Das Wiepersdorfer Gefühl 1 (Fassung Juni 99) work in progress
Birgit Kempker
 

 

 

30.8.1999


 

 

Hier will ich sein. Hier will ich in meinen vielen Stäben sein. In meinen vielen Herzen, ich Huhn. Hier flatter ich, ich sibirischer Mohn. In Unruhe. Mein Herz ist mein Käfig. Es brennt. Es ist auch mein Herr. Hier ist Wüste. Hier ist die Bukolei.

Hier wohne ich. Hier ist Ruhe. Ich habe nicht Hölle gesagt, nicht Höhle, nicht Löwenzahn, nicht gefragt, wer mich hört, wer mich pustet, wer mich Blume nennt, Niemandsbraut, nicht die Dachse gerufen vor meinen Bau und nicht den Zerberus. Ich weiss, ihr wollt mein Ei.

Es knirschen die Wege, es crashen die Wagen, ich überschreite den Rubikon. Ei Heinrich, Heinrich, es ist ja der Wagen gar nicht. Brecht mir meine Stäbe nicht. Sucht mir meine Linde. Bringt mir Körner und Stäbchen und nennt mich das Huhn.

Hier will ich lächeln. Determined to fall A weather exposed skeleton I cannot help the sore wind Blowing through my heart. Ich kann den Winden nicht verbieten, durch mein Herz und deinen Frequenzen nicht, durch meine Knochen zu gehen, und dir nicht, überall wo ich bin meine Zirze zu sein, mein Zirzen, und all den Zitzen nicht, im Durst süss zu spritzen, ich verbiete der Liebe nichts, auch nicht Milch, keinem Luder. Ich verbiete dir nicht, sweet surrender zu sagen und nicht, gar nicht an den Rand mit mir mit dir zu gehen.

Ich verbiete das Unglück nicht, das Unken nicht, das Käuzchen verbiete ich nicht und den Trollen nichts, auch dem Kopf nicht im Fenster, dass er trunken fast vom Stengel fällt und 20 Meter daneben dem Dach des Försters nicht, dass er den Förster und auch die Fanfare, Trompete und all die Trunkenen hält. Die Nacht verbiete ich nicht.

Ich kann dem Haus nicht das Dach verbieten, dem Wald nicht den Förster und dem Förster nicht den Wald. Dem Ziegel nicht, dass er zermalmt als Tennisfeld dir unter deinen Füssen liegt, dem Schloss nicht, dass es verkauft wird und dir deinen Namen Malström nicht.

Ich kann den Hühner nicht verbieten Hühnerlängen hoch in den Baum nach den Pflaumen zu springen, und den Körpern nicht, sich zu schliessen im Herbst, auch im Sommer nicht, wenn die Liebe nicht aufgegangen ist und aber der Wind bläst und Hagel und du bleibst mitten drin im Wirbel stehen, wem verböte ich das? all den Bäumen verbiete ich nicht, das Blattgrün zu sammeln im Stamm, den Wurzeln verbiete ich nicht, die Bäume zu halten im Wind, den Zäunen nicht, das Haus zu halten im Meer, ich verbiete dir nicht die Käfer im Wasser auf dem Kopf an Land zu schwimmen, auch nicht auf dem Rücken und dir auf der Stirn das Tier, dem Pilz nicht das Gift und meinen Armen nicht, dass du in ihnen sicher bist, auch wenn ich aufgeregt bin und nicht schlafe, wenn du schläfst, und der Mücke meinen Arm hinhalte, dann kann ich ihr dein Blut doch nicht verbieten, das ihr schmeckt.

Ich kann dem Rosa nicht das Grün und den Gänsen das Gelächter nicht verbieten, dem Förster die Hündin und der Hündin des Försters Aprikosenkekse und dass sie sein Fräulein ist, nicht. Basho nicht Sätze und Wege und dass ich meine Eier gebe, häufig schwebe, wechselhaft und wie das Wetter bin, verbietet mir das nicht.

