Wo und wer ist Goethe heute?
Ulrich Holbein
 

 

 

18.10.1999


 

 

Irgendwo muß er auch heute noch sein, nicht nur seine Zitate und Werke, sondern er selbst, als Mensch und Persönlichkeit. Denn laut Hegel ist alles Frühere unverlierbar aufgehoben im Späteren, also muß Goethe auch in heutiger Substanz unverdünnt vorhanden sein, sein Geist über den Wassern schweben, wenigstens als Entelechie, und nicht nur als diese, und sei es auch nur im Sinne Hamlets, der den edlen Staub Alexanders verfolgte bis dahin, wo er ein Spundloch verstopft. Denn kein Wesen kann zu Nichts zerfallen, das Ew'ge regt sich fort in allen, und außerdem kann die Spur von meinen Erdentagen nicht in Äonen untergehn, d.h. meine durchaus, Goethes aber vorerst nicht im mindesten – oder irrte hier Goethe?

Denn aus heutiger, astronomisch geprägter Sicht wird ganz ohne Zweifel der Tag kommen, an dem niemand mehr die Zeilen gewisser froschkalter, von Goethe beeinflußter Untergangspropheten runterladen oder aufschlagen wird, welche zu lauten pflegen: "Eines Tages wird der letzte Takt Mozart verklungen sein". Und wenn in zwei Milliarden Jahren (oder wann das war?) die plotinisch-goethisch augenhafte Sonne zur Supernova aufschwillt, irdisches Leben samt aller Ozeane verdampfen muß und perryrhodanhafte Transferierungstechniken zur Verfügung stehen, wird Ko-Ti, als der er jetzt bereits in Japan heiß verehrt wird, in den Kulturwerten, die man dann in Nano-Chipgestalt nach Alpha Zentauri überspielt, kaum noch sich wiedererkennen, zumal dann der restlos mit sich selber unidentische Ko-Ti in anatomisch ganz anders gebauten Ohren und Frequenzbereichen – bei aller Texttreue im Detail – weiterführende Deformation und Profanisierung erleiden wird.

Wie in jener TV-Reklame, worin über unglaubliche Fjorde hinweg, über Waldpanoramen, ferne Inseln und erwärmte Buchten, die in leuchtendsten Sonnenaufgangswolken verschwimmen, über spürbare Unendlichkeit hinweg monumentale Buchstaben segeln: "'Am Anfang war die Kraft. Johann Wolfgang von Goethe'. Mit der Verbindung von COLONIA Versicherung und AXA entsteht die neue Kraft. Für Ihre Sicherheit. Für Ihr Vermögen. The Future. Together. Now". So schlägt Turbokapitalismus zwei Brummer mit einer Klappe: Natur (= Fjorde) und Kultur (= Goethe). Wobei das Wort von der Kraft, womit auch Unox Kraftsuppen sich hätten schmücken können, von Faust – statt Goethe - gesprochen wird, und auch Faust übersetzt bloß das Johannes-Evangelium, das zu zitieren aber COLONIA und AXA wohl doch blasphemisch vorgekommen wäre, und verwirft sofort den Wortlaut dieses Zitats: "Doch auch indem ich dieses niederschreibe, / Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe." AXA COLONIA hingegen bleibt dabei, und schon stammt das Machtwort "Am Anfang war die Kraft" imposanterweise von "Johann Wolfgang von Goethe". -- "Setz deinen Fuß auf ellenhohe Socken", sagte Mephisto zu Faust I und gab seinen Namen her für ein "himmlisch-bequemes Laufwunder" mit MEPHISTO-Komfortausstattung: "Echtes Naturleder rundum, rutschfeste Spezial-Profilsohle, reine Latexschaum-Zwischensohle für weiches Auftreten, anatomisch-geformtes Fersenpolster für besseres Gehen, weiche Polsterung gegen Druck- und Scheuerstellen und beste Naturmaterialien für ein optimales Fußklima. Postfach 23 48, Koblenz". In der Selbstdefinition von RITTER SPORT Schokolade "Quadratisch. Praktisch. Gut" nistet hörbar das "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut" -- und warum soll sowas weniger berechtigt sein, als wenn Kurt Schwitters Zeile: "Blau ist die Farbe seines gelben Haares" eindeutig als ein Pfropfreis auf Mephistos surrealistischem "Grün ist des Lebens goldner Baum" ausschlug? Also auch so war die hegelianische Aufgehobenheit goethischer Formulierungen im Hafen heutiger Werbesprache gemeint gewesen, deren Omnipotenz sich dann sogar auf gutgemeinte Goethe-Aktualisierungen schlug, wie bei Eckart Frahm, dem Koordinator des HR 2-Funkkollegs "Literarische Moderne. Europäische Literatur im 19. und 20. Jahrhundert", 1993: "Der Sinnenmensch Johann Wolfgang G. hätte an diesem Funkkolleg sicher seine Freude gehabt. An Friedrich Schiller schrieb er am 19.11.1796: '...daß sich der Leser produktiv verhalten muß, wenn er an irgendeiner Produktion teilnehmen will.' Das Funkkolleg bietet die attraktive Möglichkeit, sich produktiv verhalten zu können." Soweit Eckart Frahm. Solcher Ranschmeißerei fehlt jede Distanz -- oder auch nicht. Denn er war unser! Die gleichnamigen Kugeln der Mozartkugelindustrie hätten auch Wolfgang Amadeus M. garantiert ganz vorzüglich geschmeckt!

