Goethe und ich ...
Joachim Helfer
 

 

 

13.9.1999


 

 

Die Farbe ist schwarz oder braun bis hin zum Ockergelb.
Der Glanz ist nur bei Einzelkristallen halbmetallisch seidig,
meist aber samtartig matt;
daher der alte bergmännische Name Samtblende oder Samteisenerz.
Gegen das Licht gehalten ist es undurchsichtig.
Reibt man es auf einer unlasierten weißen Porzellanscheibe,
so ist der Abrieb, Strich genannt, typischerweise dunkelgelb bis braun.
Das spezifische Gewicht einer Substanz
konnte zu seiner Zeit bei unreinen Proben bloß grob geschätzt werden.
Die physikalische Härte ist mit 5 – 5,5 mittel, sie entspricht zum Vergleich fünf Siebteln der Härte von Quarz oder der Hälfte der Härte von Diamant. Die physikalische Dichte ist mit 3,3 – 4,3 eher gering.
Daraus folgt eine gute Spaltbarkeit. Der Bruch ist faserig und spröde.
Als Opi starb war ich 12. Weil mein Regal von gewichtigeren Dingen als Büchern überquoll, entschied ich mich nur für zwei Erinnerungsstücke:
Die Gedichte von Trakl, die ich liebte, die von Goethe, weil es sich so seltsam erwachsen anfühlte, sie in einer eigenen Ausgabe zu besitzen.
Rasch wandte ich mich wieder der Hauptsache zu:
Das Mineral gehört dem rhombischen Kristallsystem an.
Die seltenen Einzelkristalle sind haarartig nadelig,
daher der alte bergmännische Name Nadeleisenerz.
Gewöhnlich bildet es jedoch Aggregate aus unzähligen Einzelkristallen;
sie können strahlig oder faserig sein.
Zumeist allerdings ist die Ausbildung derb, körnig, erdig, nierig, kugelig und glaskopfartig, daher der alte bergmännische Name Brauner Glaskopf.
Das Mineral kommt in den Kristallisationszonen von Erzgängen vor. Typische Begleitmineralien sind Haematit, wörtlich übersetzt Blutstein, Pyrit, was Feuerstein heißen müßte, wenn damit nicht bereits der gemeine Flint, also kryptokristalliner Quarz bezeichnet wäre, des weiteren Galenit sowie mikrokristaliner, häufig auch kristalliner Quarz.
Ähnliche Mineralien sind Manganit und Haematit. Chemisch identisch,
jedoch physikalisch und mithin kristallographisch verschieden,
ist der Lepidokrokit, dessen dünnblättirge Aggregate ihres Rottons wegen landschaftlich Rubinglimmer genannt werden.
Vereinzelt bildet es mit diesem das Gemenge Limonit,
hüttenmänisch Brauneisenerz genannt.
Diese Vorkommen sind sedimentären Ursprungs und können,
so etwa im Siegerland, abbauwürdige Lagerstätten darstellen.
Die chemische Formel lautet Fe_O_ x H_O. Dies entspricht FeO (OH). bzw., zur Abgrenzung gegen den Lepidokrokit Alpha FeO (OH).
Es handelt sich also um ein Eisenhydroxid, wenn man so will eine Art Rost.
Durch Ausfällen von Eisen(III)Hydroxid in 2n Natronlauge
mit überhitztem Wasserdampf läßt er sich auch im Labor erzeugen.
Einige Monate später las ich auf einem märzlichen Weinberg an der Nahe eine geschlossene, von Frost und Pflug unversehrte Achatmandel auf.
Im nahen Idar-Oberstein mit der Trennscheibe geöffnet,
erwies sich die Mandel als Druse: Das heißt, das sich im Zentrum der bunten Achatbänder ein Hohlraum befand. Er war mit klarem kristallinen Quarz, sogenanntem Bergkristall, ausgekleidet. Das kommt vor.
In diesem selten Glücksfall aber saß auf einem der farblosen Kristalle
noch eine dunkle, offenbar einem anderen System angehörende Kristallnadel von seidig-halbmetallischem Glanz auf.
Von diesem Höhepunkt an
begannen sich die Prioritäten im Regal ganz allmählich zu verschieben.
Das Mineral Goethit, in der Literatur vereinzelt auch Alpha-Goethit,
trägt seinen wissenschaftlichen Namen nach dem deutschen Dichter
und Naturforscher Johann Wolfgang von Goethe.
Während eines Kuraufenthalts in Marienbad betrieb er
– neben allerlei anderem – auch erdkundliche Studien.
Unter dem Material,
das er sich aus den nahegelegen böhmischen Erzgruben bringen ließ, befanden sich auch Proben eines merkwürdig vielgestaltigen Minerals,
das er im Folgenden als erster wissenschaftlich beschrieb.
Unter den rund 2000 häufigsten Mineralien der Erdkruste
ist nur eines nach einem Dichter benannt. .