Im Dunkeln
Louis Jent
 

 

 

20.12.1999


 

 

Früher wohnte ich auf dem Land. Damals war ich noch verheiratet und lebte in einer Einfamilienhaussiedlung im Grünen, zusammen mit zwei reizenden Kindern und einer Frau, die zur Enttäuschung meines Lebens geworden ist. Die Alimente fressen fast zwei Drittel meines ohnehin nicht üppigen Einkommens als Buchverkäufer weg, und als ich ein Jahr vor der Scheidung aus dem kleinen Haus auszog, das wir uns buchstäblich vom Mund abgespart hatten, musste ich mir eine möglichst günstige Bleibe suchen. Ich mietete ein möbliertes Appartement am Stadtrand von Frankfurt, für einige Monate, wie ich damals meinte, aber unterdessen sind es bald drei Jahre her, seit ich mit zwei Koffern voll Kleidern, dreihundert Büchern und unserem früheren Zweitfernseher hier eingezogen bin.
Das Appartement besteht aus einem Schlafzimmer und einem schlauchartigen Wohnraum mit Kochnische, an die sich eine Toilette mit Dusche anschliesst. Wenn ich am Fenster stehe, blicke ich auf das Abbild des Hauses, in dem ich wohne. Fünfzehn Stockwerke, links und rechts die Drei und Vierzimmerwohnungen, denen eternitverkleidete Balkone vorgespannt sind, und in der Mitte die Appartements mit ihren quadratischen freudlosen Fenstern, deren Eintönigkeit durch gleichfarbene Vorhänge in einem verblichenen Rostrot unterstrichen wird.
Insgesamt sind es sechs Häuser, die hier stehen, eins gleich wie das andere, Plattenbauten aus den sechziger Jahren, nicht viel besser als die in der ehemaligen DDR. Die ersten Bewohner waren womöglich stolz darauf, in Hochhäusern zu wohnen und hinunterzusehen auf die zwei und dreigeschossigen Sozialbauten älteren Datums, die auf der anderen Seite der Strasse stehen. Unterdessen ist das Ganze jedoch ziemlich heruntergekommen. Einige Waschbetonplatten haben sich aus ihrer Verankerung gelöst und sind jetzt mit Eisenagraffen, die aussehen wie riesige rostige Bostitchklammern, notdürftig zusammengehalten. Dort, wo aus den entstandenen Wunden mit Rost und Kalk gesättigtes Regenwasser rinnt, haben sich böse Flecken gebildet. Auf der Höhe der Parterrewohnungen, wo man auf den Waschbeton verzichtet hat, ist die glatte Fassade mit Sprayfarbe verunziert. Sinnlose Schlangenlinien oder Worte wie Fuck you und Paul ist ein Wichser tropfen von der Hauswand. Im Eingang stehen Fahrräder mit gewaltigen Sicherheitsschlössern und Kinderwagen, die an das ansteigende Treppengeländer gekettet sind. Wenn man den Briefkasten leert, muss man durch bedrucktes Papier waten. Die Leute lassen einfach alles auf den Boden fallen, was nach Werbung aussieht. Gewischt wird höchstens alle zwei Wochen, aber nach ein paar Tagen sieht alles wieder gleich aus.
Die Bewohner, vor allem die der Appartements, wechseln häufig. Manchmal teile ich den Aufzug mit Typen, denen ich in einer dunkeln Gasse nur ungern begegnen würde. Dunkle Gasse ist gut; sie leben mit mir unter dem gleichen Dach, sie stellen sich auf dem knappen Quadratmeter Bodenfläche grusslos in meine Tabuzone und werfen mir wilde Blicke zu unter ihren Rastalöckchen oder aus ihrem Schlägergesicht mit gebrochener Nase, während sich die Aufzugstür mit einem asthmatischen Pfeifton schliesst. Sie könnten so tun, als wohnten sie im selben Stockwerk, sie könnten sich an meine Fersen heften und mich zusammenschlagen, sobald ich die Wohnungstür geöffnet habe. Meine Schreie würden so wenig gehört wie in einer dunkeln Gasse. Hier kümmert sich keiner um den andren.
Das gilt nicht für mich, auch wenn zu sagen ist, dass meine Art des Sichkümmerns keinen irgendwie sozialen Hintergrund hat. Ich bin eher ein Beobachter, ein Zaungast, um nicht das Wort Voyeur zu gebrauchen, das der Sache nicht ganz gerecht wird. Das Objekt meiner Observierung ist nicht das Haus, in dem ich wohne, sondern das gegenüber und in vermindertem Masse zwei weitere Häuser, die aber etwas entfernt stehen. Als ich zum ersten Mal nachts am Fenster stand, war ich überwältigt von dem Anblick, der sich mir bot. Ich wohne im achten Stock, also etwa in der Mitte, und mir gegenüber, keine fünfzig Meter weit entfernt, türmte sich das Nachbarhaus auf, jedes zweite Fenster hell erleuchtet, ein unregelmässiger Lichtraster in einer fast vollkommenen Dunkelheit. Es hatte geregnet, und die Lichter spiegelten sich auf den Dächern der vor dem Haus geparkten Autos und in den Wasserlachen dazwischen. Man konnte die Umrisse des Hauses nur ahnen, es sah aus wie ein untergehendes Schiff. Die Menschen hinter den Fenstern, teils beleuchtet wie Skulpturen in einer Galerie, teils nur als Silhouetten oder als unscharfe Schattenrisse sichtbar, je nachdem, ob die Vorhänge zugezogen oder nicht zugezogen waren oder ob es sich bei den zugezogenen nur um Tagesvorhänge handelte, benahmen sich nicht so, als fühlten sie sich beobachtet, noch produzierten sie sich wie Schauspieler, aber mir kam es genau so vor, als sässe ich im Theater, vor einem multiplen Spektakel mit regellos nebeneinander und übereinander angeordneten Bühnen, und auf jeder wurde ein anderes Stück gespielt. Ich kenne niemanden in diesem Haus, was übrigens auch auf die Leute zutrifft, die in meinem Haus wohnen, ich weiss auch nicht wie sie heissen, und wenn ich zum Beispiel der Frau im fünften Stock, die häufig in Fensternähe Wäsche plättet oder sich an einer Nähmaschine zu schaffen macht, auf der Strasse begegnete, würde ich sie womöglich nicht einmal erkennen. Ich kenne sie an der Art, wie sie manchmal unmutig den Kopf nach hinten wirft und ein Wort oder einen Satz herausschreit, so laut, dass ich bei offenen Fenstern ihre Stimme hören kann, während der Mann, der hinter ihr auf dem Sofa sitzt und dem dieser Gefühlsausbruch offenbar gilt, keinen Augenblick lang von der Zeitung, die er gerade liest oder vom Fernseher, der gerade läuft, aufblickt. Ich stelle mir vor, dass sie einmal ineinander verliebt waren, dass sie Herzklopfen bekamen, wenn sie einander umarmten und sich die üblichen total überrissenen Sachen ins Ohr flüsterten. Irgendwann haben sie geheiratet oder sind vielleicht auch nur zusammengezogen, und dann hat sie herausgefunden, dass er ein absoluter Langweiler ist, der sich Abend für Abend mit einem Bier vor den Fernseher setzt und sich jedes verdammten Tennis oder Fussballmatch im Fernsehen reinzieht und, wenn gerade nichts dergleichen läuft, den Sportteil der Frankfurter Allgemeinen auswendiggelernt, während sie jeden Abend bis halb neun in der Küche zu tun hat und anschliessend plätten, nähen oder staubsaugern muss. Natürlich ist von ihm keinerlei Hilfe im Haushalt zu erwarten, obwohl sie doch beide berufstätig sind. Mit dem Sex ist es auch nicht mehr weit her. Meiner Schätzung nach sind beide um die vierzig, aber sie haben keine Kinder. Trotzdem wohnen sie in einer Vierzimmerwohnung, aber wenn es nach elf im Wohnzimmer dunkel wird, brennt das Licht noch lange hinter zwei verschiedenen Fenstern.