So hat sich Goethe seinen Abstieg vom Olymp nicht vorgestellt, als er 1956 in Darmstadt auftauchte und sich bei Arno Schmidt, der ihn heraufbeschworen hatte, ängstlich erkundigte: "Leben meine Werke noch im Volke?" Doch auch hier bekam Goethe eine Auskunft, die die ganze Trostlosigkeit jeglichen langfristigen Weiterwirkens offenlegt: "Aber certainment! In gebildeten Kreisen hört man durchaus noch manchmal ein 'Das paßt wie Faust aufs Gretchen'; und im Volke hat sich das andere Zitat, das 'Leckt mich', herrlich eingebürgert!" Welch hintertückische Untertreibung! Goethe ist natürlich viel flächendeckender in jeden Volksmund eingesickert, und zwar nicht nur unauslöschlich, wie es deutschen Klassikern gebührt, sondern im Zeitalter der Viren so unausrottbar wie wandlungsfähig; denn das Ew'ge, dieser Sprößling dichterischer Rhythmusnot, regt sich fort auch an Stellen, wo es zunächst überhaupt nicht sich regte.

Das bleibt nun mal die Tragifarce der Unsterblichen, daß sie, gepusht von ihren Jubiläen, an denen sofort x Rezipienten andocken, heut' sogar ich, zeitlebens grausam abhängig bleiben von ihrer Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte, vom Pulk derer also, die sich nachträglich an große Namen heranmachen, um zu favourisieren, rezipieren, um ihr bisheriges Goethebild zu komplettieren, zu modifizieren, Goethe zu rezitieren, wie dies Goetheverehrer Herr Kribulein tut, dessen Goethedeklamationen sich nicht nur mit "Habe nun ach" begnügen, sondern der sogar "Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten" am Telefon auswendig aufsagen kann, und dies mit der ganzen Wärme der Gemütswelt des neunzehnten und achtzehnten Jahrhunderts, also mit Tränlein im Aug und emphatisch zitternder Stimme. Immerhin gehört es zum Nachruhm, daß man nicht nur in den unteren RITTERSPORT- und Leck-mich-Etagen voll präsent bleibt, sondern auch zielsicher hinaufgelangt in die nachgeborenen Chef-Gefilde höchsten dichterischen Wollens, bis hinauf in den "geglückten Tag" des österreichischen Dichters Peter Handke, allwo die Stelle sich findet: "Wieder einmal Goethes Spruch war es, daß das Leben kurz sei, der Tag aber lang, und gab es nicht auch von Marilyn Monroe ein Lied, wo sie sang: 'One day too long, one life too short...'"

