Meine Widersprüche und ich
Ulrich Holbein
 

 

 

15.3.1999


 

 

Schlaflose Widersprüche: Abends konnte ich nicht einschlafen und besah mir solang noch ein wenig die Dunkelheit. Was läßt sich erlauschen, wenn man ein Ohr an ein Ohr legt? Wonach riecht eine Nase? Sind die Träume eines Brillenträgers unscharf? Auch Augen sind Brillen. Kommt ein Knebel geflogen – ins gähnende Maul! Wer keine Qual hat, quält sich auch. Wer schläft, sündigt auch. Ich guckte alle drei Stunden auf die Uhr. Wache, selbst, wenn du schläfst! Auf meinem Kopfkissen steht: "Aufwachen verboten!" Um Ausschau zu halten, stieg das Kamel auf seine eigenen Höcker. Schläft der Arm ein, wacht der Schläfer auf. So laut mein Wecker auch fiepen mag, immer wach ich nur zum Teil auf, ein kleiner, unwichtiger Teil von mir.
Frühmorgendliche Widersprüche: Schon wieder verschlief ich mein Aufwachen. Beinahe wäre unverwechselt ich derjenige gewesen, der da aufwachte. Sobald ich nicht liegenbleibe, steh ich auf. Du steigst nicht zweimal in dieselbe Naßzelle. Das stimmt nicht. Denn beim zweiten Mal ist derselbe Fluß nicht mehr derselbe. Du steigst noch nicht mal zweimal in zwei verschiedene Flüsse, denn beim zweiten Mal bist nicht du es, der reinsteigt. Die Welt – ein Hallenbad, voller Warnschilder: "Baden verboten!" Seekranke Fische fragen sich: "Kann Wasser schwimmen?

Physiognomische Widersprüche: Jedesmal ist mein Gesicht eine unschöne Mischung aus Schön und Blöd. Mein Auge – in jede Situation guckt es hinein. Zerebral-Sandwich: Die fliehende Stirn schanzt dem zurückfedernden Hinterkopf das ausweichende Hirn zu. Einzeller, Schwämme, Würmer, Dreilapper haben noch keinen Kopf, allmählich bekommen sie einen, und ab dem Fisch wird er nicht mehr abgeworfen. Umgekehrt bei Maschinen: der frühe Robot hatte einen Kopf, der Industrieroboter warf ihn ab. Ach, wär doch nur das Hirn nicht so hirnlos! Wer wie ich beim Wiederverkörpern aus der Übung kam, zweifelt sehr, ob die Gestalt, für die er sich diesmal entschieden hat, ihm auch zu Gesichte stehe. Fast jede Nase geht über das Mittelmaß hinaus. Mein wahres Gesicht – eine Pappnase. Mein Leben – ein Schorf, der noch nicht abgeht.

Erotische Widersprüche: Ich als Solipsist sauge mir einen Fettmops aus den Fingern, der mir tagtäglich eintrichtert, ich müsse mich öfters ins Leben stürzen, um Anregungen zu bekommen. Sehnsucht habe ich keine besondere. "Nicht die mindeste" will ich nicht sagen. Auch in mir wohnt etwas, was ich als Kußfreudigkeit bezeichnen möchte. Mulden mutieren ganz gern einmal zu Wölbungen. Wenn wenigstens die Hemmungen Hemmungen hätten. Selten oder nie? So selten, daß man's nie nennen kann. Meine Kontemplation wird von Tag zu Tag ungeduldiger. Schön, meine Bedürfnisse zu beobachten, wie sie sich platonisch aufstauen. Der Wille ist erst durch Schopenhauer in die Welt gekommen. Aristoteles war noch völlig willenlos. Zwerg Nase hatte keine Zwergnase. Am schiefen Turm von Pisa ist die Schiefe berühmter als der Turm. Der Sack, aus dem ich die Katze lasse, wuchs hervor aus dem Vorhang, der mir meine Isis verbirgt. Und schon fallen Späne, ohne daß gehobelt wurde. Es dauerte länger als eine Riesenschlange.

Kulinarische Widersprüche: Sobald ich in der Überzahl bin, versammele ich mich im Halbkreis. Bei 43° wird das Eiweiß weiß. Die "Überraschungs-brötchen" wies ich zurück, weil die Überraschung Leberkäse war und ich Vegetarier. Quarkspeisen, die ich bereite, stellen eine Mischung dar aus Gemischtem und Ungemischtem. Unterdrücktes Schmatzen hört sich noch widerlicher an als Schmatzen.