Unmittelbar daneben befindet sich das Appartement 5b, die einzige Wohnung, die ich schon einmal von innen gesehen habe. Das heisst: gesehen ist übertrieben, es war dunkel. Früher hat eine alte Frau dort gewohnt. Inzwischen ist sie gestorben. Sie war eine von denen, die abends, wenn sie das Licht anschalten, immer gleich die Nachtvorhänge ziehen. Eigentlich habe ich sie immer nur gesehen, wenn es draussen noch hell war, und auch dann nur, wenn sie das Fenster offenstehen liess, um zu lüften, was selten vorkam. Sie ist vor sieben Wochen gestorben, genauer gesagt vor neun, denn als man die Tür aufgebrochen hat, war sie schon zwei Wochen tot und in einem Zustand, den ich mir lieber nicht vorstellen will. Nachher machte ich mir Vorwürfe, dass ich die Polizei nicht früher angerufen hatte. Aber ich zweifle daran, dass man sie noch lebend aufgefunden hätte. Offenbar war sie hingefallen und hatte sich dabei ein Bein gebrochen und den Kopf angeschlagen. Sie hätte sich nicht so einigeln sollen, dann hätte ich früher gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Ob sie überhaupt da war, konnte man nur feststellen, wenn sie die Vorhänge nachlässig zugezogen hatte und in der Mitte ein kleiner Spalt offenblieb. Sie hatte eigene Möbel und eigene Vorhänge mitgebracht, als sie kurz nach mir einzog. Und die Vorhänge stammten wahrscheinlich noch aus dem Zweiten Weltkrieg, als man verdunkeln musste. Nachdem man sie aus dem Haus getragen hatte, blieben die Fenster tagelang offen, und einmal hat es hereingeregnet. Die Wohnung wurde ausgeräumt, und eines Tages waren die Rolläden heruntergelassen, und ich hatte die ganze Sache schon fast vergessen, als vor etwa einem Monat eine junge Frau einzog. Sie hatte den gleichen Vorhangtick wie die Alte, aber die Verwaltung hatte unterdessen wieder die lichtdurchlässigen Standardvorhänge aufhängen lassen und das Appartement standardmässig möbliert.
Die neue Mieterin zog sofort meine Aufmerksamkeit auf sich. Sie hatte die Figur meiner früheren Frau, schien es mir, mittelgross, schlank und bis auf die Schulter fallendes Haar, und sie bewegte sich mit derselben Grazie. Zwar habe ich sie immer nur umrisshaft sehen können, bis auf ein einziges Mal. Ich stand zufällig am Fenster, als das Licht anging, und ich sah, wie sie die paar Schritte vom Lichtschalter zum Fenster machte und die Nachtvorhänge über die Tagesvorhänge zog. Sie trug ein auffällig helles, wahrscheinlich gelbes Kostüm. Ihr Gesicht konnte ich nur undeutlich sehen, aber ich glaubte zu erkennen, dass sie jung war, jünger als ich, etwa im Alter meiner Frau, mit der sie noch etwas gemeinsam hatte: Sie machte YogaÜbungen, bevor sie sich schlafen legte. Fast immer zwischen elf und halb zwölf.
Es begann damit, dass sie im Schlafzimmer das Licht löschte. Dann zog sie die Vorhänge zurück, auch den Tagesvorhang, weil sie das Fenster öffnen wollte. Ich bekam das mit, weil sie zuvor immer eine Kerze anzündete, die in Fensternähe auf dem Fussboden stehen musste, ich sah nur den flackernden Lichtschein an der gegenüberliegenden Wand und die verschatteten Umrisse der Frau am Fenster. Dann begann sie mit ihren Übungen. Bei der ersten konnte ich sie am besten sehen. Die Frau stellte sich etwa einen Meter von der Fensterbrüstung entfernt hin, ungefähr auf der Höhe der brennenden Kerze zu ihren Füssen, und hob beide Arme in einer Halbkreisbewegung nach oben, bis sich die Handflächen über ihrem Kopf berührten. In dieser gebetsartigen Haltung drehte sie den Oberkörper nach rechts bis ins Profil und dann nach links und schliesslich nach hinten, bis ihr Kopf verschwand. Das machte sie vielleicht fünfmal, dann begann sie mit dem Kopf zu kreisen, zuerst im Uhrzeigersinn, dann gegen den Uhrzeigersinn. Sie trug dabei irgend etwas Weites, Bequemes, das aus einem Oberteil und einem Unterteil bestand. Mehr war bei dem schwachen Kerzenlicht nicht auszumachen. Dann liess sie sich auf den Boden gleiten. Was dort geschah, konnte ich nur ahnen. Manchmal tauchte ein Bein über der Fensterbrüstung auf und verschwand wieder, und dann schnellte das andere hoch und tauchte wieder unter. Es sah aus wie das übermütige Spiel zweier Delphine. Kurz bevor sie die Übungen abbrach, erschienen beide Beine im Fensterausschnitt. Sie machte die Kerze, obwohl das im Yoga wahrscheinlich anders heisst. Ausserdem war da noch eine Zugabe: Ihre enganliegenden Beine spreizten sich bis zum Anschlag und schlossen sich wieder wie eine Schere. Zum Schluss stellte sie sich nochmals ans offene Fenster, und ich wusste von meiner Frau her, dass sie jetzt tief einatmete, während sie die Arme ausbreitete, und ausatmete, wenn sie sie sinken liess. So ging das jede Nacht, und ich stand auf meinem Posten und wartete, bis sie das Fenster schloss und die Vorhänge zog. Dann ging die Nachttischlampe an, und manchmal sah ich noch, wie sie sich auszog und wahrscheinlich in ein Nachthemd schlüpfte, das heisst, ich ahnte es mehr, als dass ich es sah.
Ich könnte nicht behaupten, dass mich diese nächtlichen Vorstellungen besonders erregt hätten, eigentlich machten sie mich eher traurig. Ich musste oft an meine Frau denken, die einen Wochenendkurs für Fortgeschrittene dazu missbraucht hat, um mit ihrem Yogalehrer zu schlafen, auch wenn es vielleicht umgekehrt war. Jedenfalls hatte sich daraus ein Verhältnis entwickelt. Mir war anfänglich nur aufgefallen, dass meine Frau abends öfter weg war. Sie erklärte mir, dass sie sich selber finden müsste. Offenbar gibt es auch dafür Wochenendkurse. Vielleicht nur aus taktischen Gründen hatte sie mich einmal überredet mitzugehen. Wir brachten die Kinder zu ihrer Mutter und fuhren in den Schwarzwald und landeten schliesslich in einem vergammelten Kurheim mit Kajütenbetten und strohgefüllten Kopfkissen. Nicht unbedingt ein Ort, wie geschaffen für Ausschweifung und freie Liebe. Am anderen Tag musste ich mich auf den Boden legen und die Augen schliessen. Wer wollte, durfte mich berühren, Ich spürte ein Dutzend Hände an meinem Körper, die mich streichelten oder kneteten. Ich öffnete die Augen und sah aus nur geringer Entfernung in die Gesichter von Männern und Frauen die am Boden knieten und ihre Köpfe über mich beugten. Und alle versuchten den Gesichtsausdruck von Mutter Theresa zu kopieren. Nachher musste ich aufstehen und mich nach hinten ins Leere fallen lassen, im Vertrauen darauf, dass mich jemand auffangen würde. Zum Mittagessen gab es Kleie mit Tomatensaft und rohes Gemüse. Am Nachmittag durfte ich in die Täterrolle schlüpfen, aber nur vorübergehend. Ich musste eine junge Frau anschreien, die von ihrem Mann verlassen worden war, bis sie mit den Fäusten auf mich losging, was alle gut fanden. Es geht darum, sein Karma anzunehmen, sagte meine Frau. Sie begann Worte wie spirituell und transzendent zu benutzen, wenn sie sich mit mir unterhielt, und sie kaufte sich nur noch rosa oder orangefarbene Sachen zum Anziehen. Jedenfalls gehörte zu ihrem Karma der Yogalehrer und zu meinem, dass ich in die Scheidung einwilligte.
