Lieber Thomas Meinecke,
Joachim Helfer

 

 

 

25.5.1999


 

 

ich hätte allerdings gehofft, daß ein sich selbst dem linken Spektrum Zurechnender den Satz "Wo Recht zu Unrecht wird..." mit "wird Widerstand zur Pflicht!" ergänzt. Ich halte die jugoslawische Völkerrechtsauslegung, die Du Dir leider zu eigen machst, nachdem die staatliche Souveränität und die Unverletzlichkeit der Grenzen einen Freibrief zumindest für die Brandschatzung und Vertreibung, wenn nicht gar Ermordung eines nach völkisch/rassischen Merkmalen mißliebigen Teils des eigenen Staatsvolks beinhaltet, für ein klassisches Beispiel dieses Umschlags von Recht in legalistisch bemänteltes Unrecht; und mithin für einen Fall, der Widerstand nicht nur, als Notwehr, legitimiert, sondern, als Nothilfe, sogar moralisch verpflichtend gebietet. Um es mit einer unserer zivilen Alltagserfahrung faßlichen Analogie zu illustrieren: Wenn einer, der das Pech hat, die falsche Hautfarbe zu haben, in der U-Bahn von Skinheads überfallen wird, so darf er sich mit allen geeigneten und angemessenen Mitteln wehren; keinesfalls können die Angreifer ihn hinterher wegen Körperverletzung beklagen, wenn auch sie dabei zu Schaden kommen. Wenn Du aber Zeuge dieses Vorfalls wirst, so darfst Du nicht nur, nein Du mußt dem Angegriffenen mit allen Dir zumutbaren und der Situation angemessenen Handlungen beispringen; tätest Du es nicht, schautest Du in die andere Richtung, machtest Du Dich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit (= die staatliche Souveränität und die Unverletzlichkeit der Grenzen) sind nicht absolut und begründen keinesfalls das Recht auf Schutz vor angemessenen Maßnahmen der Notwehr und Nothilfe.

Du möchtest wissen, warum ich Dich als Barbar bezeichne, da Du doch als einziger auf NULL leidenschaftlich gegen den momentanen Jugoslawien-Krieg eintretest. Zunächst: Ich habe nicht geschrieben, Meinecke ist ein Barbar, sondern Meinecke spricht als Barbar; seine Argumente in dieser Sache, die in diesem Punkt eingenommene Haltung sind barbarisch; die Nuance verweist auf meine Hoffnung in Deine Fähigkeit, einen Irrtum zu erkennen. Allerdings hätte ich mich, hätte ich zuerst Dein Pamphlet ‚Gute Nachricht’ gelesen, wohl weniger differenziert ausgedrückt. Wer die Verschleppung eines Reporters, auch eines, der eben vom Krieg berichtet, als gute Nachricht feiert, ist wohl tatsächlich ein Barbar. Jedenfalls stellt er sich gegen die sittlichen Normen der zivilisierten Welt (von der Solidarität unter Publizierenden, wie sie z.B. der PEN-Club mit seiner Writers-in-Prison-Arbeit vertritt einmal ganz abgesehen...) und befindet sich, jenseits der von Krausser zwischen Deinen Zeilen gelesenen Latenz, bereits mitten in der totalitären Praxis.

Aber zur Sache selbst: Es ist eine groteske Anmaßung zu behaupten, Du trätest als Einziger gegen den Jugoslawienkrieg ein. Es unterstellt denen, die das NATO-Eingreifen anders bewerten als Du, sie träten für den Krieg ein, oder er ließe sie zumindest kalt. Ich wage zu behaupten, daß alle NULL-Autoren und überhaupt alle Menschen in Deutschland und der Welt gegen diesen Krieg sind, ihn verabscheuen und ihn so schnell wie möglich beendet sehen wollen. Du trittst nicht gegen den Krieg ein, sondern gegen das Eingreifen der NATO in diesen Krieg. Der Krieg auf dem Balkan dauert nicht seit acht Wochen, sondern seit neun Jahren. Du schreibst, Du werdest nie verstehen, was ich an Deinen Positionen ekelhaft finde und versteigst Dich im selben Atemzug zu der Behauptung "Ich bin gegen den Krieg. Und Du bist eben nicht gegen den Krieg." Das ist so unterirdisch gemein und demagogisch und selbstgerecht, daß ich die größte Mühe habe, diesen Kommunikationsversuch nicht abzubrechen...