Ich kann den Hühnern nicht verbieten, dass ich ihren Hintern seh. Ich kann dem Ei nicht verbieten, dass es in Damen verschwindet und in Männerhände sanft abgelegt ist, und aussen an den Händen die Haare nicht und auf der Brust, nicht den Geruch und nicht, dass ich ihn liebe und rund mit dir bin, wie die Mirabellen, die in Damen kullern und in Männermündern danach und in wem, wer schon vorher in blauen Konkordanzflammen steht, oder dann, und auch nicht, dass ich selbst in die Höhe steh, auch wenn wir nicht synchron sind, oder deshalb, und uns löschen, und den Rosen das Stechen und den Knaben das Brechen und der Heide das Blühen natürlich nicht.

Ich kann den Blättern nicht verbieten, dass sie fliegen und nicht den Küssen darauf, dass sie der Regen wischt. Ich kann den Winter nicht verbieten. Ich kann dem Kamm das Rotsein nicht verbieten, dem Wacholder nicht das Blau. Auch dem Schnee verbiete ich nichts. Ich kann den Äpfeln nicht verbieten, dass sie das Schwanenpaar kickt durch den Hof mit synchronen Flossen und frisst mit parallel geschlängelten Hälsen, im Schloss, und giftig in den Märchen, und auch dem Geliebten nicht, mich nicht zu lieben und auch dir Natter verbiete ich nicht den Busen zum Nagen und mir nicht, dass ich geteert und gefedert mitten in des Käfigs Herzen noch nicht ganz abgefackelt immer noch ich bin und dir nicht, dass du fehlst.

Ich kann dem Hof nicht verbieten, vor deinem Fenster, dass er dich und mich als seinen Mond romantisch zu sich nimmt. Ich kann den Lippen nicht verbieten, nach deinen zu picken und deinen nicht, dass sie, wenn sie meine sehen, zur Seite gehen, automatisch.

Ich kann dem Regen nicht verbieten, dass er meine Federn nässt, und mir nicht, dass ich sie lasse, und den Bäumen nicht, dass sie im Wald stehn, auch nicht den Feldern, und den Körnern nicht das Knäckebrot, dem Riedgras nichts, nichts den Tulpen, besonders aber nichts dem Wind und nicht dem Meer den Meerestiefenpunkt.

Ich kann dem Salz nicht verbieten ins Wasser und den Tränen nicht, in den Eimer zu gehen. Ich kann dem Fluss die Krokodile nicht verbieten und dem Krokodil nicht das Gnu, das Schilf nicht dem Tümpel, dem Papier nicht die Schiffchen, auch nicht dem Sufi das Drehen.

Ich bin das Huhn. Lasst das Gift. Lasst den Köcher. Blast mir nicht aufs Herz. Tretet mir nicht auf die Kralle. Rupft mir nicht den Hals. Trachtet nach meiner Haut, den Flügelchen, nach Niere, Leber, Blase und Augen trachtet mir.

Stopft mir nicht den Hintern mit Muscat, nicht den Bauch mit Lorbeer, die Kehle nicht mit Rosmarien. Spuckt mir nicht ins Auge. Ich bereite mich vor auf die Liebe. Ich bin das Huhn. Es dauert noch 1000 Jahre. Hier will ich einmal ganz aufgegangen, in Vorbereitung ganz gefangen sein, dass die Einflugschneise sich bilde und blühe und die Liebe hier durch meine Stäbe fliegt und mich pflückt. Bündelt und schnürt mich, packt mich, bettet mich ein. Stürzt mich mit dem Kopf in die Heide. Stecht mich ins Meer in den Schlamm. Mein Busch will brennen und die Hecke blühen. Ihr sollt mich Rose nennen. Ich bin das Huhn.

An meine Stäbe: Muss einer nicht schlagen, dass man ihn hört? Wo sind die weichen Schwänze? Wo ist die Rute? Wo sind denn die vielen Biber? Wo sind sie alle geblieben? Wo ist mein Pfand? Wo sind die vielen Wege? Wo sind die weichen Beeren? Wo sind die Finger und Kuppen? Wo ist all das Horn und die Stämme? Gebt mir mein Ritual. Tötet mich. Bindet mir fester die Fesseln mit Zwirn. Hängt mich in den Baum. Betrachtet mich, wie ich hänge.

