Sieben tapfere Schneiderlein auf Himmelfahrt. Ein Denkmärchen
Ulrich Holbein
 

 

 

22.3.1999


 

 

Sieben tapfere Schneiderlein wanderten durchs grüne Land, und jeder hatte sich prahlerisch auf den Gürtel genäht: "Sieben auf einen Streich!" Keiner hatte ein Bügeleisen im Gepäck, auch keinen kupfernen Fingerhut und keine gewetzte Schere. Also schwebten sie behendiglich einher, ohne zu ermüden und fast ohne mit federleichtem Schuh den Straßenkot zu berühren.
Es donnerte. Ein Goliath bückte sich zu ihnen hernieder und mokierte sich über die fliegenhafte Winzigkeit der Schneider. Dennoch kam ein Arbeitsvertrag zustande. Die Schneider sollten für den Goliath Wasser schöpfen. "Und was bekommen wir dafür?" riefen sie.
"Dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr", gelobte Goliath, "und als Zugabe noch einen Tag drauf, jedenfalls bei Schaltjahren!"
Das erschien den Schneidern ein akzeptabler Lohn und sie eilten, geschoben vom Sommerwind, zum Wasserschöpfen. Dem Goliath waren die sieben aufgeregt wuselnden Gesellen irgendwie unbehaglich. Sie hatten ihn vermutlich durchschaut und würden ihn ärger reinlegen als er sie. Also sann er darauf, sie loszuwerden. Es arbeitete in seinem dicken Schädel. Er kratzte sich die Kopfschwarte. Nachts wies er ihnen in seiner ungelüfteten Höhle ein Eckchen zu und wälzte sich dann wie zufällig über die schlafenden Irrlichter hinweg, um sie zu zerdrücken. Doch die Druckwelle verdrängter Luft schwappte die Gesellen aus der Gefahrenzone hin-aus – und hinauf auf einen Baumriesen, wo die Schneider im Blättergeraschel Bucheckern auf zwei, drei schnarchende Riesen warfen, die vom Bombardement erst lange nichts spürten, dann hochschraken und halb im Schlaf sich gegenseitig niederboxten. Und dann, zwischen Dornengestrüpp, das in Blutpfützen stand, weiterschliefen, oder auch starben.
Gevatter Tod trat heran, da öffnete ein demolierter Goliath noch mal das fast schon gebrochene Auge, fluchte, ärgerte sich über das äußerliche Kleinformat Gevatter Tods, schlug um sich – Gevatter Tod sank getroffen zur Seite, und die drei Riesen erholten sich zusehends.
"Jetzt wird die Welt", ächzte der besiegte Tod, "so voll werden, bis sich alle Leute auf den Füßen herumstehen!"
Da stürzten die sieben Schneiderlein insektenhaft herbei, legten Flicken als Pflaster auf die Wunden des Todes und heilten sie. Sofort bekamen die Riesen Rückfälle, röchelten im Unterholz vor sich hin – und Schneiderlein Nr. 7 hüstelte seltsam trocken, und Nr. 6 nieste pfeifend, und Nr. 5 zog sich eine Zecke aus dem Schlenkerarm, und Nr. 4 sank mit Kopfweh ins Gras, und Nr. 3 betastete Beulen im Gesicht, und Nr. 3 rief rotzend: "Ich muß mir was gefangen haben!" Und Nr. 2 jammerte: "An uns ist zwar nicht viel dran – trotzdem ist es bitter auch für uns, sterben zu müssen!" Und Nr. 1 wandte sich schmerzverzerrt an Gevatter Tod: "Wie haben dir geholfen! Wir haben dem Tod das Leben gerettet. Und jetzt – sollen wir selber abkratzen? O Tod – ist das der Dank?" Und Nr. 7 legte sich hin und starb.
Gevatter Tod erzählte ein Gleichnis: "Ein Skorpion ließ sich von einer Schildkröte über den Fluß helfen und stach sie anschließend in den Bauch. Die Schildkröte fragte schmerzverzerrt: 'Ist das der Dank?' Der Skorpion aber erwiderte: 'Deine Natur ist, hilfsbereit zu sein, und das bist du gewesen. Meine Natur ist, zu stechen, und das habe ich getan.'"