Ich weiss nicht mehr, wann ich zum ersten Mal daran dachte, den Namen der neuen Mieterin ausfindig zu machen. Meine nächtlichen Beobachtungen verengten sich immer mehr auf die beiden Fenster im fünften Stock, obwohl dort der ständig gezogenen Vorhänge wegen viel weniger zu sehen war als anderswo. Aber das war es ja gerade. Ich unterbrach immer häufiger meine feierabendlichen Beschäftigungen, die vor allem aus Küchenarbeiten, Lesen und Fernsehen bestehen, um kurz ans Fenster zu treten, weil ich auf keinen Fall den Augenblick verpassen wollte, in dem zum Beispiel auf dem Herd etwas anbrannte und die Frau die Vorhänge ziehen und das Fenster öffnen musste, um frische Luft hereinzulassen. Aber es geschah nie etwas dergleichen. Ich sah immer nur ihren Schatten, der sich manchmal von einem Zimmer ins andere bewegte oder sich in Fensternähe am Tisch oder auf einem Sessel vor dem Fernseher niederliess, von dem ich aber nur die Licht und Farbwechsel mitbekam, das Gerät selbst stand auf der anderen, meinem Blick verborgenen Wandseite.
All die Zeit, die ich am Fenster verbrachte und zu ihr hinüberstarrte, damit mir ja nichts entginge, verspürte ich zu dieser Frau eine seltsame Nähe, paradoxerweise verstärkt durch die Magie der gezogenen Vorhänge, die mich zwangen, mir mein eigenes Bild von ihr zu machen. Ich hätte gerne gewusst, ob sie wirklich meiner früheren Frau glich oder ob ich mir das nur einbildete, so wie Phantomschmerzen, wenn man einen Arm oder ein Bein verloren hat.
Ich stellte mir vor, was geschehen könnte, wenn ich ihr begegnen würde. Was mich anbetrifft, dachte ich, würde ich mich wahrscheinlich sofort in sie verlieben. Eines Abends, als ich von der Arbeit kam, ging ich hinüber zum anderen Haus und suchte nach ihrem Namensschild neben der Klingel. Aber auf dem Schild stand nur 5b und der Firmenname der Hausverwaltung. Also rief ich die an, um Name und Telefonnummer der neuen Mieterin in Erfahrung zu bringen. Den Namen dürfe sie nicht weitergeben, erklärte mir die freundliche Dame am Telefon, aber die Nummer sei öffentlich, weil die Hausverwaltung für einige Appartements der Siedlung Fixnummern unter ihrem Firmennamen eingerichtet habe.
Am Tag darauf nahm ich all meinen Mut zusammen und rief die Frau an. Ich sah wie sie zu dem Beistelltischchen an der Rückwand ging, auf dem wie in meinem Appartement das Telefon steht, wobei ich über einen eigenen Apparat mit Anrufbeantworter und drahtlosem Sprechgerät verfüge, ein Weihnachtsgeschenk meiner Mutter, die möchte, dass ich oder wenigstens mein Anrufbeantworter immer für sie erreichbar sind. Dank dem drahtlosen Sprechgerät kann ich, während ich telefoniere, auf und abgehen, oder es zwischen Schulter und Ohr klemmen, wenn meine Mutter anruft, obwohl ich gerade dabei bin, mir eine kleine Mahlzeit zuzubereiten und nichts anbrennen darf. An diesem Abend hatte ich mich an den Tisch gesetzt, um die Frau im Auge zu behalten, während ich anrief. Sie meldete sich mit Hallo.
Ich sagte auch Hallo, und dann sagte ich, bemüht, möglichst locker zu tönen: "Vielleicht wundern sie sich, dass ein wildfremder Mensch sie anruft, aber ich bin ein Nachbar von ihnen, und sie sind neu hier. Ich dachte, ich ruf sie mal an." Ich wartete darauf, dass sie etwas sagen würde wie Das ist aber nett von Ihnen oder Was fällt Ihnen ein? Aber sie sagte gar nichts. "Wissen Sie", beeilte ich mich fortzufahren, "dort wo ich herkomme, kümmert man sich um neue Nachbarn. Man sagt ihnen, welcher Bäcker das beste Brot backt und gibt ihnen die Telefonnummer des einzigen zuverlässigen Klempners, der notfalls auch sonntags kommt. Und man gibt ihnen zu verstehen, dass sie auf einen zählen können, wenn sie erst nach Ladenschluss feststellen, dass der Zucker alle ist oder kein Ei mehr da ist, das man dringend braucht, um Schnitzel zu panieren." Ich holte tief Luft, denn ich hatte einfach drauflos geredet, ohne eine Atempause zu machen.
"Woher haben Sie meine Nummer?" tönte es aus der Muschel. Ihre Stimme klang überrascht aber nicht unfreundlich.
Ich blickte zum Fenster hinüber und sah, dass sie sich setzte. Bisher war mir nie aufgefallen, dass ein Stuhl vor dem Beistelltischchen stand. Ich hatte sie noch nie beim Telefonieren beobachten können. Aber ich hielt es für ein gutes Zeichen, dass sie sich setzte. Offenbar war sie nicht abgeneigt, das Gespräch fortzusetzen. "Von der Hausverwaltung", sagte ich, "ich gab an, ich hätte vom Briefträger ein Päckchen für sie angenommen, auf dem nur Appartement 5b steht." Diese harmlose Lüge hatte ich vorbereitet, um ihr klar zu machen, dass ich keine Anstrengung gescheut hatte, an ihre Nummer zu kommen.
"Ein Päckchen?" lachte sie. "Und dieses Päckchen gibt es natürlich nicht."
"Nein", sagte ich.
"In welchem Stockwerk wohnen sie denn?"
"Im achten", sagte ich, "aber nicht in Ihrem Haus. Ich wohne im Haus gegenüber." Ich hörte ein Geräusch, das wie das Rücken eines Stuhls tönte, konnte aber durch die Vorhänge nicht erkennen, ob sie zum Fenster herüberblickte, was ohnehin nichts gebracht hätte, weil sie ihrerseits durch die geschlossenen Vorhänge nicht nach draussen blicken konnte.
"Heisst das, dass Sie mich nicht nur hören, sondern auch sehen können?" Ihre Stimme klang jetzt doch etwas erschrocken.
"Nein", log ich, erhob mich jedoch vorsichtshalber, damit ich mich mit ein paar Schritten ausser Sichtweite bringen könnte, falls sie plötzlich aufschnellen würde, um ans Fenster zu gehen.
"Und wenn sie gerade nicht telefonieren, ich meine, wenn sie aus dem Fenster blicken, können sie dann in meine Wohnung sehen?"
"Nicht wenn die Vorhänge zugezogen sind", sagte ich, "und ich kann mich nicht erinnern, dass die Ihren jemals nicht zugezogen waren."
"Ist das eine Art Hobby von Ihnen, am Fenster zu stehen und in anderer Leute Wohnungen zu gucken?"
"In gewisser Weise ja", sagte ich, "aber nicht so, wie Sie vielleicht glauben. Ich bin kein Spanner. Spanner benützen Ferngläser. Aber ich gebe zu, dass es etwas Faszinierendes hat, abends, wenn es dunkel geworden ist, am Fenster zu stehen und anderen Menschen beim Wohnen zuzuschauen. Vielleicht besteht der Reiz einfach darin, Menschen zu beobachten, die sich unbeobachtet fühlen."
"Das stimmt", sagte die Frau und lachte, "das geht mir manchmal auch so. Ich setze mich in ein Strassencafé, bloss weil es mir Spass macht, Leute anzugucken, die an den Tischen sitzen oder vorübergehen."
