Kunst ist gut für Ekelhafte. Eine Suada
Birgit Kempker
 

 

 

29.11.1999


 

 

Ausdenkekel. Ich ekel mich lieber, als dass ich mich nicht ekel. Angst vor Nichts. Vor Tod. Vor Auslöschung. Wunschangst. Ekelsucht. So wird es sein.

– Ich habe lieber, dass ich voll bin, dass ich brechen kann, als dass ich leer bin und brechen muss, so ähnlich Wittgenstein im Tagebuch, aus dem Gedächtnis, – oder nicht mehr stechen kann.
Ich mag Tagebuch. Was ist: Ich mag Tagebuch? Es ist Fiktion. Was ist Gedächtnis? Es ist ekelhaft. Es ist das Erträgliche. Es ist Barmherzigkeit. Es ist Lug. Trug. Fusch. Sinnsucht.
Oder es ist wirklich Wittgenstein: "Oder ist das nur eine Einbildung ähnlich der wenn man fühlt man möchte erbrechen wenn tatsächlich nichts mehr drin ist?"

Aussagesatz. Fragesatz. Ich ekel mich vor Fiktion. Vor Vokabeln. Konstruktion. Sogar vor Körperbau, wenn es im Satz steht. Da stehts. Ich ekel mich vor: Ich ekel mich vor Fiktion. Sehen Sie das Ich am Anfang der Schlange? Was heisst hier sehen? Ich ekel mich schon lange, auch vor Reim. Reimzwang. Ich ekel mich vor Satzkopf, Satzschwanz, Satzmittelstück, Satztorso, Satznabel, Satzzwang – Kunst ist gut für ekelhafte – schreibt Sonja Sekula, ich ekel mich vor Zitat, trotz Trost und Schatten, den Zitate spenden, siehe Wittgenstein. Was heisst hier siehe? Ich ekel mich vor Zikaden. Ich ekel mich davor, wie wenig Ekel ich an mir ertrage, wie wenig Ekeltoleranz ich habe, wie ekelhaft ich mit mir bin, wie sehr ich das geniesse.

Es am langen Stück hervorzustossen, Zeile für Zeile, oder auch in die Zeitung, ins Magazin, wie sehr ich mich ekel, das zu tun- vor Fiktion- heisst Lust, falsch, richtig: heisst Paradox pur, Ekel par excellence. Paralyse. Es legt mich flach. Flach biete ich der Welt wenig Widerstand. Was mit gefällt. Welcher Welt? Welches Ich? Ich fall aus mir selbst heraus um. In Ohnmacht. Darum herum kreist dieser Satzkomplex, der sich ekelt und davon spricht, Segment für Segment, statt träumen, aufwachen, über Traum lachen, weiter machen, kleines ekelhaftes Räpchen hier am Rändchen, nein, das Ich hier macht Häufchen, Honigreden am Schnürchen – Mo, moie oder no, wir – belchisch für Ich, heblisch, ein weiterer Veteran, Veterinär wird ins Vertrauen gezogen, auf belchisch für Ich gern auch: Metzger.

Ich ekel mich , dass es mir einfällt, mit mir durchgeht, dies laue Pferd, falsch, richtig: fahle Pferd, Johann Peter Hebel, ich ekel mich nicht vor Pferden, falsch, richtig: ich ekel mich nicht vor Fehlern, nicht vor:
– wenn ich jetzt zu Pferden komme, nenne ich sie Inspektor- nicht vor Wittgenstein, sein Traum, ich ekel mich nicht vor Tagebuch, Hebel, Hebels Belchismus. Ich ekel mich nicht vor Geheimsprache, Chiffrieren. Ich ekel mich nicht vor den belchischen Worten für Ich. Vor – Mo, moie, oder no, wir- ekel ich mich nicht. Ich ekel mich nicht vor Metzger, dem Wort für den incognito Reisenden, den Unerkannten, den nach dem äusserlichen Schein Beurteilten. Ich ekel mich vor nichts, was mir nicht einfällt, sondern einem anderen Ich. Ich ekel mich davor, dass mir einfällt, dass ich mich vor nichts ekel, was mir nicht einfällt. Ich ekel mich davor, nicht auf der Welt zu sein.