Musikalische Widersprüche: Ich hab was gegen meine Physiognomie, und das mitten im Gesicht. Ich spürte den Wunsch, das Radio anzumachen, und das mitten in Cioacchino Rossinis Duo für Cello und Kontrabaß (worin das Cello die erste Geige spielt). Das Stück hatte eine unsagbar einprägsame Melodie (die ich leider vergessen habe). Ich kenne Beethovens Spätwerk wie meine Hosentasche (die ich eigentlich kaum kenne). Danach kamen kleine Stücke für großes Orchester. Was unter Ärzten Chirurgen sind, sind unter Orchestermusikern Blechbläser. Dann kamen Lieder, vornweg das beste des ganzen Zyklus; von den andern gilt das ebenfalls. Gedichte würde ich auch dann nicht erträglicher finden, wenn sie besser wären. Wenn nur die Komponisten nicht allesamt so schön komponiert hätten! Aber zum Glück bin ich ja unmusikalisch. Dann kamen Nachrichten, doch ich wollte nicht auf dem laufenden sein.

Künstlerische Widersprüche: Ich bin weder schöpferisch (klingt nach Machtgebärde) noch produktiv (klingt marxistisch nach Serienherstellung) noch kreativ (klingt vorschulpädagogisch nach Beschäftigungstherapie, bestenfalls nach Orff'schem Instrumentarium). Ich bin weder Dualist noch Monist, sondern Mondualist. – Ich suchte vergeblich einen akustisch toten Winkel, um Geschichtsphilosophie zu betreiben. Jetzt, wo mein Füller fehlte, fiel mir viel zum Schreiben ein. Um ein winziges Haar hätte ich mich konzentrieren können. Meine Worte gehorchten mir aufs Wort. Ich aß Ambrosia, ohne Emulgator als Zutat, fernab aller Trockenpulver. Mein Kantinenfraß läuterte sich in Richtung Abendmahl. Ich warf mich mit Mund-zu-Mund-Beatmung auf Knochenfunde. Ich prostete mit frisiertem Röcheln meinem eigenen Peng zu. Phasenweise sonnte ich mich im Mondlicht. Nacht für Nacht stieg ich gähnend ins Nachthemd, mit aufgestickten Schläfern. Die wachten auf, um Protestfahnen zu schwenken gegen den Industriezweig, der Protestfahnen herstellt. Zumindest startete ich einen Versuch, Windstärke 12 in die Arme zu schließen. Ich frevelte am heiligen Recht der Uneinheitlichkeit. Sobald ich Gesuchtes fand, ging die Suche erst richtig los. Das Naheliegende lag mir ferner denn je. Ich lief meilenweit für einen Umweg. Nichts suchte ich heftiger als das Gefundene. Hinter mir ging eine buntbemalte Sonnenfinsternis auf. In Wüstensonne aufgestellte Eisblumenfotos schmolzen, nein zitterten hinter meiner Blindenbrille. Ich gönnte einem Sandsack – mich, und zwar durchaus als Beischläfer. Außerdem definierte ich Kunst als Gerinnsel im Blutstrom des Lebens – oder so ähnlich. Als gutartige Beule im Herzbeutel bissiger Tumore; als erfundene Pille gegen verlogenen Brechreiz; als Friedenstaube, die in fallendem Bombengeschwader aufwärtssteigt. Als hochgiftiges Gegengift gegen schwaches Gift, als pazifistische Mordlust, als Notschrei unbedrohter Memmen. Mein Epos versteht nur der, der es mir nachmacht, ohne daß ich es ihm vormache. Ach, was würde ich alles Schönes schreiben können, wenn ich ein bißchen Zeit hätte und nicht permanent dem Beruf des Schriftstellers nachgehen müßte.

Zoologische Widersprüche: Es nutzt nichts, die Schlange gleich am Beginn der Zauberflöte zu töten. Je heftiger man zusticht, umso verläßlicher kehrt sie im jungen Siegfried wieder, vergrößert zum Riesenwurm Fafner. Über Antäus, den Riesen aus Lybien, fliegt ein Mauersegler weg. Der eine kriegt den Fuß nicht von der Erde los, der andere kommt nur zur Erde, um zu brüten, sonst nie, nicht mal zum Schlafen. Wie hieß der Zaunkönig, bevor es Zäune gab? Dem ersten Reh, das aus dem Wald trat, folgte ein zweites Reh, diesem ein drittes, diesem ein viertes, diesem ein fünftes, und diesem ein siebtes Reh. Ein sechstes Reh hingegen trat nicht aus dem Wald.
Zwischenmenschliche Widersprüche: Zu Doro: Statt gut zu sein, bist du bloß nett; und statt böse zu sein, bist du bloß ab und zu sauer. Werde, wie ich dich finde! Sie ist lange auf dem Klo. Dafür braucht sie wenig Schlaf.
Einsame Widersprüche: Mir ist, als müsse mich ein Jammer ankommen. Ich bin der Weinende, der immer lacht. Ich bin im Rückzug ganz vorn. Ach wär ich nur ein Mensch wie du und ich. Ich bin anders als alle, die anders als andere sind. Wenn ich da bin, bin ich – genaugenommen – weg, und wenn ich weg bin, bin ich auch weg. Ich rücke dem Wesentlichen so lange nahe, bis es unwesentlich wird und ich ihm gar nicht nahe gerückt bin. Immer, wenn ich Klavier spiele, sind meine Finger mir im Weg. Neulich fand ich die langvermißte Schere wieder und spürte – Enttäuschung. Luthers Thesenanschlag könnt ich allein wegen Lärmempfindlichkeit nicht ausführen. In der Hölle ist es – statt heiß – laut. Ich brauch keinen Pullover, ich brauch Stille. Philosophen schwafeln kaum noch von Wahrheit, Insekten aber prallen weiterhin an die erleuchtete Scheibe. Das Jenseits des Christentums liegt nicht weiter weg als das Abseits des Fußballs (wie bereits Hegel wußte). Wohltuende Folter für Introvertierte: Isolationsfolter. – Bis auf das Unwichtige ist vieles in der Welt von Wichtigkeit.