Das ist zwar nicht ganz das gleiche, dachte ich, die Strasse ist ein öffentlicher Bereich und die Wohnung ein privater. Ausserdem hatte ich noch ein paar andere Gründe für meine nächtlichen Beobachtungen, vor allem, was diese Frau anbetraf. Aber ich war mir jetzt gewiss, dass sie angebissen hatte. "Wissen Sie", sagte ich, "ich verbringe den Abend fast immer zu Hause. Meistens lese ich, und manchmal denke ich mir auch eigene Geschichten aus, in denen all die Menschen vorkommen, die ich in ihren erleuchteten Wohnungen sehe. Ich wäre gerne Schriftsteller geworden, aber leider habe ich es nur zum Buchverkäufer gebracht."
"Und was für eine Geschichte haben Sie sich für mich ausgedacht?" fragte die Frau.
"Nun", druckste ich herum, "ich habe von Ihnen bisher nicht viel mehr zu sehen bekommen als einen Schatten, der sich von einem Zimmer ins andere bewegt oder am Tisch sitzt."
"Würden Sie mich erkennen, wenn wir uns auf der Strasse begegneten?"
"Vielleicht", sagte ich, "sie sind schlank, mittelgross und tragen das Haar lang. Aber wenn überhaupt, würde ich sie an der Art, wie sie sich bewegen, erkennen. In einer meiner Geschichten sind sie Ballettänzerin. Aber natürlich sind sie das nicht, sonst wären Sie abends beschäftigt."
"Und mein Gesicht", sagte sie, "haben sie mein Gesicht je gesehen?"
"Nein", sagte ich, "das kann man nicht auf diese Distanz, und ausserdem sind die Vorhänge immer zugezogen." "Haben Sie mich jemals.... nackt gesehen?" "Nicht direkt. Ich kann nur sehen, dass Sie sich ausziehen. Ich sehe, wie Sie aus einem Kleidungsstück schlüpfen. Zum Beispiel aus einem Pullover, den Sie wahrscheinlich mit gekreuzten Armen am Bord fassen und dann über den Kopf ziehen. Bei zugezogenen Vorhängen macht es keinen grossen Unterschied, ob jemand nackt oder angezogen ist." Eine Weile lang sagte sie nichts. Dann sah ich, wie sie aufstand und aus dem Fensterausschnitt verschwand. Und dann ging das Licht aus. Ich wusste, dass sie jetzt zum Fenster treten und im Schutz der Dunkelheit den Vorhang leicht zurückschlagen und zu mir hinübersehen würde. Aber ich brachte mich nicht in Sicherheit. Ich stand sogar auf und stellte mich ans Fenster und hielt das drahtlose Sprechgerät mit angewinkeltem Arm. Ich wusste, dass sie mich nur umrisshaft als Schatten wahrnehmen würde, denn die Lampe über dem Tisch beleuchtete nur meine Rückseite. Aber ich war nicht zu übersehen. Nach einer Weile ging das Licht wieder an. Aber die Vorhänge waren noch immer zugezogen. Ich sah, wie sie wieder zum Beistelltischchen ging und sich setzte. "Ich hab' Sie sehen können", sagte sie, "aber nicht richtig. Wie alt sind sie?" "Achtunddreissig", sagte ich wahrheitsgemäss. "Ich bin zweiunddreissig" sagte sie. "Warum haben Sie das Licht ausgemacht?" fragte ich. "Hören Sie", sagte sie mit gespieltem Ernst, "Sie beobachten mich heimlich, rufen mich mitten in der Nacht an, und jetzt verlangen Sie auch noch, dass ich mich am Fenster zeige." "Neinein", sagte ich rasch. "Aber eigentlich wollte ich Ihnen gerade vorschlagen, ob wir uns nicht richtig sehen könnten. Um die Wahrheit zu sagen: Das ist auch der Grund, warum ich Sie überhaupt angerufen habe." "Wie stellen Sie sich das vor?" fragte sie. "Ich könnte zu Ihnen herüber kommen, und wir könnten ein bisschen zusammen plaudern, ich meine von Angesicht zu Angesicht". "Ich kenne Sie doch gar nicht", sagte sie, "wie käme ich dazu, jemanden in meiner Wohnung zu empfangen, den ich gar nicht kenne?" "War nur so eine Idee", sagte ich, "aber wir könnten uns ja auch sonstwo treffen. Es gibt da ein kleines Café an der nächsten Strassenecke stadteinwärts, das noch aufhat um diese Zeit." "Nein, das geht jetzt nicht", sagte sie, "aber vielleicht rufe ich Sie einmal an." "Das würde mich freuen", sagte ich und gab ihr meine Nummer. "Mein Name ist Hurter, Felix Hurter." Um sicher zu gehen, wiederholte ich meine Nummer nochmals. Sie sagte eine Weile nichts, woraus ich schloss, dass sie alles getreulich aufschrieb. "Bis dann Herr Hurter", sagte sie förmlich, "ich wünsche Ihnen eine gute Nacht." "Gute Nacht", sagte ich. Ich hörte, wie sie den Telefonhörer auflegte. Dann sah ich, wie sie aufstand und ziellos ein paar Schritte machte und schliesslich stehenblieb. Darauf ging sie zum Fenster, und ich sah, wie der Rolladen herunterging. Kurze Zeit später erschien sie im Schlafzimmer und schloss auch dort den Rolladen. Am nächsten Morgen waren die Rolläden noch immer heruntergelassen, und sie waren auch zu, als ich abends wieder nach Hause kam. Ich wusste aber, dass sie da war, ich sah Lichtstreifen zwischen den Lamellen des Rolladens. Ich war sehr aufgeregt, denn ich hoffte natürlich, dass sie anrufen würde. Ich holte mir etwas Käse und ein paar angetrocknete Schinkenscheiben aus dem Kühlschrank. Während ich ass, blickte ich dauernd zu ihren Fenstern hinüber. Ich hatte ein gewisses Verständnis dafür, dass sie die Rolläden heruntergelassen hatte, aber irgendwie war ich trotzdem überzeugt, dass sie es ernst gemeint hatte, als sie sagte, sie würde mich anrufen. Um acht schaltete ich den Fernseher ein, um die Tagesschau zu sehen. Fast zum Schluss kam ein Bericht über den Absturz eines Privatflugzeugs. Alle vier Insassen waren tot. Es handelte sich um zwei Frauen und zwei Männer. Aber das Sonderbare daran war, dass der Mann, der das Flugzeug steuerte, vor dem Absturz erschossen worden war. Man fand zwei Einschusslöcher in seinem Kopf. Ich überlegte gerade, wie jemand auf die absurde Idee kommen kann, während des Flugs den Piloten abzuknallen, als das Telefon klingelte. Ich sprang auf und griff nach dem Hörer. "Hallo", sagte ich. Es war die Frau von gegenüber. Sie sagte: "Ich habe über unser Gespräch von gestern Abend nachgedacht. Vielleicht wäre es doch ganz nett, wenn wir uns treffen würden." "Wo?" sagte ich und suchte nach dem Zigarettenpäckchen. Es lag auf dem Tisch. Ich ging hinüber und zündete mir eine Zigarette an. Ich spürte, wie meine Finger vor Aufregung zitterten. "Ich mache Ihnen einen Vorschlag", sagte sie. "Sie kommen zu mir, aber ich werde das Licht nicht anzünden. Ich lasse die Wohnungstür angelehnt. Sie schliessen sie und gehen von der Tür geradeaus ins Schlafzimmer. Wenn Sie kommen, liege ich auf dem Bett, und zwar auf der Wandseite. Sie legen sich neben mich. Angezogen, versteht sich." "Ja", sagte ich mit tauber Stimme. Ich war so aufgeregt, dass ich zu atmen vergessen hatte. "Aber Sie müssen mir versprechen, auf keinen Fall das Licht anzumachen." "Ich verspreche es", sagte ich. "Es wird völlig dunkel sein", sagte sie, "auf dem Weg von der Wohnungstür zu Schlafzimmer steht an der Wand ein Beistelltischchen. Sie können es mit der Hand ertasten. Das Bett steht links neben der Tür." "Ich kenne mich aus", sagte ich, "es ist genau wie bei