Nussschale bin ich nicht. Moses transportier ich nicht. Meere zerteil ich nicht. Meine Liebe ist ganz ohne mich. Meine Eier suchen ihren Herrn. Durchbohrt bin ich nicht. Ertrunken bin ich nicht und auch nicht
gefunden. Sebastian heiss ich nicht. Gewünscht bin ich nicht. Verflucht bin ich nicht. Geschlachtet bin ich nicht. Geboren bin ich nicht.

Mich haben die Raben verraten und auch die Schwestern, mich hat keine Mutter gesehen, auch kein Vater, mir hat man den Himmel nicht nah heran gebracht, an mein pfingstliches Huhn, nicht das Gras, auf dessen Schneide ich steh bis zum Scheitel.

Heinrich bin ich nicht, dessen Bande brechen um das Herz, das da liegt in grossem Schmerz. Es ist der Wagen nicht. Es ist nicht der grosse Wagen. Es kommt vom Himmel nicht. Auch nicht aus Griechenland. Es ist der Käfig, der mein Herz ist, worin ich wohne, was brennt, und niemand mich bei meinem Namen nennt. Rumpelstilzchen bin ich nicht. Doch viel zerrissen und blind und auch auf der Lichtung, wo Zedern stehn und ich picke, bin ich nicht.

Nennt mich den, der das Korn pickt, der Sand aufwirbelt, der scharrt. Nennt mich Malström. Nennt mich Huhn. Nennt mich chicken, Hühnchen, Hühnchenbrust, dem das Herz im Käfig pumpt, in dem er drin gefangen sitzt und purpurn eingeschlagen ist in sich selbst wie ins Futteral gesteckt: der Mann in der Frau, in den Handschuh die Hand, der Schuh in den Traum, in den Kopf des Esels der Aal, wie die Weisheit im Uhu, hört doch wie der Baum und die Zwiebel die Ringe nicht zählen und nicht weinen, auch das Huhn weint nicht, niemand flennt, und nicht der Stein, nennt mich Rittersporn.

Wären meine Stäbe nicht, ergöss ich mich und hinge im Raum und bevor mich die Liebe erwischt, wär ich weg, eine Wolke, ein Wind, ein Vogel statt vögeln, ganz ausserhalb der Stäbe Brust, bevor sie beginnt hinüber vor Lust und ganz anders ertrunken, ich bin für die Zeit nach der Liebe vorgesehen, was soll ich die ganze liebe lange Zeit davor denn hier tun?

Verpustet wär ich, hinweggeritten durch Sturm und Wind, abgefackelt, aufgefressen, zerfleddert, zerstöbert, versprochen, verraten, verkauft und ausgeliefert, zerfunkelt, verglitzert, verloren wär ich und: betrayel; zersplittert all die bunten Eier, verjuxt.

Ich hätte manche Kleider getragen, manchen Kuss getan, manches Bett befleckt, auch Frauen gedient und ausgenommen und auch gefüllt, und wär tändelnd so hingegangen und schlendernd, und wär schön verschwendet, hochherzig verschenkt und nicht da gewesen, wenn die Liebe kommt. Haltet mich fest. Dreht mich im Kreis. Versteift mir den Petticoat. Haltet die Donau und den Kaiserwalzer und mich und meinen Schwindel. Bündelt die Bäume fürs Floss. Reicht mir den Stöckelschuh. Haltet auch meine Stäbe. Füttert mich, windelt und wixt mich und reserviert mir das Herz, das mich liebt.

Hier biwakiere ich. Nennt mich das Huhn. Ich bin mit Stäben gebunden. Ich fall in den Raum. Ich fall Wittgenstein in den Schoss, es ist das Wiepersdorfer Gefühl, der Schlüssel liegt im Schloss, unter des Adlers Fittich. Mein Herz ist ein Käfer. Ein Holz. Es liegt auf dem Rücken und zappelt, zu Gott.