Hauptsache: Goethe lebt -- und läßt sich von Ko-Ti nicht stören, und von all den Verflachungen, Verballhornungen, Paraphrasen, Reminiszenzen, unbewußten Fast-Zitaten, Zufallsparallelen, ohne die ein Nimbus nicht schwillt; und nicht dadurch stören, daß Goethe jederzeit in die Steinzeit zurückgebombt bzw. von Hightech überlagert wird. Und selbst wenn das Ew'ge es irgendwann unterlassen würde, sich in allen zu regen und alle Wesen zu Nichts zerfallen müßten: Goethe wird überleben, wenn auch als ein anderer, als der er angetreten. Die innige goethische Gewißheit, daß die Spur eigner Erdentage nicht in Äonen untergehn könne, hat darwinistisch überlebt in Darwins survival of the fittest. Und hierbei ein paar Paradiesvogelfedern gelassen. Goethes Schleichweg "Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad", von Brahms üppig vertont, verbreiterte sich zur hundertspurigen Autobahn bzw. zum Petersplatz und der dröhnenden päpstlichen Kosovo-Ansprache zu Ostern, allwo sich der historische Wüstensohn Jesus so verloren vorgekommen wäre wie in Bachs Matthäus-Passion, über die Goethe sich lobend geäußert hat. Also daß Goethe im Zuge seiner bereits erwähnten Rezeptionsgeschichte in x Goethe-Varianten aufgesplittet wurde und der unter dem Kennwort "Goethe" subsumierbare Gesamt-Nimbus ins Unbeschreibliche schwoll, bis selbst noch in Wiesbaden ein Lorbeer-Goethe mit nackter Schulter in Toga neben einem Bismarckschen Bundesadler zu sitzen kam und es praktisch nirgendwo mehr neben vollen Parkplätzen ein Haus gab, in welchem Goethe nicht übernachtet hatte. Man hätte das auch mit einer anderen Gestalt so weit treiben können. Auch andere Leute kommen viel rum und übernachten irgendwo. Goethe, das lebend sich entwickelnde Überlebens- und Expansionssystem, aggressiv wie jene Rhodondendronart, die ganz Britannien knall-lila überzog, besetzte nach seinem Ableben sogar Gebiete, von denen der historische Goethe wenig Schimmer zu haben brauchte, mit besitzergreifenden Buchtiteln wie "Goethe und der Mahayana-Buddhismus" und "Goetherezeption im Dritten Reich". Goethe drang posthum sogar in arg artfremde Territorien ein, ganz unauffällig, in die Wortwahl höchstrangiger Politiker wie Helmut Kohl: "Lassen Sie uns zu großen neuen Ufern aufbrechen, wenn wir die Ärmel hochkrempeln, dann packen wir das", oder die Ex-Bundestagsvorsitzende Prof. Rita Süssmuth, die am 50. Jahrestag der Wannsee-Konferenz die Behauptung aufstellte: "Niemand kann seiner Geschichte entfliehen" (19.1.92), und siehe, keiner der drei hat es gemerkt, weder Goethe noch Kohl noch Süssmuth, daß sie symbiotisch voneinander profitieren und daß sie alle von neuem Tag zu neuen Ufern gelockt werden, obwohl keiner, laut orphischem Urwort, sich selbst entfliehen kann. Allenfalls kann man sich an Goethe, falls man nicht selber Goethe ist, wider Willen hinanranken, um dann aber doch nur bei Zitatverstümmlung anzukommen -- oder bestenfalls, wie Edmund Stoiber, zur Verleihung eines bayrischen Verdienstordens, bei ganz bewußter, Bildung raushängen lassender Goethe-Anspielung: "Von Zeit zu Zeit seh ich den Kanzler gern, und hüte mich, mit ihm zu brechen." (24.1.94)

Von Zeit zu Zeit las praktisch jeder spätere deutsche Dichter seinen Goethe gern, welchselbiger also relativ unverfälscht bis wiederkennbar in den Hirnen späterer Dichterkollegen weiterlebte. Selten unterließ es ein großer Geist, sich am ungestört weiterwachsenden Goethe zu messen. Nur halfen all diesen Dichtern ihre schönsten, kaum noch an Goethe geschulten Verse nicht, aus ihrer Total-Überschattung durch Goethe herauszugucken. Und selbst Goethe wurde insofern ein Opfer Goethes, als seine Lyrik dem monströsen Nimbus Goethes nicht komplett hinterherzuwachsen in der Lage war, so daß viele Goetherezipienten an der Unsterblichkeit solcher Goetheverse wie "O Mädchen, Mädchen, wie lieb ich dich! Wie blickt dein Auge! Wie liebst du mich!" aufrichtig zu zweifeln anhuben und Goethe mit Recht vom Sockel holten. Wobei es zu immer unproportionieren Verschiebungen zwischen dem empirestatebuildingartig hinangedrehten Monumental-Sockel und dem immer kleingemachteren Standbild kam. Goethe aber trat alle Wadenpisser immer wieder in den Gipsstaub und in die Asche, der der Mammut-Phoenix pro Semester immer nur noch abgehärteter und unsterblicher enttauchte, unanfechtbarer denn je, vor allem nicht von seinen eigenen allzumenschlichen Kehrseiten und Kleinheiten. Denn auch er saß nur dann auf dem Olymp, wenn er nicht gerade den täglichen Kram seiner Straßenbaukommission zu erledigen hatte. Inzwischen hat er, der sich rangmäßig – Eckermann gegenüber - noch bescheiden zwischen Ludwig Tieck und Shakespeare ansiedelte, sogar Dante und Shakespeare dazu verdammt, neben sich geradezu einseitig begabt und irgendwie unbeweglich und mittelalterlich eingezwängt auszusehn. Auch Arno Schmidts Plädoyer "Weniger Goethe!" bzw. "Mehr Wieland!", oder auch das Faktum, daß Goethes riesiger Wortschatz dreimal kleiner bleibt als Jean Pauls Wortschatz, neben dem Goethes Wortschatz obendrein von Jahr zu Jahr unaktueller, reiz - und farbloser wird, perlt am Dichterfürsten Goethe so restlos ab wie sämtliche Kreuzzüge und Missionierungsgreuel an Jesus. Wobei übrigens der Büchersammler Goethe bloß 5424 Bücher besaß. Also immerhin zwanzigmal mehr als Kafka, dafür aber zehnmal weniger als Ludwig Tieck, und zwanzigmal weniger als Umberto Eco.