Ich ekel mich, dass mir überhaupt dies einfällt – trotz Pferdeinschub, also Vitalstoss, Zitattrost und eklige Zikade, trotz Bachmann, Reiten und soviel Wiener Wirklichkeit und Blut und Wittgenstein, Hebel und Träume – und nichts anderes, als es in langen Stücken – fast schriebe ich Schüben – sowas wie Pappeln, jetzt Rauschen, jetzt Mühlen, jetzt bitte keine Analogie, keine Geräusche, kein Klappern, bitte kein Kategorienfehler, bitte keine Schlangen, kein Blinddarm, nur Schübe, vor was ich mich ekel, und Abbruch.

– Ich stand im Haus. Ich lag auf der Küchenbank. Ich ass sehr viel Eis aus dem Kühlschrank. Das Eis war kühl und bunt und mein Geschlecht purpurn und heiss und ich schloss die Augen und rieb es sehr doll, bis der Vater mich entdeckte und ich eine Ohnmacht vortäuschte und zu Boden glitt, sie achteten auf meine Schultern, dass sie nicht hart auf den Boden knallen, es war also noch jemand da, kaum war ich unten, stand ich auf, ich war in keiner Ohnmacht gewesen, auf der Strasse standen zwei nackte Mädchen, ich bot ihnen Wasser aus Gläsern, die kein Wasser hielten und eher zum Ritzen und Stechen geeignet wären, dann verliess ich diesen Traum – schrieb Sonja Sekula in New York.

Ich ekel mich vor Schweifzwang, Bekenndrang, Gedankenstrich, vorm Kidnapping von Texten ekel ich mich nicht – ich schliesse an( ich ekel mich auch vor Anschluss, Ordnung, Einschub, Klammer und aber nicht vor Schrank und Schublade) – dass es mir einfällt, es in langen Stücken hervorzustossen, hier Anschluss, dass ich es zu Ende bringen muss.

Dass ich kein Glas austrinken kann, dass ich immer den letzten Schluck in der Tasse lass, ekelhaft ist das und dass ich einen Schrank und jede Schublade weniger ekelhaft finde als einen Titel, einen Behälter, einen Nachnamen, Futteral, dass dies keine Gedanken, sondern vorgezimmerte Sätze sind, Särge, dies Bild, Blei, dass ich Schreiner beleidige, dass ich auf fahlem Schimmel reite.

Kinder, in langen Reihen, die Antwort von Schopenhauer oder Nietzsche auf die Nervosität der Frauen oder Hysterie, ein Gegenmittel. Was lang ist, beruhigt.

Spring. Spring zurück. Seilchen. Gut Seilchen, spring weiter zurück. Spring in den Stadtpark. Flamingo. Wenn schon Fiktion, dann spring. Ich ging durch den Stadtpark an den Flamingos vorbei. Ich ging nicht vorbei. An den Flamingos vorbei ging ein Hirn, in dem sich ein Mädchen einem Liebhaber mit viel Aufregung bizarr verschloss, vielleicht der Lehrer, der gar nicht da war, und das war möglich, oder der Vater, ohne dass dem Mädchen weder die Bedeutung des Wortes Liebhaber bekannt war, noch die von bizarr, auch nicht brachial, erst recht keine Behandlung der Glieder.

Apropos Geister: es war wohl zart, zart wie Wittgenstein, der zu zart zum Brechen ist, schreibt er ins Tagebuch: zu schwach zum Brechen.
– Das einzige, was einmal an mir brechen wird und davor fürchte ich mich manchmal ist mein Verstand.–

Ich ekel mich vorm Brechen des Wortes Brechen, verstehn Sie? Was heisst hier Verstehen? Ein durch den Mainzer Stadtpark spazierendes, träumendes Hirn, süsslich wummerndes Herz, ein lose zu einem Mädchen gebündeltes Mädchen ging an den Flamingos vorbei in die Schule.

Über dem Tor stand: Tue was du tust. Bis unter dieses: Tue was du tust, baute das lose gebündelte Mädchen Situationen, schob übereinander, verstärkte, besetzte, wiederholten, wechselte Figuren, Orte, Motive, Sätze, Begleitumstände, auch Tiere im Kopf und Drama, Sehnen, Muskeln, Arterien, Nerven, Wurzelgeflecht, ich sage hier Kopf, als habe es Füsse gehabt, auf den Boden gesetzt, unter das Schulpult geschoben, nachdem es unter dem Tor stand und etwas sich in ihm für Klasse, nicht für Frau Holle, Pech, Gold, Hähne, Kissen, Feder und Himmel entschied, Spindel und Brunnen.

