcher Federn, die kunstvoll zu einem Fächer zusammengestellt den Vogel dahintragen, über uns, im blauen Raum verloren, / Ihr schmetternd Lied die Lerche singt; / Wenn über schroffen Fichtenhöhen / Der Adler ausgebreitet schwebt, / Und über Flächen, über Seen / Der Kranich nach der Heimat strebt.

(aus: Das Buch der Natur, von Dr. Fritz Kahn, Albert Müller Verlag AG, Rüschlikon ZH 1952)