So kam auch auf mich, den neunzehnjährigen Vorpraktikanten und Hermann-Hesse-Leser, die undankbare Aufgabe zu, mich an diesem größten Dichter der Deutschen, vielleicht am größten Dichter Europas, wenn nicht gar an einem der größten Dichter sämtlicher Zeiten und Zonen, neben dem womöglich sogar Hafis, Firdusi und Vergil rettungslos verzwergten, irgendwie zu messen. Immerhin hatte ich, bis ich ins Alter des leidenden Werther kam, noch drei, vier Jährchen Zeit für die Leiden des jungen Holbein, und nebenbei zu ausgiebiger Goetherezeption. Die Wahlverwandtschaften ackerte ich nur deshalb geduldig durch, weil sie von Goethe waren. Am Wilhelm Meister, obwohl auch mir ein Kasperletheater 1959 viel bedeutet hatte, törnte mich eigentlich nur Mignon an; gleichgültig rauschte der Rest vorbei, aus dem schopenhauerisch einleuchtend und reinhauend einzig des alten Harfners für Goethe ganz atypischer Satz hervorstach: "Nichts ist mir grausamer als Freundschaft und Liebe; denn sie allein locken mir den Wunsch ab, daß die Erscheinungen, die mich umgeben, wirklich sein möchten". Ansonsten aber blühten Simplizius Simplizissimus und Adrian Leverkühn x mal lebenspraller als ausgerechnet Wilhelm Meister. "Nur, wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide" war zwar aus persönlichen Gründen ein überaus nachvollziehbarer Vers für mich, doch die darauf gereimten brennenden "Eingeweide" verdarben mir selbst die wunderbar ätherische Schubertvertonung. Auf einer sechsmonatigen Fußwanderung durch Mignons Italien berauschte ich mich an den entzahnt schnatternden Kiefern und am kahlen schuldigen Scheitel meiner Reiselektüre, an der Rattenfänger-Zeile "Und wären Wiesel mit im Spiele", und an anderer Goethelyrik.

Auch im Gründgens-Faust, der in München seit zwanzig Jahren jeden Sonntag lief, saß ich gern. Mein jugendlich erschütterter Busen kam mir ein wenig schmal vor für den Faust, der angeblich in jedem deutschen Manne brodeln soll. Mein pubertärer Wissensdrang allerdings verband mich tatsächlich ein wenig mit Faust und Doktor Wagner. Auch ich konnte nichts wegschmeißen, häufte Urväter-Hausrat auf, hatte vor dem Famulus sogar das Wissen voraus, daß man diesen Charakterzug "analen Sammeltrieb" nennen kann. Wagner hingegen kannte das Ungenügen an solcher Mottenwelt nicht -- im Gegensatz zu Faust und mir. Haushoch stand ich über Siebel, Altmayer und Valentin, Faust aber war mir auch nicht so richtig sympathisch, donnerte mir zu sehr als Choleriker und Maskulinum herum, mit und ohne Will Quadflieg im Pullover, gar zu abgeschnitten von märchenhaftem Laboratoriums-Interieur und ohne Bart. Am wahlverwandtesten dünkten mir seine Bekenntnisse, wie ein unbegreiflich holdes Sehnen ihn getrieben habe, durch Wald und Wiesen hinzugehn und wie er unter tausend heißen Tränen -- ja, da fand ich mich romantisch wieder, und in seiner Anfälligkeit für Erinnerungen, in der Osternacht und sowieso. Daß ihn aus dem schrecklichen Gewühle ein süßbekannter Ton zog und den Rest von kindlichem Gefühle mit Anklang froher Zeit betrog, da lag bereits das erst später entdeckte Madeleine-Erlebnis vollgültig vor, das plötzliche Innehalten und rebirthing anläßlich süßbekannter Duftnuancen, seitens begüterter Hochsensibelchen wie Marcel Proust und Hugo von Hofmannsthal, auch schon zur Lutherzeit bzw. spätestens zur Goethezeit, also vermutlich jederzeit; denn Riechnerv und Erinnerungszentrum lagen immer schon nah beieinander, aber aus dieser anatomischen Übereinstimmung gleich spezifische Wahlverwandtschaft zwischen Faust, Proust und mir herleiten zu wollen, führte doch wohl entschieden zu weit! Kurz, viel verwandter fühlte ich mich Fürst Myschkin und Hamlet, wenngleich ich bei diesen beiden wiederum schmerzlich vermißte, daß sie nie in Wald und Höhle saßen, um Fühlung mit Brüdern im Busch und silbernen Gestalten der Vorwelt aufzunehmen. Dies war natürlich meine Lieblingsszene. Distanz- und respektlos wie Eckart Frahm und Arno Schmidt wühlte ich mich hinein in den jungen Goethe, bevor dieser zum steifen Greis mit Doppelkinn gerann, hinein in die kaum gekannte, warme, tiefe, gotische, innere Höhle, Stube und nächtliche Seele, die ich dann, zusammengedrängt und verdichtet, in Ernst Blochs Geist der Utopie wiederfand; nur verfälschte ich halt mir gemäß Wald und Höhle mit taoistisch angefärbten Assoziationen, bis mein spillerig durchleuchtetes, altchinesisches Ziegenbärtchen eher an den spirituellen Clown Tschuang Tsi erinnerte als an Murnaus faustisch blitzumlohten Prophetenbart. Sprachlich überboten wurde Wald und Höhle sogar noch von der Prosaszene: "Nacht, offenes Feld", allwo Sturm und Drang rasant nachbebte bzw. bereits Büchner struppig hervorzubrodeln versuchte, mitten im überall infantil herumknittelnden Versgeklingel, ohne das der Faust sicher nur halb so populär geworden wäre, wegen mangelnder Volksnähe. Wäre also Faust noch besser geworden, hätte er zumindest auf Verse verzichtet wie "Du lieber Gott! was so ein Mann / Nicht alles, alles denken kann" oder auch "Sei, Teufel, doch nur nicht wie Brei, / Und schaff einen neuen Schmuck herbei", dann wäre Faust nicht so zitabel, und also auch irgendwie nicht so problemlos zu reiner Menschheitsdichtung aufgestiegen, schien mir.