Doch die Riesen und Schneider waren bereits verstorben. Aus den Mäulern der Riesen entrangen sich ausufernde Nebelgestalten, drei Mammutseelen und wanderten als hängebäuchige Wolken zum Riesenhimmel. Aus den zarten Mündlein der Schneiderlein spiralten sieben Fäden Zwirn, und obendrauf auf jedem hypermotorischen Faden vibrierte ein kümmerliches eckiges Quasiköpfchen, mit aufgerissenen Stecknadelknopfäuglein, nähnadelspitzen Nasen und Zungen, die schwirrten durchgedreht im Zickzack hin und her und hin und lenkten mit ihren Loopings den flinken Teufel, der mit seinem Felbelhut als Schmetterlingsnetz hinterherflitzte, von den unbehelligt dahinziehenden Riesenseelen ab. Von denen hätte rein mengenmäßig der Teufel viel mehr gehabt. Entsprechend sauer reagierte er, als er die sieben Fäden, alle sieben auf einen Streich, beisammen hatte. Auf da· er überhaupt etwas Nennenswertes in der Pranke habe, drehte er in den Fädensalat einen Knoten hinein, wollte schnell andere, soeben massenweise aufsteigende Seelencluster fangen und knotete solange, um freie Hände zu haben, das kläglich pfeifende Bündel auf eine kopflose Kopfweide. Da pfiffen nun die sieben ehemaligen Schneiderlein in der Nachtluft, ängstigten Wanderer, rissen sich genau, als der Teufel zurückkam, los, wallten gen Himmel und wurden oben vom Sankt Petrus nicht eingelassen, mit der windigen, schwer nachprüfbaren Begründung: "Es tut mir aufrichtig leid, meine lieben Schneider, aber im Himmel ist zur Zeit fast niemand."
Das wollten die ungeduldigen Schneider nicht glauben. Petrus aber wiederholte und präzisierte seine Erklärungen: "Wir hatten letzte Woche Tag der offenen Tür, und heute haben fast alle ihre freien Tage genommen."
Das wollten die Schneider immer noch nicht glauben. Doch Petrus beteuerte zum dritten Mal, daß er, bevor nächste Woche das Sommerloch beginne, natürlich keinen mehr reinlassen dürfe.
"Wir können nicht mehr zurück, wir sind zu lädiert und alt und kaputt", so pfiffen die Schneider auf ihren letzten Löchern und wickelten sich mit ersterbenden Geißelschlägen um die Beine des Sankt Petrus. Da hatte er Mitleid und band sie im Wartezimmer des Limbus fest.
Von hier aus konnten sie in den Himmel hineinblicken, und da war weit und breit tatsächlich nichts los. Kein Apostel kam vorbei. Keine Engelschöre staffelten sich zu Lichtpyramiden.
"Wenn keiner da ist, dann merkt auch keiner, wenn stattdessen wir da sind", sagten sich die sieben Schneider, rissen sich aus dem Wartezimmer los und kurvten freimütig und vorwitzig im Himmel umher – auf einmal schwuppdiwupp vorbei an zwei Engeln, die einen Holzbalken wegtrugen, und zwar genau jenen, den man im Auge hat, während man nach Splittern in den Augen anderer Schneider sucht. Weiter hinten drin gab es auch noch andere Engel. Die Schneider orientierten sich in diesen Hallen am Licht, das weiter oben immer noch heller wurde, und jedes mal riefen die geblendeten Schneider: "Heller gehts nicht!" Und dann wurde das hellste Licht doch noch heller bis zum Gehtnichtmehr, und sofort danach - angenehm stufenlos - noch eine Stufe heller, und eigentlich hätten die Augen längst zurückbleiben müssen, viel zu ungeeignet für solche Helligkeit, und schon brauste es noch heller über die Schneider hinweg und noch heller durch sie hindurch, und sie starben pro Stufe nochmal und nochmal, und hielten doch noch eine neue Helligkeitsstufe aus, und zitternd und bebend noch eine, und unglaublicherweise auch noch die nächste, und siehe, sogar die überübernächste, und noch eine, und standen dann in Gottes Thronsaal, alles voll mit Engeln, übervoll von englisch flutenden Schwingungen, Qualitäten und Feinstofflichkeiten, keine Spur von Sommerloch.
