Die Erdbeeren
Joachim Helfer
 

 

 

22.11.1999


 

 

Eigentlich sollte mein letzter Text ja "Lebenszeichen aus L.A." heißen; dann hätte ich über diese zweite Postkarte aus dem heißen Allerengeln an der Südsee "Lesezeichen aus L.A." schreiben können. Und nach den Kolibris mal über Libri und Co. berichten können: so, daß ich unter den 30.000 Bänden heute endlich auch mal eines eines noch durchaus lebendigen Autors gefunden habe: "Ausdeutschen" von Andreas Neumeister (den ich auf Null vermisse). Seite 19 Mitte: "Die Abstimmung in Philadelphia über die Verkehrssprache der USA ist denkbar knapp ausgefallen. Mit einer Stimme Mehrheit hatten sich die Delegierten für die englische und gegen die deutsche Sprache entschieden. Um ein Haar wäre Deutsch Weltsprache geworden. Und bei uns müßten keine Western mehr synchronisiert werden." Und dann hätte ich zu Hettches letztem Editorial anmerken können, dass die populären Fernsehmythen unser aller Kindheit bei uns ja eben synchronisiert angekommen sind: also nicht verwässert, sondern um eine entscheidende Schicht komplexer gemacht. Bonanza auf Deutsch, in West-Germany, ist ein ander und spannender Ding als dito auf amerikanisch in USA. Wobei ich den anti-bibliophilen Affekt bestens verstehe: Die Dinger rascheln ja nicht nur, sie fangen irgendwann auch das Stauben und Stinken an; dies Haus ist Gruft, Katakombe, in den Wandnischen 29.999 Mumien. Und erst die Möblierung dieses halböffentlichen Raums! Feuchtwanger war eher kurz, was zur Folge hat, daß wir dank gesünderer Lebensweise längeren Heutigen uns auf allen Stühlen den Rücken verbiegen ... Da sehnt man sich denn in der Tat in ein nettes Internet-Café, auf allen Monitoren MTV. Und freut sich an einem öffentlichen Raum, dessen Möblierung nie älter als 70 Jahre ist und im wesentlichen sowieso aus Buden, Provisorien besteht. Nur wieso eine (hier in L.A. ja nolens volens gegebene) Verengung auf das Hier und Jetzt DiskursPLURALITÄT reflektieren soll, lieber Thoams, mußt Du mir bei Gelegenheit erklären. Da scheint mir Dein Argument vage: Ja, ich genösse meine Zeit hier mehr, hätte ich auch Zugang zu den Büchern (oder Comics) der Zeitgenossen; ich verfluche den alten MAC, der mich nicht ins Netz lässt. Ich lechze nach einer Folge Verbotene Liebe. Aber wir wünschen uns doch wohl nicht die Tilgung alles Vorangegangenen? Also NUR Verbotene Liebe und Pynchon und Goetz? Jeder Kanon ist unterkomplex – ein völlig amnesischer erst recht. Und ein bisserl hierarchisierbares (und archivierbares) Wissen macht das Gespräch miteinander schon ergiebiger: Neulich hat mich ein durchaus nicht unterbelichtet wirkender Zeitgenosse gefragt, was ich so arbeite; Ich: 'I write novels!' Er: 'Great! So you do the whole thing, with music and everything?' Ich: 'No, just the words – novels are made of words,' Er: 'Oh, I see, so the music and stuff is added later!' Da greift man doch gern mal wieder zu einem analogen Stinkstaub. Und findet darin außer den dann ja doch oft erstaunlich frischen Worten der Alten überall noch die Lesezeichen und Exzerptzettel Feuchtwangers. Und gesteht sich ein, daß die eigenen Sehnsüchte ja eben nicht nur von Bonanza, sondern auch von Robinson Crusoe und der Odyssee gespeist wurden ...
Weil die NULL-Redaktion jedoch beschlossen hat, den ersten L.A. Text "Das Erdbeben" zu titeln, muß all das leider unerwähnt bleiben. Demütig beuge ich mich den höheren irdischen Gewalten und zu den süßen Scheinfrüchten gewißer Nachtschattengewächse hinab: Die Erdbeeren kamen aus Kalifornien, waren reichlich erdbeergroß, ziemlich rot – und kosteten im Supermarkt keinen Dollar. Pro Stück! Was ich aber erst bemerkte, als der eingeschweisste six-pack schon bezahlt war. "No refund on used flowers" sah ich einst nicht ohne Einsicht in einem Blumenladen in New York, aber dass man im Mutterland der Dienstleistungsmentalität nicht einmal sechs erkennbar unbenutzte Langstielerdbeeren gegen zwei nette Hormonsteaks tauschen kann ...
... versteht so recht nicht yours truly Dscho-akiem