Mein Lieblingstext neben Faust wurde "Das Märchen", wegen seiner Irrlichter, und vor allem das Fragment über die Natur. Die Zeile "Sie freut sich an der Illusion. Wer diese an sich und anderen zerstört, den straft sie als der strengste Tyrann" traf prophetisch vorauseilend genau auf Nietzsche zu, der ebenfalls - genau wie Rilke! - diese dämonische, meta-pantheistische Goethe-Quintessenz, bei der am Schluß ein paar euphemistische Versöhnungsschnörkel störten, erwähnte und schätzte, mein jahrelang schwarz auf weiß nach Hause getragenes, auswendig gelerntes Credo, ehe dann auch bei mir die Illusion zerstört wurde, daß dieses Fragment von Goethe sei. So wie ja auch die seligste Mozartrequiem-Stelle, ab Takt 9 im Lacrymosa, ausgerechnet von Franz Xaver Süßmayr stammte. Nachgelieferte Anmerkungsapparate teilten mir ungerührt mit, daß das Fragment über die Natur von Georg Christoph Tobler stamme. Ich recherchierte diesem ansonsten gänzlich unbekannt gebliebenen Tobler in den Forschungs- und Gedenkstätten in Weimar aufgeregt hinterher; doch war über diesen Meta-Goethe nichts weiter herauszukriegen, als daß er Pfarrer war und sonst weiter nichts leistete und schrieb. Wie konnte ein Nobody goetheartiger sein als Goethe? Später flog oder wuchs ich dank Hölderlin, Kleist, Jean Paul, Schubert, E.T.A. Hoffmann, über deren Ablehner Goethe hinaus, den insgesamt nicht gänzlich genügenden Goethe, später auch nochmal hinein und schrieb prompt ein Buch über den künstlichen Menschen in der Kunst, also über Goethes Homunculus, dessen Restposten soeben, nämlich anläßlich des Goethejahrs 99 für 19 Mark 80, verramscht wird, genau wie Goethes Briefwechsel mit Schiller, den zu Goethes Lebzeiten bloß 290 Leute kauften, weshalb der Rest makuliert werden mußte.