Es lief unter Wirklichkeit. Es lief aus dem Bungalow in den Stadtpark an den Flamingos vorbei durch die Altstadt bis unters Tor. Bei Johann Peter Hebel läuft das fahle Pferd unter Kapitel: - Die Erde und die Sonne - als Bild für gelehrte Leute, die nicht alles wissen, und doch darauf reiten. Auch das Mädchen ritt. Es wusste nicht alles. Es war kein Bild. Es war kein Pferd. Es war kein Fliegen, kein Reiten, kein Fahrradfahren, es war kein Paddeln, kein Kriechen, kein Kraulen, kein Staken, kein Hüpfen, es war keines Tieres Gang und es war nicht ekelhaft, weil das Wort noch nicht da war dafür.

Fiktion ist deshalb eklig, weil sie noch ekliger ist, als wegen was sie Fiktion ist. Fiktion ist Fiktion wegen Materie. Da stehts. Fiktion hat keine Lust auf Flamingos. Fiktion hat keine Lust auf Fleisch. Was geht denn Fiktion die Lust an? Viel. Fiktion und Lust stehen in unmittelbarem negitavem Zusammenhang. Fiktion steht mit dem Unmittelbaren auf Kriegsfuss. Fiktion steht unmittelbar mit Lustfuss. Auf was? Auf Gras? Auf Dielen? Auf Kacheln? Unterm Pult? Im Teich? Schuld.

Flamingos stehen auf dünnem Bein so rosa am Teich, dass sie sich vom Abendhimmel kaum unterscheiden. Flamingos sind Übergangsvögel. Abhebungsarm. Fiktionshebel.

Je länger das Stück über die langen ekligen Stücke wird, je mehr ist es so weit, dass Fleischflamingo Fiktion ist, den Flamingo rückgängig macht, und gleichzeitig begehbar. Ich hatte ihn gelöscht, um ihn wieder hinzusetzen. Schlimmer. Ekelhafter. Um mit nichts zu tun zu haben, was ich nicht hingesetzt hätte. Es war multiomnipotenter Sysyphosrausch. Begehrbar.

Ich schaute in den Himmel und war gedemütigt durch den Zwang, im Himmel diese Tiere sehen zu müssen, schüttelnde Frau Holles, Drachen, Maulwürfe, Ratten, Sie kennen diesen Terror, auch unter dem Tor: Ich, die Pechmarie, dieser ungebetener Kleckstest samt Deutung, wenn dich der Himmel analysiert, der Schuh blutet, die Nase juckt und du denkst es ist dein Schwanz.

Kunst ist gut für ekelhaft. Ich finde den Satz gut, ein bisschen eklig, aber gut. Der Satz ist kurz und glitschig, quatsch, richtig: und beruhigt doch so, als sei er eines dieser langen beruhigenden Dinge, die sich dir anstelle der Wirbelsäule in den Leib hineinschieben, dich zusammenhalten, schrauben, du als Tannenbaum, hier Fantasie Einhalt gebieten, Ficken?

Kunst ist gut für Ekelhafte. Ich schau den Satz gern an. Viel lieber als den Himmel. Wenn ich den Satz so anschau, seh ich in ihm keine Tiere. Er hilft mir die Enten in Ruhe zu lassen.

Sätze pusten Ekel weg, wenn sie gut für Ekelhafte sind. Sätze können an Stelle für Ekel treten, Stellvertreter, Platzhalter, Pusteblumen, Ruhestrecken, Kuschelkissen sein. Sie können aber auch schlimmer als Enten Aufruhr und Desaster sein. Enten könnten auch Enten sein. Ruhefleisch.

Das heisst, dass Ekel gar nicht ekelhaft ist, denn der Satz von den Ekelhaften ist Fiktion. Was heisst: der Satz ist Fiktion? Heisst das den Satz gibt es in Wirklichkeit nicht? Für Sätze und Enten, auch für Flamingos, gelten entgegengesetzte Gesetze, speziell apropos Wirklichkeit. Logik ist extrem ekelhaft. Was mich am Satz von den Ekelhaften so wenig ekelt, ist, dass sich schon jemand vor mir geekelt, nämlich Fiktion gemacht hat, meinetwegen auch Flamingos oder Enten und ich erst in zweitem Grad schuldig – meinetwegen auch Gott – weil ich das lese, was für Ekelhafte gut ist und also ekelhaft bin, ich, wenn es gut für mich ist, was mich beruhigt, was ekelhaft ist.