mir, nur seitenverkehrt." "Gut", sagte sie, "ich warte auf Sie." Hastig drückte ich die Zigarette aus. Ich war noch so angezogen, wie ich von der Arbeit gekommen war. Sie würde mich im Bett empfangen, hatte sie gesagt. Nein, auf dem Bett. "Wenn Sie kommen", hatte sie gesagt, "liege ich auf dem Bett." Ich wiederholte den Satz laut, um sicher zu sein, dass ich richtig gehört hatte. Es klang völlig unglaublich, so wie die Geschichte mit dem Flugzeugabsturz. Würde sie sich angezogen aufs Bett legen? Kaum, dachte ich. Aber wahrscheinlich würde sie auch nicht nackt sein. Sonst hätte sie nicht von mir verlangt, mich bekleidet neben sie zu legen. Nur, wie zieht man sich an für einen solchen Anlass? Ich schlüpfte aus meinen Kleidern und sprühte mir etwas Eau de Cologne auf die Wangen, unter die Achseln und zur Sicherheit auch auf die intimeren Zonen. Ich hatte keine Zeit für eine Dusche. Ein Blick aus dem Fenster verriet mir, dass sie die Lichter bereits gelöscht hatte. Sie erwartete mich. Ich zog nur meinen Trainingsanzug über und stürmte aus der Wohnung. Ich nahm mir nicht einmal die Zeit, den Fernseher auszuschalten. Draussen, auf der kurzen Strecke zwischen den beiden Häusern, blies ein kalter Wind. Aber ich fror nicht, obwohl ich nur diesen dünnen Trainingsanzug trug. Mir war eher heiss. Um zum Eingang zu gelangen, musste ich auf die andere Seite des Hauses. Ich sah noch einmal an der Fassade hoch, die ich von meinem Appartement aus im Blick habe. Die meisten Fenster waren erleuchtet. Ich suchte die geschlossenen Rolläden, hinter denen ich erwartet wurde. Warum wollte sie, dass wir uns im Dunkeln begegneten? Die Frage hing die ganze Zeit über in der Luft, aber ich war zu aufgeregt gewesen, um mir darüber Gedanken zu machen. War sie hässlich? Oder vielleicht von Natur aus schön, so wie ich sie mir immer vorgestellt hatte, aber im Gesicht durch einen Unfall enstellt? Die Geschichte mit dem Flugzeugabsturz kam mir wieder in den Sinn. Was musste das für ein Gefühl sein, plötzlich vom Himmel zu fallen mit einem röchelnden Pilot am Steuer? Ich drückte auf die Klingel neben dem anonymen Namensschild. Es dauerte eine ganze Weile, ohne dass sich etwas rührte, und ich fürchtete bereits, die Frau würde sich mit mir einen schlechten Scherz erlauben, als ich den erlösenden Summton hörte. Offenbar hatte sie in ihren Plan nicht einbezogen, dass die Haustür verschlossen war. Ich stellte mir vor, wie sie wieder zurückhastete ins Schlafzimmer und sich von neuem aufs Bett legte. Als ich aus dem Aufzug trat, sah ich sofort, dass die Tür zu Appartement 5b nur angelehnt war, so wie sie es angekündigt hatte. Meine Wohnungstür öffnet sich immer mit einem leisen Ächzen, diese hier ging lautlos auf. Ich trat in den kurzen schmalen Korridor, der, wie ich wusste, direkt ins Wohnzimmer überging. Ohne die Falle zu bewegen, stiess ich die Tür hinter mir zu, so dass sie mit einem vernehmlichen dumpfen Laut ins Schloss fiel. Ich war jetzt sicher, dass die Frau mich gehört hatte und sich nicht erschrecken würde, wenn ich plötzlich das Schlafzimmer betrat. Es war wirklich stockfinster, und ich musste kurz stehenbleiben, bis meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Wie durch knietiefes Wasser watend machte ich ein paar Schritte, ohne jedoch die Umrisse des Beistelltischchens erkennen zu können. Dafür sah ich jetzt auf der anderen Seite die hellen Schlitze in den Rolläden, durch die das spärliche Restlicht einer fernen Strassenlampe drang, rötlich verfärbt durch den gezogenen Vorhang. Ich selbst schliesse meine Rolläden nie, auch nicht, wenn ich verreise, und angesichts dieser ungewohnten Dunkelheit irritierte mich die Seitenverkehrtheit des mir vertrauten Grundrisses. Schliesslich kriegte ich unerwartet ein Kabel zu fassen, an dem entlang ich mich zum Beistelltischchen fingerte. Es gehörte zu einer vasenförmigen Lampe, die es in meinem Appartement nicht gibt. In der Aufregung hatte ich wohl den Kippschalter am Kabel berührt. So rasch wie man auf die Bremse drückt, wenn einem auf der gleichen Strassenseite ein Wagen mit aufgeblendeten Scheinwerfern entgegenkommt, knipste ich das Licht wieder aus. Ich hatte nicht einmal Zeit, einen Vorteil aus meinem Missgeschick ziehen zu können. Aus dem Schlafzimmer hörte ich die Frau Hallo sagen, in einem Ton, der zugleich fragend und zurechtweisend war. Ich tastete mich der Wand entlang bis zur Tür, die weit offen stand, und obwohl ich nun endlich am Ziel meiner Wünsche, wenn nicht gar an der Schwelle zum Paradies war, prallte meine Erregtheit auf verwirrende Weise an den unsichtbaren Wänden des verdunkelten Zimmers ab. Ein Gefühl der Beklemmung stieg in mir auf. Ich sagte leise Hallo, wie ein Kind das sich im Dunkeln fürchtet. Etwas anderes fiel mir nicht ein. "Komm!" sagte die Frau. Obwohl ich sie nicht sehen konnte, erriet ich ihre Position, weil sie offenbar eine Armbanduhr mit Leuchtziffern trug. Ich machte ein paar tappende Schritte auf das Bett zu, an das mein Schienbein früher als erwartet stiess. Dann entledigte ich mich meiner Slippers und beugte mich mit ausgestreckten Händen wie ein Blinder vor, bis ich die Matratze und das darüber gespannte Leintuch spürte. Ich setzte mich auf die Bettkante und zog die Beine nach, während ich mich hinlegte. Schweigend wartete ich darauf, was geschehen würde. Ich nahm an, dass die Frau ziemlich genaue Vorstellungen über den Verlauf unseres Têteàtêtes (was in unserm Fall wohl eher auf ein Corpsàcorps hinauslief) hatte, und wollte die Initiative ihr überlassen. Ich wandte den Kopf in ihre Richtung, damit ich die leuchtende Uhr an ihrem Handgelenk sehen konnte und gefasst sein würde, wenn sie ihre Hand auf mich zubewegte. Sie schien so wie ich auf dem Rücken ausgestreckt zu liegen. Wahrscheinlich aus blosser Aufgeregtheit fror ich an die Füsse. Ich steckte sie unter die weit zurückgeschlagene Bettdecke. "Du bist also Buchverkäufer, stimmts?" sagte die Frau plötzlich. "Ja", sagte ich, "eine Zeitlang hatte ich sogar eine eigene Buchhandlung. Aber das war auf dem Land, und dort haben die Leute einen etwas eigenartigen Geschmack, was Bücher angeht." Ich wollte nicht auftrumpfen, aber andererseits auch nicht darauf zu sprechen kommen, dass ich seit zwei Jahren in der Buchabteilung eines Warenhauses arbeitete, deren Sortiment ziemlich genau dem einer Dorfbuchhandlung entspricht. "Ich arbeite auch im Verkauf", sagte sie, "genauer gesagt, ich bin Demonstratorin, ich führe Haushaltgeräte in Warenhäusern und ShoppingCentern vor. Alle drei, vier Wochen an einem anderen Ort." Ich horchte auf. Der Satz enthielt zwei wichtige Informationen auf einmal. Erstens: Sie würde nur vorübergehend hier wohnen. Zweitens hatte sie eine Fährte gelegt. Falls sie es darauf abgesehen hatte, anonym zu