Woraus ich aber keinesfalls eine irgendwie geartete Analogie drehen, vielmehr hiermit beteuern möchte, mit Goethe praktisch überhaupt nicht wahlverwandt zu sein. Obwohl auch ich mal in Rom war und eine Freundin hatte, die wie Charlotte von Stein sieben Jahre älter war als ich und mich in Dreiecksverhältnissen wie zwischen Albert, Charlotte und Werther bestens zurechtfand. Doch die Reinkarnation Goethes in posthumen Köpfen -- das will ich nicht mit mir machen lassen. Die oktopusartig um sich grabschende Überlebensmaschine Goethe bleibt mir unbehaglich, zumal ich mütterlicherseits tatsächlich mit Lukas Cranach verwandt bin. Nein, da möchte ich anderen Geistern unbedingten Vortritt lassen. Außerdem bin ich als Wassermann und Luftzeichen konstitutionell eher für Ariel statt Erdgeist zuständig, für Schillers Anmut und weniger Goethes Würde, und stets wie Wolkenkuckuck Schiller, mit dem ich auch die leptosome Akne-Neigung teile, mit dem Scheitel die Sterne zu berühren trachte, während doch Goethe eher, um die Grenzen der Menschheit nicht zu ritzen, auf der wohlgegründeten dauernden Erde stehen will. Mit markigen, mir äußerst wesensfremden Knochen. Wobei es rein theoretisch natürlich bei den zuständigen Spiritualisten noch strittig bleibt, ob sich die Inkarnationsfolge wandernder Seelen eher streng linear bewegt, so daß also immer die Bodenständigen wieder als ebendieselben inkarnieren, oder ob genau umgekehrt ein Reißverschlußsystem vorwaltet, und ich also zwecks karmischer Abwechslung mal als Luftikus, dann wieder genau umgekehrt als Erdenkloß eingeleibt werde, so daß also meine heutigen Abweichungen von Goethe überhaupt kein Indiz wären, daß nicht doch speziell ich in die engere Auswahl käme bei der Unvermeidlichkeit, fatal an Goethe zu erinnern, ohne vollbürtig Goethe sein zu dürfen.

Das Fiese an Goethe ist u.a. die Penetranz und pausenlose Unsterblichkeit, mit der nicht nur seine Dichtkunst auftrumpft, mit 74 Erlkönigvertonungen zwischen 1816 und 1875, sondern vor allem auch, wie sich Goethes äußere Erscheinung so oft wie möglich in Erinnerung ruft. Je weniger sich für Beethoven-, Gandhi- und Goetheverfilmungen je ein wirklich plausibler Gandhi, Goethe oder wenigstens Hitler findet, an dem selten mehr stimmt als Bärtchen und Frisur, desto öfter sichten ich und andere auf Jahresversammlungen Evangelischer Akademien, Volkshochschulen und im Foyer von Internationalen Festspielkonzerten neben verblüffenden Jaspershäuptern vor allem auch stets wieder ganz unverkennbare Goetheköpfe meist sehr fortgeschrittenen Alters, exakt die hochgewölbte Jupiterstirn, den weißen Haarkranz etc. Sobald man aber einen solchen vor Repräsentanz würdig strotzenden Goetheschädel anspricht, läßt er bloß Normal-Suada hören. Auch weicht regelmäßig irgendeine Einzelheit alles verderbend letzten Endes dann doch gravierend vom Urbild ab. Und mutiert somit ins Hoheitsgebiet jener Zitate, die grinsend zu verkünden nicht müde sie werden: "Erreicht den Hof mit Müh und Not, / Der Knabe lebt, das Pferd ist tot", oder auch: "Warte nur, bald / mach ich dich kalt." Wobei Goethe, wenn er noch ein paar Jahre auf die Daguerreotypie gewartet hätte oder heute auf Podiumsdiskussionen seine angeblich gelben und krummen Zähne spontan loslachend freilegen würde bzw. seine spätere Porzellanprothese, ebenfalls erheblich von den bekannten Bildnissen abwiche, genau wie Robert Schumanns Photographie von den bekannten Öldrucken.

Immerhin tauchten in diesem Jahrhundert soundsoviele Fälle auf, wo sich die Goethehaftigkeit des anatomischen Korsetts durchaus mit Künstlertum überlappte, und dies natürlich auf mehreren Ebenen, also erstmal bei meinem HERKULES-Markt-Blättchen-Austräger Herr Schmidt, aber durchaus auch bei Prof. Herbert Malecki, meinem Kunstprofessor auf der HBK Kassel, von dem das vergriffene edition suhrkamp-Bändchen Nr. 333 stammt, oder bei Komponisten wie Rolf Liebermann, Harald Genzmer und Wolfgang Rihm, der bereits mit fünfzig so breit und monumental wie der siebzigjährige Goethe auszusehen wagt, Weltklasse-Pianisten wie Wilhelm Kempff, die sich nun halt allesamt zu physiognomischen Epigonen stempeln, während umgekehrt Abraham a Sancta Clara, welcher laut Martin Heidegger selber frappant wie Goethe aussah, natürlich Goethe nicht vorauswirkend zum Imitator macht, sondern lediglich als unzureichende Vorahnung den wahren und einzigen Goethe präludiert.

