Kyselak
Ulrich Holbein
 

 

 

16.12.1999


 

 

Aus allen Tuschelgrüppchen zischte ein Wort hervor, das ab und zu als "Kyselak" entziffert werden konnte. Auf etlichen öffentlichen Gebäuden stand in knallroter Schrift ein hingeschmiertes "Kyselak" -- ohne jede hinzugefügte Zusatzbotschaft. Auch auf zahllosen Abörtern fand sich ein "Kyselak". Nur wußte niemand so genau, was Kyselak eigentlich heißen sollte. Ordnungsämter hatten alle Hände voll zu tun, die Kyselak-Grafitti zumindest im Stadtzentrum ständig zu Übermalen. Polizei versuchte herauszukriegen, wer dahinterstecke.
Man läutete und pochte in der Soundsogasse. Dort wohnte ein Männlein, unauffällig, wortkarg, das hieß zufällig "Kyselak". Meist war Kyselak aushäusig, also doch wohl unterwegs mit Tusche und Schablone, bei Nacht und Nebel, um seinen Namen Überall hinzupinseln, hinzustempeln, die Welt zu Überschwemmen mit Kyselak. Etliche Kyselakbeobachter setzten sich auf Kyselaks Spur, doch niemand erwischte den Kyselak je beim Kyselak-Pinseln. Unterdessen sangen Spatzen und Schwalben von Dächern und Kirchtürmen: "Kyselak".
Gewagte Kyselak-Spekulationen keimten. Manche meinten, Kyselak wolle sein ungetreues Liebchen so pausenlos wie möglich an den Vorgänger seines Nachfolgers erinnern, eben an Kyselak. Andere meinten, Kyselak wolle weltberühmt werden, wisse aber nicht, wodurch. Andere wollten gehört haben, eine im Suff geschlossene Wette, sich innerhalb von drei Jahren landesweit herumzusprechen, zwinge Kyselak zu diesem fieberhaften Tun.
In Feuerfontänen und Leuchtsternen der Volksfeste leuchtete Kyselak in Rotbuchstaben auf. Hatte der allseits verlachte und bejubelte Kyselak wirklich, wie hinterher Famas dumpfe Lästerzungen behaupteten, die Feuerwerker bestochen?
Da ward eines Tages ein Pudel, der an einer Litfaßsäule das Bein hob, eingefangen -- im Kraushaar fand sich ein kunstvoll hineingeschnittenes, halb zugewachsenes Kyselak. Damit war der Beweis erbracht. Das inzwischen hochgeläufige "Kyselak" stammte tatsächlich von jenem scheuen Mitbürger aus der Soundsogasse! "Kyselak ist tatsächlich Kyselak!" Das schlug ein. Das prangte tagsüber von allen Litfaßsäulen; nachts wurde das heimlich Überpinselt, pro Litfaßsäule mit einem handschriftlich drübergekrakelten "Kyselak".
Ein prachtvoll versiegelter Brief kam bei Kyselak an. Kyselak erhielt eine Vorladung zum Staatschef persönlich. Der sah ein graues, schiefes Männlein eintreten, winkte es näher heran, staunte Über die geringen Körpermaße des Kyselak, zeigte lächelnd Verständnis für Kyselaks Umtriebe, klagte aber Über die Kosten der Überall nötigen Neuverputzungsarbeiten, kurz: der König zieh Kyselak groben Unfugs und verwarnte ihn ernst. Reumütig nahm Kyselak den Tadel entgegen, verließ den Empfangssaal, auf dessen Schreibtisch wenig später der König einen Zettel fand. Auf dem stand ein beiläufig hingekritzeltes Wort: "Kyselak".
Ab da ging der Siegeszug des Kyselak erst richtig los. Kyselak tauchte jetzt, samt seinem partiell immer wieder freigeschorenen Pudel, nirgendwo mehr persönlich auf. Sympathisanten zogen los, fleißige Propellerchen der Pusteblume Kyselak, die immer flächendeckender durch Berg und Tal wehte, und frischten verblassende Schriftzüge auf, mit spritzenden Pistolen und sprühenden Dosen, signierten selber mit Kyselak, bohrten, löteten in bunte Steine, Bergkristall und Turmalin. Kyselak-Sagen kursierten, Kyselak-Legenden und -Anekdoten, Kyselak-Kaffeeklatsch. überall gab es Kyselak-Andenken zu kaufen, und Kyselak-Maskottchen. Aus keinem Textilium war der Fleck Kyselak mehr herauszureiben. Kyselak-Kultur blühte auf. Der Name, den Kyselak sich gemacht hatte, lautete Kyselak, und nochmal Kyselak, und noch und nöcher Kyselak, und permanent und jederzeit Kyselak, und immerdar Kyselak.