bleiben, würde ich sie auffinden können. "Ich hasse dieses unstete Leben", sagte sie, "man ist nirgendswo zu Hause und findet keine Freunde, wenn man dauernd unterwegs ist. Es reicht nur zu flüchtigen Bekanntschaften." Sie seufzte, und ich sah, wie sich die Leuchtuhr bewegte. "Gib mir deine Hand", sagte sie. Sie schien nicht erstaunt, dass ich die ihre sogleich fand. Sie war kühl und zartgliedrig, wie ich sogleich bemerkte. Ich spürte, wie sie meine Fingerknöchel abtastete und dann die Fingerkuppen. "Berühr mich nur dort, wo ich dich berühre", sagte sie. Sie strich über die Innenfläche meiner Hand und von dort weiter über die Innenseite meines Arms. Ich brauchte meine Hand kaum zu bewegen, um all das an ihr zu spüren, was sie an mir berührte. Ihre Haut fühlte sich etwas rauh an. Der Arm war nackt bis kurz unterhalb der Schulter, wo meine Hand zwischen Haut und Stoff glitt. "Mm", sagte sie abwehrend und griff mit der anderen Hand nach meinem Handgelenk und legte meine Hand auf den Ärmel, der aus sehr feinem, glattem Stoff bestand. Er fühlte sich an, als wäre er aus Seide oder Satin. Ich nahm jetzt an, dass sie ein kurzärmliges Nachthemd trug, jedenfalls stiess ich nicht auf den Träger eines Unterhemds oder Büstenhalters, als meine Hand, der ihren gehorchend, sich über die Schulterlinie zum Hals vortastete. Meine Finger verfingen sich in ihrem Haar, und ich erlaubte mir einen harmlosen Regelverstoss, indem ich meine Hand unter ihren Nacken schob, um dort die kleine Höhlung über dem Halswirbel zu überprüfen, die schlanken Frauen eigen ist. Ihre Hand erkundete derweil bereits mein Gesicht. Ich spürte, wie ihre Finger sanft über meine Augenlider glitten und dann die Schläfe streiften und über die Wange strichen. Die Berührungen ihrer Fingerkuppen liessen flüchtige Male zurück, wie Schneeflocken, die nur langsam auf meinem Gesicht dahinschmolzen. Ich beeilte mich, meine Hand aus ihrem Versteck zu lösen. Und während ihre Fingerkuppen mein Gesicht abtasteten, als stände darauf ein Text in Blindenschrift, versuchte ich, es ihr nachzutun. Ich war überrascht, wie schwierig es war, die nur haptisch zu erfahrende Topographie ihres Gesichts in visuelle Eindrücke zu übersetzen. Über die Formung der Augen liess sich überhaupt nichts sagen. Ihre Nase erschien mir ziemlich gross, knochig und der Nasenrücken leicht gebogen. Der Abstand zwischen Nase und Mund war eng und glatt, ohne Grübchen. Mit den Lippen beschäftigte ich mich am längsten. Es dauerte eine Weile, bis ich mir sicher war, wo die Gesichtshaut aufhörte und in die Haut der Lippen überging. Natürlich war sie glatter, samtiger und weicher, aber wenn ich mit dem Finger über die Lippenbögen strich, verlor ich immer wieder die Grenze. Schliesslich kam ich zu dem Befund, dass ihre Lippen nicht sehr voll sein konnten, eher schmal und breit, aber ganz sicher war ich mir nicht. Dazu kam, dass ich die ganze Zeit über hin und hergerissen war zwischen meinem Entdeckungseifer und dem Bestreben, ja keine Empfindung zu verpassen, die mir ihre Berührungen verschafften. Als ihre Hand über mein Kinn und dann über den Hals in den halboffenen Ausschnitt meiner Trainerjacke glitt, vergass ich die Lippen. Für einen Moment lang spürte ich, wie sich jeder Muskel und jede Sehne in meinem Körper anspannte wie vor einer grossen Anstrengung. Meine Hand erstarrte, wenige Zentimeter von ihren Lippen entfernt. Ich fühlte mich ausserstande, sie in die neue Spur zu dirigieren, welche die Hand der Frau gelegt hatte. Sie tastete meine Brust ab, so wie ich mich der Wand entlang zu ihrem Schlafzimmer getastet hatte. Plötzlich zog sie ihre Hand zurück und flüsterte: "Zieh dich aus!" Ich sah das leuchtende Zifferblatt unmittelbar vor meinen Augen vorbeiziehen und dann im Dunkel verglühen wie eine Sternschnuppe. Sie setzte sich auf, und ich hörte das Knistern von Stoff. Offenbar zog sie ihr Nachthemd aus. Ich stieg aus dem Bett, um mich zu entkleiden, und legte mich dann wieder neben sie, so wie vorher. Sie begann mich jetzt mit der anderen Hand, der rechten, zu streicheln, und ich merkte, dass sie dabei auf der mir zugewandten Seite lag; ich spürte ihren Atem an meinem Gesicht. Ich drehte mich ebenfalls zu ihr, und als ich die Hand ausstreckte, stiess ich an eine schlaffe kleine Brust. Unwillkürlich zuckte ich zurück. Meine Vorstellung von Brüsten ist vorgeformt, wobei es egal ist, ob sie klein oder gross sind, aber sie müssen einen gewissen Widerstand leisten, wenn man sie streichelt. Meine Frau hat eher kleine Brüste, aber sie sind fest und die Brustwarzen zeigen nach oben, obwohl sie zwei Kinder gestillt hat. Ich tat so, als hätte ich beinahe etwas vorweggenommen, das mir noch nicht zustand, und liess meine Hand hinabstreichen über die Rippen, die hart und wellig hervorstachen, und die Haut, die sich darüber spannte, erschien mir noch rauher als bei der Berührung ihres Arms. Sie kratzte wie Sandpapier. Meine Hand glitt in die tiefe Mulde, die den Körper einer seitlich liegenden Frau in zwei Hälften teilt. Der Aufstieg zur Hüfte verlief über ein kantiges Knochengebirge, das eher konstruktiv anatomische als fleischlich sinnliche Vorstellungen zuliess. Die sich ineinander verschränkenden ungünstigen Eindrücke liessen in mir ein Bild entstehen, das nicht mehr zu dem anderen passte, welches ich mir von ihrem Körper gemacht hatte, wenn ich sie vom Fenster meines Wohnzimmers aus beobachtete. Meine Sinne bewegten sich noch immer im Anflug, aber jetzt fühlte ich mich wie in einem Flugzeug, das auf Schubumkehr geschaltet wird. Als ob die Frau die Zäsur in meinem Kopf mitbekommen hätte, griff sie wie zur Überprüfung nach dem, was von meinem sich aus der Errektion bereits wieder zurückziehenden Glied noch übrig geblieben war, und machte sich daran, es mit entschlossenen Handbewegungen wieder hochzupäppeln. Zum Glück mochte ich ihre Hände, von denen ich mir bisher keine bildliche Vorstellung gemacht hatte, und diesen kühlen Druck ihrer schlanken Finger. Ich schickte meine Hand wieder auf die Synchronspur, und fand im dichten Gestrüpp ihres Schamhaars den feuchten, meinem Finger entgegenpulsierenden Einlass. Mit vereinter Anstrengung gelang es uns, den weiteren Verlauf unseres gemeinsamen Vorhabens zu sichern. Nach einer Weile liess die Frau kurzzeitig ab von mir; ich spürte, wie ihre kleinen schlaffen Brüste (es gelang mir jetzt, ihnen das Attribut rührend zuzuordnen) über mein Gesicht strichen, als sie sich über mich beugte, während ich ihre Hand auf einer festen Unterlage tappen hörte. Ich ahnte, dass sie nach dem Präservativ fahndete, das offenbar auf dem Nachttisch bereitlag. Zur Zeit meiner ersten sexuellen Erlebnisse mit dem anderen Geschlecht hatte sich der Austausch von Körpersäften noch verhältnismässig unproblematisch