Formationsmäßig und beruflich Goethe am nächsten kam Gerhart Hauptmann, als erfolgreicher Bühnendichter, Autobiographieverfasser etc. Doch wurde ihm der Anspruch, der Goethe des 20. Jahrhunderts zu sein und zu bleiben, und vorher zu werden, und hierfür auch viel zu tun, z.B. in eigener Sache sogar eine Mignon zu schreiben und eine Fortsetzung des Goethemärchens, durchkreuzt von einem noch viel goetheartiger auftrumpfenden Neogoethe, der sogar seine Nobelpreiskürung mit Goethes Adligsprechung parallelschaltete und der im gleichen Lebensjahr, in welchem Goethe sich eine Kutsche leistete, ein Automobil sich zulegte, also geradezu das Manko, rein optisch eher schmächtig bis geradezu ungoethisch auszusehen, durch andere, geistigere Analogien ausbalancierte. Wodurch Mann und Hauptmann förmlich zu Max und Moritz werden in ihrem Ehrgeiz, Bruchstücke großer Konfession hinzulegen, faustartige Menschheitsdichtungen wie Joseph und seine Brüder, und also jeweils der wahre aktuelle Goethe zu sein, statt jeweils nur einer aus dem üppigen Repräsentanten-Wald derer, die in allen Ländern großangelegt aufsprossen, als Ableger, Schößlinge, Filialen, Erben, Enkel: der amerikanische Goethe Walt
Whitman, der norwegische Goethe Henrik Ibsen, der indische Goethe Rabindranath Tagore u.v.m. Charles Darwin nannte sowas verharmlosend "Variantenbreite". Goethe nannte sowas ahndungsvoll "Okkupation". Wobei neben Mann und Hauptmann noch weitere Anwärter herandrängten: Der frühe Hugo von Hofmannstahl, der laut Karl Kraus mit neunzehn bereits so schrieb wie der späte Goethe, darf nicht nur der österreichische Goethe genannt werden, sondern der Mephisto-Überbieter Karl Kraus nannte Goethe den "Hoffmannsthal des 18. Jahrhunderts", lieferte sogar eine gereimte, großzügig über Äonen hinwegblickende Meditation über das allzuwenig ungleiche Pärchen Goethe und Hofmannstahl:
"Will Hofmannsthal Goethes Entwicklung begleiten,
so wirkt es noch in die fernstesten Zeiten.
Was immer auch dieser jenem leiht,
es reicht für beider Unsterblichkeit.
Müssen die, die späterhin beide lesen,
denn wissen, welcher der Ältre gewesen?
Die hundert Jahre, welche dazwischen,
werden weitere hundert wieder verwischen.
Nach tausend aber ist's schon egal,
ob Goethe oder Hofmannsthal."
Problem halt nur, daß alle diese neueren Goethes zwar stapelweise wie Goethe unsterbliche Werke schufen, aber keinerlei Zwischenkieferknochen entdeckten, kein Cello spielten, keine Handzeichnungen lavierten, also doch wohl ziemlich einseitig als Fachidioten dastanden neben dem Allround-Genie Goethe. Wenn wenigstens Jean Paul ein paar Gedichte und Tragödien geschrieben hätte! Doch nein, immer nur Romane und nochmal Romane. Kurzum: die Nachwelt hat sich geeinigt, daß keiner Goethe und Mozart an die Schultern reicht. Instinktgesichertes Hitdenken läßt nichts anderes zu. Erst die Rangordnung im Sozialverband, dann alles andere. Das sind die Spätfolgen des Monotheismus. Du sollst keine Nebengötter haben neben mir. In pluralistischen Gesellschaften wachsen aber ständig weitere kleine und noch kleinere Schreiberlinge und Künstlerchen nach, und in jedem schlummert ein klitzekleiner Goethe, eine gepanschte Mixtur aus Fast-Goethe und Mehr-als-Goethe, und keiner darf ausgetragen werden, und jeder säbelt und doktert an seiner spezifischen Schmalspurigkeit herum, und keiner bringt den vollen Akkord. Goethe hat allen Späteren Licht und Luft weggenommen -- was natürlich nicht ganz stimmen kann; denn er hat heutigen Größen sämtliche Themen des 20. Jahrhunderts übriggelassen und keineswegs durch kühne Vorwegnahme mustergültig angetastet: Massenpsychologie, Genozid, Arbeitslosigkeit, globales Müllproblem, Drogen, Waffenexport, Bodentruppen, Turbokapitalismus. Allenfalls hat er kurz das Balkan- und Kurdenproblem unverbindlich angetippt, mit der Stelle von den Völkern weit hinten in der Türkei.