Gesundheitliche Widersprüche: Hast du noch Kopfweh? – Und wie! Mit dem Unterschied, daß sie jetzt nicht mehr wehtun. Erst als mir nichts mehr fehlte, merkte ich, was mir fehlte. Als es uns noch schlechter ging, ging es uns besser. Meine kleinen Schmerzen piesacken mehr als meine großen. Ich klebe hieb- und stichfeste Trostpflästerchen auf tödliche Wehwehchen. Ich wechsle meine Ärzte öfter als meine Krankheiten. Auch Ärzte müssen mal zum Arzt. Ich lag Doro in den Ohren mit meiner Nase. Denn zwischen dem Pickel, der auf ihr blüht, und meinem Großhirn liegen keinerlei Lymphknoten. Ich esse bloß, um Gegenkräfte gegen meine Krankheit zu mobilisieren. Doch die Krankheit ißt mit und wird groß dank derselben Nahrungszufuhr. Mein Vater hat sowohl ein Überbein wie ein Muttermal am Unterarm.

Ultimative Widersprüche: Vergessen, ermatten, das wär was. Immer aber ist noch was da, was nicht mitermattet. Wenn ich meine Strickjacken auszieh, bleibt kaum was von mir übrig. Das Leben, so sehr es musiziert, hat weder Exposition noch Reprise. Wenn die Musik aus ist, steht das Radio immer noch da. Jedesmal ist der Nußknacker entzwei oder entdrei, die Nuß aber immer noch zu. Erst die letzten Worte, dann eine Kunstpause, dann der letzte Furz. Om verhallt, Atom dreht sich weiter.

Unsortierte Widersprüche: Wer schont die Sesselschoner? Ich nicht. Nicht mal die Alternativen leben alternativ. In meiner Privat-Geologie landet der Stein, der vom steten Tropfen gehöhlt wird, neben dem Tropfstein. Warum ist der Märzscherz auf den Aprilscherz nie eifersüchtig? Müßte das Zwerchfell der Erwachsenen nicht eigentlich Riesenfell heißen? Zwerchfellatio, weder zu verwechseln mit Sex noch mit Humor. Auf einem grauen, splitternden, wurmstichigen Scheunentor hier in Obernau leuchtet grellgelb ein Aufkleber: "Ankleben verboten!" Neulich wich ich von meinem Dogma "Man sollte nie dogmatisch sein!" ab. Lehrer gehn genauso ungern in die Schule wie Schüler. Bullen täten gut daran, sich selber zu verhaften.
Aussortierte Widersprüche: Gestern erlebte ich ein blaues Wunder. Ich weinte drei Tränen, mit zwei Augen. Die Tränen rollen davon. Ich laufe aus. Der Wasserfall, der in einen Fingerhut fällt. Das Diesseits überwuchert mit Vorliebe die aus ihm herausführenden Stufen. Meine Erlebnisse sind nicht schön, aber werden schön. Mensch wird nur der, der ihn überwindet. Wer sich begnügt, Mensch zu sein, bleibt Tier. Um Zoologie zu studieren, brauch ich mich nicht vom Löwen beißen zu lassen. Ich kaufte mir eine Waschmaschine, um Zeit zu sparen und in dieser Zeit ein gutes Buch zu lesen. Darin stand, daß man nicht per Waschmaschine waschen soll. Wer wusch Mozarts Unterhosen? Stutzrasen muß so kurz sein wie Teppichboden, damit Innen und Außen identisch bleiben. Würde Gras nicht weiterwachsen, müßte Frau Laabs wenigstens staubsaugen. Siebenschläfer im Kontrabaß. Zur Novaliszeit, mangels Digitalismus, bestanden die Schlüssel aller Kreaturen noch lange nicht aus Zahlen und Figuren. In der Ferne wurden flimmernde Kästen sichtbar. Aus der mit Kamel-Bild versehenen Wundertüte kam eine Wanderdüne. Wer bei anderen gut abschneiden will, braucht sich nur das Aufschneiden dieser andern gefallen lassen. Zwei Fragen an Frau Barbara: Wieviele Tintenkleckse schwimmen in diesem Tintenfaß herum? Wie unsensibel muß ein Lexikon sein, um stets den Anus neben die Äolsharfe zu stellen?