Das Erdbeben
Joachim Helfer
 

 

 

13.9.1999


 

 

Das Erdbeben hab ich glatt verschlafen – lang lebe der Cabernet Sauvignon aus dem Nappa Valley ... In der Downtown sollen ja die Bürohochhäuser gewackelt haben; aber weil da eher noch weniger Menschen wohnen, als in der Mohave, wo das Epizentrum war, dürfte auch da niemand aus dem Bett gefallen sein. Sieben komma irgendwas auf der Richterskala sind nicht weniger als neulich in der Türkei. Die Leute hier nennen sowas "Whopper". Etwas näher dran, und es hätte wohl gereicht – allemal für die Villa Aurora, die auch ohne Beben genug Setzungsrisse im Mauerwerk hat. Ist eben viel auf Sand gebaut hier. Also Erdbeben war nichts. Aber Feuer! Neulich den ganzen Tag lang diese geilen amerikanischen Sirenen (Hi, Julia!): Jie-hau-hlllllll.....Jie-hau-hlllllll bis zur nächsten Kreuzung, dort Registerwechsel, sehr effektvoll: TrröeTrröe!! Presslufthupe zum Aufwecken der notorisch schläfrigen kalifornischen Motoristen. Könnte man auch bei uns gebrauchen, in gewissen Lagen, Fragen ... Buschfeuer im Mulholland Canyon, keine fünf Kilometer von hier; Dauereinsatz der gelbroten Fliegerstaffel, knapp über Kopf zum Brandherd, Wasser marsch, im Uhrzeigersinn zurück zum Pazifik, wassern und volltanken im Durchstarten, und retour – 1A Flugshow. Haben bestimmt alle im Golf auf Nimitz und Enterprise gelernt ... Dank des großartigen Conversions-Beispiels blieb Feuchtwangers Villa samt ihren dreißigtausend Büchern und zwei (am Griff nicht isolierten ...) Teflonpfannen auch vom Verbranntwerden verschont. Apropos Teflon: Nach Deutschland rund um die Uhr 13 Cent die Minute, ist billiger als Hamburg-München. Billig sind des weiteren Wein und Benzin. Alles andere ist geradezu lächerlich teuer. Trotz fast keiner Steuer auf nichts – was im übrigen zum Bleistift (rot) dazu führt, daß die Straßen in beinahe unbefahrbarem Zustand sind. Merke: Die Nationalökonomie kennt nur die Wahl zwischen Steuer zahlen und Steuer verreißen. Die Globalisierungspropaganda gegen den europäischen Sozialstaat übersetzt sich für die Masse der Amerikaner so: Doppelte Arbeit für die halbe Kaufkraft. Na Klasse ... Aber wir Stipendiaten, fellows genannt, gehören ja zu den Privilegierten: Und so sitze ich denn in Lions Arbeitszimmer, keine Löwengrube, sondern ein Turm mit Aussicht nach allen Seiten, gucke auf den aus der Entfernung tatsächlich friedlich wirkenden Pazifik, und beobachte die Kolibris, die von den Eukalyptusblüten trinken. Und die Schmetterlinge, groß genug, um Kolibris von den besten Blumen zu verjagen, oder um minutenlang im Aufwind der Küstenkordillere zu segeln wie die, na, dingsbums, Südamerika, die großen Greifvögel, fällt mir jetzt nicht ein. Frage am ersten Tag: Und wie ist die Bibliothek erschlossen? Antwort: Gar nicht. Macht aber Spaß. Hier ein Marcuse mit persönlicher Widmung, dort die Lebenserinnerungen des Fürsten Metternich in französischer Sprache in zwölf Bänden. Muß ich gleich anfangen ....

Also auf bald, take care, yours truly, Joachim.