Es wäre also eine komische Wahrheit und - bei ungefähr gleichbleibender Nährlösung - ein biologisches Unding, wenn es wirklich mal ein Prachtexemplar gegeben hätte oder geben könnte, das alle Nachfolger verdammt, Zwerg zu bleiben. Zumal laut Hegel die Bibel samt Goethe in Joseph und seinen Brüdern durchaus enthalten ist, nicht aber vice versa. Goethe, Schiller, Hölderlin werden niemals Joyce, Kafka, Beckett lesen können und also nie erfahren, daß auch in ihnen ein Joyce, Kafka oder Beckett darauf gewartet hat, vom Industriezeitalter wachgeküßt zu werden. Wortschatz und Themenradius sämtlicher Klassiker, von Archilochus bis z.B. Goethe, blieb ärmlich. Drei, vier Schritte durch die damals noch nicht auseinanderexplodierten Horizonte, und ein Universalgenie stand gebietend auf. Heute dagegen stoßen große Momente auf ein kleines Geschlecht. Worauf bereits Schiller aufmerksam machte. Da Goethe inzwischen zu 94 Prozent aus akkumuliertem Nimbus besteht, kriegt es seit längerem niemand mehr hin, auch nur annähernd ein solches sonnenhaftes Auge aufzuschlagen, wie dies der Nimbus Goethes niemand anderem als Goethe zugesteht. Hundert hochkarätige Gegenwartsautoren, von Grass bis Goetz, machen zusammen noch keinen Goethe. Auch wenn dieser in jedem Panoramatiker neu hervorzubrechen versucht, sich aber bei seiner Goetheähnlichkeit nur lächerlich macht.

Trotzdem muß irgendwo der Goethe des 20. Jahrhunderts stecken. Dieser kommt da nicht drumherum. Irgendjemand muß ihm strukturell am nächsten kommen. Hoffentlich nicht Handke. Keiner nimmt hier mit Ernst Stellung. Da möchte man doch lieber als die Wiedergeburt Vladimir Nabokovs leuchten, als a tergo vom Expansions-Terrorist Goethe genötigt zu werden, irgendwie an Goethe erinnern zu müssen oder gar zu wollen. Mit anderen Worten: Sobald es gelänge, diesseits des Goethe-Nimbus den Nimbus von ebendiesem Goethe gewaltsam abzupellen, also aus der Christusglorie den leidenden Jesus hervorzuschälen, steht wieder nur ein einsames leeres Individuum an seinem Stehpult, in Blochs gotischer, seelischer Nacht, nicht ohne Gänsefeder, die ewige arme Sau in ihrer konstitutionsbedingten Begrenztheit, aus der sie, bevor sie abkratzt, sich mit wohlgewählten Worten herauszumogeln versucht, hierbei einen Panoramablick in die Runde wirft, und in genau diesem nimbusbefreiten Moment erinnert natürlich jeder Künstler, vor allem auch der Typus des Stümpers und Möchtegerns, dann doch wieder irgendwie an -- nun ja - Goethe. Daher Eckard Sinzigs "Irgendwie erinnert er mich an mich", also jeden an jeden, nur gleich jeder halt bloß dem Geist, den er begreift. Ach ja, ich bin's halt nicht. Viel zu wenig von dieser Welt usw. Kein apokrypher Nimbus wird meine gotischen Nächte mit sparsam gesetztem Scheinwerfer, oder besser noch: Rembrandtischem Helldunkel verewigen und immerdar und forever lesebuchfähig machen. Selig, welchen die Götter, die gnädigen, vor der Geburt schon liebten...schon vor des Kampfes Beginn sind ihm die Schläfen bekränzt...

Es sei denn, ich ziehe einen Aspekt hinzu, den erst das 20. Jahrhundert auf den Tisch brachte: daß jeder Mensch zu mindestens 94 Prozent mit jedem anderen Menschen vollkommen identisch ist, von seiner DNS her gesehen, einschließlich Frau und Mann, Papst und Neger. Wodurch sich die tatsächlichen Unterschiede zwischen Goethe und dem Rest der weniger begünstigten Geistesriesen bloß im Promillebereich bewegen. Und wodurch die Frage, wo oder wer Goethe heute sei, letztschlüssig beantwortet wird: Wenn die Unterschiede zwischen Goethe, Mutter Teresa, Milosevic und vielen anderen Leuten sowieso weniger als ein Prozent betragen, dann kann auch ich ohne Anmaßung als neu inkarnierter Goethe auf mich selber hinweisen, und kein Konkurrenzgoethe oder Goethefan darf bestreiten, daß ich hierzu nicht berechtigt sei. Auch wenn ich rein optisch eher Albrecht Dürer ähnlich sehe, jedenfalls mit zwanzig ähnlich sah. Zumal auch der wiederkehrende Messias heute bloß so suspekt aussehen könnte, wie Jesus damals tatsächlich aussah. Und zumal auch Goethe, wenn er heute inkognito wiederkäme, nicht mehr an seine damalige Fassung erinnern wollen würde, sondern von ihr joyce- und kafkagesättigt erheblich abwiche, als ein unkenntlich anderer.