Was mich beruhigt, betrügt mich, falsch, richtig: Was mich berührt betrügt mich. Ich glaube: – Kunst ist gut für Ekelhafte – ist ein Satz, der Liebesbetrug beruhigt. Es gibt es viel mehr Liebesbetrug als Sätze, falsch, richtig: als Beruhigung. Gemeines Gebiet. Spring weg. Frag: Warum macht jemand Fiktion? Fiktion ist Lösung für Stoff.

Oh, ich ekel mich so. Wer Fiktion macht, will Stoff lösen, wie Urin. Wer Fiktion macht, will das Leib-Seele Drama lösen, falsch, richtig: auslösen. Wer Fiktion macht, will den Leib löschen. Trennung keinen Angriff bieten. Ich freue mich, dass auch Wittgenstein selig mit zwei e schreibt. Fiktionsfreude. Schreibschwäche. Wortfetisch.

Wo nichts ist, soll nichts sein. Aber nein, es geht weiter, wird länger, es breitet sich aus. Wer Fiktion macht, sehnt sich nach Nichtstoff. Nichtwiderstand. Nichtwelt. Nichtich. Ist dadurch der Flamingo aus der Welt? Der Fuss? Der Park? Das Tor? Betrug? Tor ist das genauere Wort als Tod.

Heisst: ich ekel mich gern, ich mach gern Fiktion? Beschmier dir mit dem Töpfchen bei Kloppe nicht das Köpfchen. Das kommt aus der Kindheit. Fiktion kommt immer aus der Kindheit. Wir kommen alle aus der Kindheit.

Was ist ekelhafter als Fiktion? Rhetorik. Wer Rhetorik macht betrügt die Fiktion. Rhetorik ist eine Art Fiktionssimulation, ohne sich dreckig zu machen. Ohne Häufchen legen stinken. Ich ekle mich weniger, wenn ich mich beim Fiktion machen dreckig mache, als wenn ich dabei sauber bleib. Wer Rhetorik macht, handelt wie der, der Fiktion macht, unter Zwang, Sauberkeitszwang. Ausserdem muss er nicht wirklich.

Wer, wenn er auf Welt stösst, Fiktion machen muss, weil er diesen Zwang hat, und auch diesen anderen Zwang, Sauberkeitzwang, der weicht, kurz bevor er Rhetorik macht, zum Beispiel aus. Ein Beispiel machen ist dreckig. Ich mache eins.

Ein Beispiel. Der Mann in der Ubahn mit listigen, zwischen verschlagen und verschlafen schlingernden knopfigen Augen, mit Nappalederjacke, den fleischigen Nacken tief gebeugt und von unten nach oben die ohnehin längere, strengere Frau anhimmelnd, die vor Aufgelöstheit stockstarr in Trenchcoat und Steghose steht, hält den Sohn mit dem Kopf unterm Kussmund zum Küssen bereit, während er mit der linken Hand im Toupierten der Frau ist, glatte Strähnchen seitwärts, dem harten Hals entlang drehend, zwirbelnd, bittend, schön schleimig zärtlich, eben ekelhaft eine Pose stehend, eine Liebesstory spielend und hat er denn drei von der Sorte und beruhigt jede auf diese Art?

Noch eins. Dasselbe Bild in anderen Gestalten, auf Bänken, Stühlen, Booten, stets rechts der Mann, der mit der linken Hand die Haare wie selbstverloren in Mamis Haaren rupft, zupft. Die Selbstverlorenheit ist kalkuliert. Wie löst sich dieser Stoff? Sahen die Berliner alle denselben Film? Babyschub? Es ist der Schneeballeffekt. Das Bild fräst sich in die Berliner, bis es sich jeweils bei der Berlinerin aussen am rechten Hals, in den Haarspitzen beginnend, materialisiert und eines Berliner s Hand zu sich zwingt. Dann Kind.

Ist der Ekel vor Fiktion Tarnung für Ekel vor Rausch? Da drängte die Lösung zum Stoff. Schlag nicht laut auf den Topf. Es ist ganz heiss. Willst du die Süssigkeit nicht? Es wird heisser. Ganz ruhig. Vom Stoppen dreht sich der Magen. Es ist Ekelrausch.

Vor der Ente stehen und aus der Ente Fiktion machen, nämlich siehe oben und siehe Hamann – die eckele suada eines krautweibes – das ist eklig, weil es die Ente in mir bremst, das ungebremste Selberentensein, das Fluten zwischen Ente und mir, der ganzen Zoo und Kosmos, Zirkus erfährt eine empfindliche Kränkung durch den abrupten Seinsunterbruch per Fiktion, per Selbstbehauptung, drum sag ich hier halb englisch: Sorry Sein.