gestaltet. Später lebte ich in festen Beziehungen, so dass sich meine Erfahrungen mit einer Zweithaut vor allem auf die zwei letzten ehelosen Jahre beschränkt, aber die Fortschritte, die ich unterdessen in der Akzeptanz einer Schutzbekleidung für das empfindlichste Organ gemacht habe, halten sich in Grenzen. Die Frau legte sich wieder neben mich. Ich spürte ihre noch immer kalten Finger. "Achtung!" sagte sie in jenem warnenden Ton, dessen sich Zahnärzte bedienen, bevor sie einem die Injektionsnadel ins Zahnfleisch bohren. Dann stülpte sie mir in einer einzigen gekonnten Bewegung das Präservativ über. Ich wusste, dass ich jetzt keine Zeit verlieren durfte, wenn ich nicht riskieren wollte, dass meine Errektion unter dem einschnürenden anonymen Druck des Gummis in sich zusammenfiel. Ohne eine Vorwarnung legte ich mich auf sie. Sie spreizte ihre Schenkel, um mir das Eindringen zu erleichtern, und als ich den ersten Stoss tat, atmete sie ein langes Ooooh aus. Ich sagte auch Oh, aber mehr, weil ich es für meine Pflicht hielt. In Wirklichkeit spürte ich vor allem ihre Rippen und die komplizierte Knochigkeit ihres Beckens, das sich mir hart entgegenstemmte. Ich suchte Zuflucht zu Empfindungen, die ich hatte, bevor ich dieses dunkle Verlies betreten hatte. Ich stellte mir vor, ich stünde an meinem Fenster und würde die Frau, die unter mir lag, mit meinen Blicken ausziehen, und während ich sie nur undeutlich wie immer durch die gezogenen Vorhänge sah, sagte ich mir dauernd vor Jetzt ficke ich sie. Ich ficke meine kleine süsse Nachbarin. Dieses innere Zureden gab mir eine gewisse Souveränität im Umgang mit ihrem mir nach wie vor fremd und nicht besonders reizvoll erscheinenden Körper. Ich begann ihn mit meinen Händen zu streicheln, während ich mich unten bewegte. Und ich küsste sie. Ihre Lippen waren angenehm und auch die Zunge, die sogleich vorschnellte. Ihre Hände, die ich auch mochte, bewegten sich spielerisch über meinen Rücken, mit kleinen pressenden Intervallen, als würden sie zwischendurch tief in die Tasten eines Musikinstruments greifen. Sie stöhnte leise und begann meine Stösse mit mahlenden Kreisbewegungen zu beantworten, die zusehends ein Eigenleben bekamen. Allmählich begannen unsere Rhythmen auseinanderzudriften, was sie bewog, meine Bewegungen einzuschnüren, indem sie ihren Schwerpunkt ruckartig nach hinten verlagerte und ihre Beine über meinem Rücken verschränkte. Die Bilder, die ich hergebeten hatte, um diese Sache zu einem für beide befriedigenden Ende zu bringen, begannen sich wieder zu verflüchtigen. Ich entzog mich der Umklammerung, indem ich die Arme aufstützte und mich auf den Knien so nah auf sie zubewegte, dass ich meinen Oberkörper aufrichten konnte. Unter dem Druck meiner Schenkel strebte ihr knochiges Becken mir entgegen, und ich spürte ihre Beine an meinen Schultern. Ich rückte noch näher und zog ihren straffen Hintern an mir empor, bis ich ihren Körper auf dem halben Weg zu jener Kerzenhaltung hatte, die sie jeweils einnahm, wenn sie ihre Yogaübungen machte. Mein anderes Selbst war wieder am Fenster, und während ich nun von oben zustiess, beschloss ich keine weiteren Einmischungen mehr zu dulden. Die neue Konfiguration schien ihr zu gefallen. Ihre Beine scherten auseinander und schlossen sich wieder, ganz so wie ich es hatte beobachten können, nur dass ich mich jetzt selbst in dieser Schere befand. Ich hielt ihre Hüften fest, während ich weitermachte, und ich spürte wie ihre Kontraktionen zunahmen, in einem harmonischen gegengleichen Rhythmus, wie Wellen, die in Ufernähe ineinanderbrechen. Meine Knie begannen zu zittern, und ich beugte mich etwas vor, um mich mit den Händen aufstützen zu können. Ihre Beine hingen jetzt schlaff über meinen Schultern und sie fing an, im Rhythmus zu stöhnen. Ich richtete mich wieder auf. Ich wollte, dass sie kam. Sie schüttelte ihr Becken, als wollte sie mich aus sich raushaben. Ich legte meine Hände in ihre Kniekehlen, um ihre Beine zurückzubiegen. Aber sie stemmte sich mir entgegen und bäumte sich auf, so dass ich zuerst den einen Fuss und, mich an ihren gestreckten Beinen im Gleichgewicht haltend, den andern Fuss aufsetzte, um an Höhe zu gewinnen. Halb kauernd halb stehend umklammert ich ihre Hüften, während ich ihren kerzengeraden Rücken an meinen Schenkeln spürte. Ihr Yoga zahlte sich aus. Sie hatte noch die Kraft von unten zuzustossen, bis ihre Stösse in ein konvulsivisches Zucken übergingen und ihr Körper ganz starr wurde. Sie stiess kurze abgehackte Laute aus, die in einer immer schnelleren Folge schliesslich in einen einzigen anschwellenden Ton übergingen. Als ich kam, stand ich an meinem Fenster im anderen Haus, während die Frau noch immer in ihrer Yogastellung verharrte. Vision und Wirklichkeit verschmolzen. Mein Orgasmus kam mir sehr lang vor. Tatsächlich hatte ich das lächerliche Gefühl, meine Spermien müssten eine Distanz von fünfzig Metern zurücklegen. Gleich nach der ersten kleinen Explosion begann ich die Frequenz meiner Stösse zu verlangsamen, was ich immer tue und was wahrscheinlich jeder Mann tut, aber ich hatte dabei ein völlig neuartiges Gefühl für die Pausen. Ich war gleichzeitig ausser mir und bei mir. Ich war da, wo ich mich sah, und da, wo ich mich spürte, und dazwischen war ein unablässiger Strom, wie zwischen Anode und Kathode. Als es vorbei war, ging ich vorsichtig in die Knie, darauf achtend, in ihr zu bleiben. Ich beugte mich über sie, und wir küssten uns. Dann stieg ich von ihr herunter und legte mich neben sie, und wir berührten uns wieder mit den Händen, so wie am Anfang. Mein Bewusstsein zog sich wieder auf seinen angestammten Platz zurück, und ich begann jetzt, da derlei Gedanken keine störenden Wirkungen mehr auf mich ausüben konnten, zu überlegen, warum die Frau dies alles bei Dunkelheit hatte geschehen lassen wollen. Möglicherweise litt sie an Anorexie. Aber das konnte nicht der Grund sein für ihr Versteckspiel. In eine solche Krankheit flüchten sich Frauen mehr oder weniger freiwillig, soweit man freiwillig flüchten kann. Es gefällt ihnen, mager zu sein, was eigentlich voraussetzen müsste, dass sie annehmen, auch den anderen zu gefallen. Ich wandte meinen Kopf zu ihr und sagte in die Dunkelheit: "Warum wolltest du das Licht nicht anmachen?" Sie rückte näher zu mir und bettete sich in meinen halb ausgestreckten Arm. Ihre knochige Schulter stiess gegen meine Brust. Sie sagte: "Ich wollte mich keinesfalls in dich verlieben. Zuerst wollte ich überhaupt nichts von dir wissen. Aber du hast eine sehr schöne Stimme. Weisst du das?" Sie lachte einen unentschiedenen Vokal lang und strich mit dem Finger über meine Lippen. "Ich hätte dich beinahe schon gestern abend angerufen, bloss weil ich deine Stimme nochmals hören wollte." "Und warum hast