Selbst in menschenleerer Bergwelt – so berichteten etliche Wandersleut – finde sich auf Bäumen und Felsplatten "Kyselak" verewigt, meist weithin sichtbar, teilweise unzugänglich auf problematischen Steilwänden und unbestiegenen Gipfeln, ja sogar in unbeleuchteten Höhlen, wo das Wort "Kyselak" nun wirklich keine Chance hatte, entdeckt zu werden. Die Bergwelt hallte wider vom Echo Kyselaks.
Hans Metaphysicus wischte alle bisherigen Kyselak-Theorien vom Tisch. In seiner Kyselak-Phänomenologie verfocht er die Hypothese, Kyselak betreibe seine Kunst um der Kunst willen. Die Markenbezeichnung KYSELAK mache für den Namen Kyselak zwar Reklame, doch nirgendwo könne man KYSELAK-Artikel kaufen. Kyselak profitiere also von seinem omnipräsenten Kyselak Überhaupt nicht. In diesem Sinne verwandte Hans Metaphysicus Worte wie "autoperpetuierende Gro·kampgnen", "public relation", "action-art", "Verweischarakter", "Symbolwert", "Selbstreferentialität" und "The medium the message."
Immer lauter tröteten alle Posaunen ihre Forderung heraus, Kyselak endlich totzuschweigen. In den Gästebüchern unterzeichnete bald kaum noch ein anderer Übernachtungsgast als Kyselak. Klosprüche lauteten jetzt: "Nicht nur Gott ist Überall – auch Kyselak ist überall!"
Kyselak war aber nicht nur Überall, sondern sogar everywhere. Kyselak war sogar dort, wo er nachweislich nie war. Kyselak breitete sich weltweit schneller aus als Gürtelrose, Kakerlakenboom, Christentum, Metallgott Toyota und Mausmaschinen, sogar schneller als Amerika, das kurz nach seiner vorletzten und letzten Entdeckung bloß einen Überschaubaren Waldflecken bezeichnet hatte. Kein Nordpol, wo nicht der Erstbesteiger mit hängender Zunge ankam und nicht von Kyselaks "Bin schon da!" begrüßt wurde. Kein Klospruch "Kyselak ist tot!", der nicht mit einem "Kyselak lebt!" Überpinselt wurde. Wenn es damals schon Flugzeuge gegeben hätte, wäre Kyselak sogar an Hochplateaus ablesbar gewesen, in Großschrift quer durchs Gebirge geschrieben, jeder Buchstabenbalken eine ausgezogene Bergschlucht. Bergsteiger, die in Gletscherspalten rutschten, erfroren mit Blick auf den ins ewige Eis geritzten Kyselak.
In Hindustan kam Kyselak als Kilbischika an. In China kam Kyselak als Kiao-lung an. An der Elfenbeinküste kam Kyselak als Kulo Tyelo an. In Australien kam Kyselak als Kunapipi an. In Etruskien kam Kyselak als Usil an. Irgendwann mußte Kyselak, allen Berechnungen zufolge, seit Über hundert Jahren tot sein – da wurden im prähistorischen Japan römische Münzen ausgegraben und im Ötztal ein Felsbrocken, auf dem "Kise Lak" stand.
Irgendwann war Kyselak nur noch mühsam mit Kyselak identisch. Vom Flugzeug aus erschien sein verwitterter Namenszug eher wie eine marsianische Zufallskonfiguration. Urgroßväter wollten Urenkeln etwas lallen, kamen aber nicht mehr auf den Namen. Die Schluchten, die sich jahrtausendelang ein "–yselak" zugeworfen hatten, sackten nach unten weg. Echo lag harthörig zwischen Bächen, Steingeschiebe und Wasserfällen, die sich tiefer fraßen. Wald verwandelte sich in Geröllfelder. Die große Glocke, an der mal was gehangen hatte, hing mit Sprung und ohne Klöppel. Auf irgendeinem Brocken stand noch ein Weilchen lang ein angebröckeltes K oder ein übermoostes Y. Metallgott Toyota verrostete. Die Kyselakitis heilte ab. Kyselak schlief ein.