Ich habe auch an keiner Stelle geschrieben, wie Du behauptest, daß Dir aus meiner Sicht jede weitere Kritik verboten sei; kannst Du denn wirklich nur in totalitären Kategorien denken? Nicht um Verbote geht es, sondern um Argumente. Landesverrat habe und hätte ich Dir im Traum nicht vorgeworfen. Sondern den Verrat an den Forderungen der UN-Charta, die Forderungen der Vernunft, der Aufklärung und des simplen Anstands sind.
Du hast keinen Anti-Kriegs-Text geschrieben. Ein ehrlicher, radikal pazifistischer Antikriegstext würde die von Milosevic-Serbien ausgehende Aggression, den bewiesenen Angriffskrieg gegen Kroatien und Bosnien, die bewiesenen Kriegsverbrechen aller Kriegsparteien, den bewiesenen Völkermord in Bosnien, die bewiesenen Deportationen im Kosovo etc, nach der Zahl und Schwere der Gewaltakte würdigen. Er könnte dann, in der Coda, auch den NATO-Einsatz als untauglich und unangemessen verwerfen. Ein solcher pazifistischer Text würde meinen Widerspruch herausfordern, aber nicht meinen Abscheu. Ich brächte ihm im Gegenteil jeden Respekt entgegen. Was Du geschrieben hast, ist eine aggressive Anti-NATO-Hetze. Weil dieses Land zum Glück nicht von Leuten wie Dir regiert wird, steht Dir diese Hetze selbstverständlich frei; nur verschone uns bitte mit der Pose des Pazifisten. Nicht Liebe zum Frieden spricht aus Deinen Zeilen, sondern Lust an Verschwörungstheorien und brutalster Demagogie. Kleine Kotzprobe gefällig?

"Allein die in diesen Tagen oft zu hörende (und leider auch von Dir leichtfertig verbreitete) Einschätzung, daß ausgerechnet die Deutschen, mit ihrer speziell verbrecherischen, alles in den Schatten stellenden Vergangenheit, sich hier ("in besonderer Verpflichtung") gewaltsam einzumischen hätten ist absurd und kann letztlich nur so gelesen werden, daß wir uns unseres dreckigen historischen Ballasts durch die blutige Niederwerfung des (auch von mir nicht geschätzten, doch immerhin gewählten) jugoslawischen Staatsoberhauptes (der wievielte "Hitler" seit 1989 soll er eigentlich sein?) und seiner (souveränen) Bundesrepublik (beziehungsweise, wie Du schreibst: es muß leider gesagt werden, seines Volkes") endgültig entledigen könnten. (Damit hätten wir dann Hitler endgültig selbst getötet.)" Zitatende.

"Kann letztlich nur so gelesen werden": da liegt Dein Problem, lieber Kollege. Du kannst offenbar nicht lesen. Lesen heißt, etwas erfahren zu wollen, sich, die eigenen Ansichten, Vorstellungen, Urteile dem Anprall neuer Sichtweisen und Informationen aussetzen. Du dagegen liest nicht, Du "liest letztlich", daß heißt, Du liest in Texte hinein und aus Texten heraus, was Du lesen willst; nämlich Beweise Deiner unverrückbaren Vorurteile, Verschwörungstheorien und Ressentiments. Da wird dann aus meinem Satz "Krieg ist auf dem Balkan, seit Milosevic versucht, seinen (und, es muß leider gesagt werden, seines Volkes) Traum von Großserbien auf Teufel komm raus zu verwirklichen" die Aussage, wir Deutsche könnten uns unserer Schuld durch die blutige Niederwerfung des jugoslawischen Volkes entledigen. Oder aus meinem Hinweis, daß dort nicht Deutschland und Amerika, sondern die ganze westliche Welt einschließlich des orthodoxen Griechenland und des slawischen Polen kämpfen, wird bei Meinecke: "Die von Dir feierlich beschworene einhellige Kriegsbegeisterung "der gesamten westlichen Welt einschließlich des orthodoxen Griechenland"". Kriegsbegeisterung! Obwohl ich im selben Text schreibe: "Die Erfahrung, an der Schwelle zum Jahr 2000 um der Menschlichkeit, des Friedens und der Freiheit willen noch einmal zum Mittel militärischer Gewalt greifen zu müssen, ist für ganz Europa traumatisch." Ich schreibe traumatisch – und Du liest Begeisterung.

Diese Lese- und Argumentationstechnik ist nun aber keine Errungenschaft des Autors Meinecke; sie ist vielmehr altbekannt, systematisches Merkmal und sicheres Erkennungszeichen aller geschlossenen, totalitären Gedankengebäude. Wobei es mir am Ende des totalitären Jahrhunderts eigentlich zuwider ist und sinnlos erscheint, über die "Couleur", wie Du das nennst, dieses, Deines Wahnsystems zu spekulieren. (Nicht, daß ich Dir diesbezüglich Rechenschaft schuldete, aber weil Du Nebensachen in Klammern zu schätzen scheinst und Dir schon die Mühe machst, über "selbst Deiner politischen Couleur" zu spekulieren: Ich bin seit meinem sechzehnten Geburtstag Mitglied der SPD. Und die Nachfolgepartei der Leute, die den Einmarsch in Ungarn begrüßt und mitgetragen, zur Niederschlagung des Prager Frühlings sogar selbst Panzer geschickt haben, wäre für mich in der Tat selbst dann indiskutabel, wenn mein Vater als junger Sozialdemokrat nicht fast neun Jahre in ihrem Politknast Bautzen gesessen hätte...) Da Du nur die Sprache der Demagogie zu verstehen scheinst: Du kritisierst die Deckungsgleichheit meiner Argumente mit denen der NATO; nun, Deine Forderungen in dieser Sache sind deckungsgleich mit denen von NPD und DVU. "Dem linken Spektrum verpflichtet" – da sei Dir mal nicht zu sicher.