du es nicht getan?" "Weil ich keine Präservative im Haus hatte." Sie lachte wieder, diesmal ausgiebiger. "Nein, im Ernst", fuhr sie fort, "bei mir geht alles über die Stimme. Erst dann interessiert mich, wie ein Mann aussieht. Natürlich ist das die falsche Reihenfolge. Ich meine, normalerweise ist es so, dass man jemanden anschaut, bevor man sich mit ihm unterhält. Selbst wenn dir ein Unbekannter vorgestellt wird, guckst du ihn dir zuerst an, und dann streckst du die Hand aus, und erst dann hörst du ihn Freut mich sagen oder Guten Tag oder sowas." Sie seufzte, und dann sagte sie: "Bei dir war das eben umgekehrt. Aber ich will dich nicht sehen. Ich will dich nie sehen. Du bist hergekommen, und wir haben uns geliebt, und es war schön. Morgen ist mein letzter Tag in Frankfurt. Ich habe bereits gepackt. Ich weiss, wie das ist, wenn man sich verliebt und denkt, da könnte doch was draus werden. Man ruft sich ein paar Mal an, trifft sich vielleicht noch irgendwo an einem Sonn oder Feiertag. Aber auf Dauer wird da nichts draus, wenn man ständig auf Reisen ist und sechs Tage in der Woche arbeitet." Sie drückte ihren harten Beckenknochen in meine Seite, als wollte sie mir zu verstehen geben, dass ich das, was sie eben über unser der Finsternis und dem Vergessen überantwortetes Verhältnis gesagt hatte, nicht allzu ernst nehmen sollte. Vielleicht wartete sie jetzt sogar auf eine Liebeserklärung, die ihre Bedenken gegenstandslos machen würden. Aber um die Wahrheit zu sagen, war ich mir selbst auch nicht sicher, ob ich sie wieder hätte sehen wollen. Genaugenommen hätte ich mich jetzt am liebsten verdrückt. Ich wünschte mich zurück in meine Wohnung, wo jetzt wahrscheinlich die Spätausgabe der Tagesschau lief und ich vielleicht nähere Einzelheiten über den seltsamen Flugzeugabsturz hätte erfahren können. Der Kopf der Frau wurde schwerer auf meiner Brust, manchmal ging ein Zucken durch ihren Körper, und nach einer Weile hörte ich ihre regelmässigen Atemzüge. Sie war eingeschlafen. Vorsichtig löste ich mich aus ihrer Umarmung, stieg aus dem Bett und suchte nach meiner Hose und der Jacke, die irgendwo auf dem Boden lagen. Während ich mich anzog, stiess ich mit dem Arm an den Schirm einer Nachttischlampe. Einen Augenblick lang war ich versucht, sie anzuknipsen, um die Frau betrachten zu können, während sie nichtsahnend schlief. Aber es kam mir schäbig vor, diese Gelegenheit auszunützen. Ich grabschte nach der zurückgeschlagenen Decke und zog sie hoch bis zum Hals der Frau. Dann tappte ich zur Tür und tastete mich der Wand entlang zum Ausgang. Als ich anderen Morgen nach einer unruhigen Nacht erwachte, trat ich sogleich ans Fenster. Der Morgen dämmerte herauf, und die meisten Fenster waren erleuchtet. Im Appartement der Frau waren die Rolläden noch immer zugezogen, aber durch die Ritzen sah ich Licht. Ich setzte den Kaffee auf und ging unter die Dusche, und als ich wieder herauskam, brannte das Licht nicht mehr. Auf dem Weg zur Arbeit erinnerte ich mich wieder, dass sie gesagt hatte, sie würde Haushaltmaschinen in Warenhäusern und ShoppingCentern vorführen. Was die Warenhäuser anbetrifft, liegen die meisten dicht beieinander im Gebiet der Fussgängerzone an der Zeil. Ich beschloss, die Mittagspause dazu zu benützen, einen kleinen Rundgang zu machen. Vielleicht würde ich sie irgendwo entdecken. Vielleicht arbeitete sie sogar im gleichen Warenhaus wie ich. Zwischen zehn und halb elf gehe ich meistens in die Cafeteria. Diesmal verzichtete ich auf den Kaffee und fuhr statt dessen auf der Rolltreppe in die Haushaltwarenabteilung im dritten Stock. Ich stelle mich selten auf die Rolltreppe, im allgemeinen benütze ich den Personallift, und in der Haushaltwarenabteilung war ich schon seit Monaten nicht mehr. Ich verpasste sogar das richtige Stockwerk, weil die immer wieder umdekorieren, und musste deshalb auf der Gegenseite wieder abwärts fahren. Und genau da, während die Stufen sich langsam senkten, sah ich sie, wenn auch nur kurz, dann wurde sie von den Kunden verdeckt, die ihren Verkaufsstand belagerten. Aber ich wusste, das war sie. Ich trat näher und stellte mich zwischen die Hausfrauen und die wenigen Männer, die sich für die Verstückelung von Gemüse interessieren. Sie schob gerade ein neues Teil in das Gerät, legte eine geschälte rohe Kartoffel in den Aufsatz und machte Pommes frites daraus. Ihr braunes langes Haar trug sie asymmetrisch hochgesteckt. Es war auf der einen Seite mit einem kecken smaragdgrünen Zierkämmchen befestigt, das farblich zu den metallisch schimmernden Lidschatten passte. Unter den dunkeln tiefliegenden Augen spannte sich die Haut fest über die leicht vorstehenden Wangenknochen, die bräunlichrote Schatten fast bis auf die Mundwinkel herab zu werfen schienen, während das restliche, nicht weniger üppige Makeup ihr schmales Gesicht glatt und rosig erscheinen liess. Ihre ebenfalls braunrot nachgezogenen Lippen waren schwellender, als meine Finger und mein Mund sie in Erinnerung hatten, und als sie sich zu einem prompten Verkäuferinnenlächeln öffneten, entblössten sie zwei etwas gross geratene, leicht vorspringende Schaufelzähne. Ich fand, dass sie auf ihre Weise trotzdem hübsch war, auch wenn sie ganz und gar nicht meiner Frau glich und eigentlich auch nicht der Vorstellung, die ich mir gestern nacht im Bett von ihr gemacht hatte. Bis auf die grosse Nase, die tatsächlich leicht gebogen war, und die kleinen fiebrig roten Bläschen im VAusschnitt ihrer eierschalenfarbenen Berufskleidung, die an ihrem mageren Körper schlotterte. "Zum Schluss", hörte ich sie sagen, "zeige ich Ihnen, wie man Zwiebeln schneidet, ohne gleich in Tränen auszubrechen." Sie wechselte das Schneidwerkzeug aus. Ihre schmalen geröteten Finger, die mich gestern Nacht liebkost hatten, steckten in durchsichtigen Plastikhandschuhen. Mit einem Küchenmesser zerteilte sie eine geschälte Zwiebel in zwei Hälften und schob sie in den Aufsatz. Während das Gerät zu rattern begann, blickte sie in die Runde der potentiellen Käufer. Ich merkte wie ihre Augen für eine Sekunde lang zögernd auf mir ruhten, dann glitt ihr Blick an mir vorbei auf die erste Kundin, die ihren Geldbeutel zückte. Sie zog die Handschuhe aus und nahm das Geld entgegen. Die Reihen lichteten sich rasch, aber weil ich noch immer stehenblieb, richtete sie zum zweiten Mal ihren Blick auf mich. "Und der Herr?" sagte sie, mich aufmunternd anlächelnd. "Wär das nicht ein Überraschungsgeschenk für Ihre Frau?" Ich erschrak ein bisschen, als sie mich plötzlich ansprach, und ich spürte, wie mir die Röte ins Gesicht schoss. Ich schüttelte den Kopf und setzte dabei das bedauernde Lächeln auf, das man für solche Situationen parat hat. Dann drehte ich mich auf dem Absatz um und sah zu, dass ich schleunigst verschwand.