"Folglich hat Petrus dreimal gelogen!" pfiff Schneider Nr. 7, wurde aber von den andern sechs niedergebuht: "Wie kann man vor Gottes Thron sowas denken!"
Und plötzlich wurde offenbar – der unglaublich sich türmende, wunderbare Thron war unbesetzt. Keiner saß drauf. Alle Engel schwirrten, fächelten und jubilierten – niemanden zu. Wo war Gott? Also hatte Petrus doch nicht gelogen. Gott war irgendwie aushäusig.
"Aber wenn er sich schon auf Erden so rar macht", meinte ein Schneider, "dann müßte er doch wenigstens hier –"
Die sechs Schneider rissen am Seelenfaden dieses offensichtlich von Blasphemo gerittenen Schneiders. "Vorsicht! Nicht daß du dich ansteckst am Blasphemo!"
"Ich streit ja gar nicht ab, daß es Gott gibt! Ich will ja selber, daß er da ist! Und wie ich das will!" verteidigte sich der Schneider vehement. "Außerdem wird er ja doch wohl zurückkommen, jeden Moment..."
Da erbleichten alle sieben Schneiderlein. Denn jeder hatte auf einmal denselben schlimmen Gedanken. Und der lautete: "Da können wir lange warten ... vermutlich..."
"Denn zu wem sollen wir sonst beten", quäkte Schneider Nr. 7, "wenn nicht zu Gott dem Herrn?"
Und ein weiterer gemeinsamer Gedanke durchzuckte alle sieben: "Für diesen Versprecher wird Gott uns fürchterlich bestrafen."
Da fügte Blasphemo wacker hinzu: "Aber nur, falls er zurückkommt..."
Und alle sieben brachen in ziegenhaftes Gelächter aus, zuckten zusammen, unterbrachen sich sofort. Sie versuchten zu erröten, hatten aber wenig Blut zum Erröten da, und erbleichten derart, daß sie in ihrer Umgebung, von der sie sich optisch längst nicht mehr abhoben, noch mehr aufgingen. Sieben schneiderförmige Hohlräume stanzten sie in den Himmel. Die dünnste aller Lüfte war hier noch dünner geworden. Der Himmel ging unmerklich über in die Regionen des Nichts -- und der übernächste Petrus in den Verwaltungsbeamten, der vor dem Nichts stand, ohne Nimbus und ohne Corpus. Der sah sie skeptisch an und ließ sie nicht rein ins Nichts. Mit der Begründung: "Ihr dürft nur dann ins Nichts, wenn ihr selber nichts seid."
"Wir sind absolut nichts!" beteuerten die ehemaligen Schneiderlein.
"Das könnt ihr anderen weismachen – mir nicht!" knurrte der Beamte. "Gebt zu, ihr wart mal was. Also seid ihr auch jetzt noch was – statt nichts."
Und der Beamte sah in der Akascha-Chronik nach. Und da fand sich natürlich jede Menge über jedes einzelne Schneiderlein. Da fand sich jeder Zwirnfaden, den sie jemals vernäht, jeder Fingerhut, den sie jemals verbeult, jedes Bügeleisen, an dem sie sich festgehalten hatten, um nicht fortzuwehen. Und auch jeder Goliath fand sich da, den sie besiegt hatten, jede Himmelfahrt, die sie unternommen hatten. Und jeder Thron, den sie leer vorgefunden hatten. Und jeder Verwaltungsbeamte, der sie zuerst nicht hineingelassen hatte, um sie dann doch noch hineinzulassen ins Nichts.