Solothurn, Kosovo. Ein Protokoll
Joachim Helfer

 

 

 

25.5.1999


 

 

Montagmorgen, der Nachtzug aus Basel rollt durch Sottrum bei Bremen, Solothurn ist schon wieder weit weg und wäre soweit gut überstanden – der Balkankrieg nicht. Literaturtage. Mangels Fernseher zum ersten Mal seit Wochen nicht Mittag für Mittag Pressekonferenzen geschaut, nicht den vor redlicher Empörung überhaupt nicht mehr blassen Rudolf Scharping, nicht den blasiert süffisanten Jamie Shea im NATO-Hauptquartier. Keine Bilder von Präzisionstreffern; keine verdrucksten Entschuldigungen für unentschuldbare ‚Streuschäden‘ bis nach Sofia und Peking ... Keine angelsächsischen Flapsigkeiten über einen Job, der zwar getan werden muß, aber dennoch abscheulich bleibt. Ach, tat das gut! Die Schweiz. Neutral, fern des Weltgeschehens, zivilisiert und behaglich. Hätte so bleiben können, for a change ... Hätte es so bleiben können? Freitagabend dann doch Programmergänzung aus gegebenem Anlass: Nachtgespräch zum Kosovokrieg. Wer will was sagen? Vielleicht Kathrin Schmidt zu Beginn? Doch lieber nicht. Politycki? Kopetzky? Sitzen erkennbar zum Erst-mal-Zuhören-und-Abwarten hier. Ich auch. Der Moderator formuliert hilflose Allgemeinplätze zur allgemeinen Hilflosigkeit. Endlich wagen sich Peter Kurzeck und Zsuzsanna Gahse aufs Eis, berichten ganz Persönliches: Selbst Vertriebenenkind, selbst Angehörige einer ethnischen Minderheit. Böhmen, die Vojvodina: Dort bombardiere die NATO Ungarn, die selbst Angst vor Milosevic haben. Ja. Nicht nur, aber doch. Was folgt daraus? Finalement, Yves Laplace prend la parole – und gibt es, das Wort, die Parole, sobald nicht wieder her. Auf Französisch. Als Schweizer. Und ich begreife, daß die Schweiz viel eher als Deutschland in der gleichen Welt liegt wie der Balkan: Ein "ethnischer Flickenteppich" auch sie – der eben NICHT, als wäre das logisch, sozusagen naturgesetzlich und jedenfalls unvermeidlich mit Blut, sondern allenfalls mit Fleckenschaum getränkt ist. Bosnien könnte bieder und sicher sein wie die Schweiz. Menschen führen Krieg, nicht die Ethnografie. Was sagt nun Laplace, der einen Reisebericht durch Bosnien, sowie letzthin eine Erwiderung auf Handkes Winterreise veröffentlicht hat? Er sagt, daß man sich dem Thema nähern müsse, indem man sich die hinlänglich bekannten und glaubwürdig verbürgten Zahlen und Fakten wirklich vergegenwärtigt. Er zählt sie auf: Über eine Million Tote seit 1991. Darunter 300.000 ermordete Zivilisten. Darunter auch Serben. Ein ehemaliger Botschaftsangehöriger der Schweiz im belagerten Sarajewo bestätigt: Auch Serben verteidigten die Stadt gegen Serben. Auch Serben wurden von Serben erschossen. Über eine Million Vertriebene. Darunter 300.000 von Kroaten vertriebene Serben. Laplace nennt die Orte: Karlovac. Srebrenica. Sarajewo. Er redet lange. Von einem Krieg, der eben nicht vor sechs Wochen, sondern vor neun Jahren begann. Er redet, nein, er argumentiert klar und sachlich. Als er aufhört, melden sich nach und nach Etliche zu Wort, teils Zuhörer, teils Autoren – und keiner greift eines seiner Argumente auf, und wäre es, um es zu entkräften, ihm zu widersprechen. Millionen geschundener Menschen verschwinden im Gerede über die eigene Befindlichkeit. Es ist, als hätte jemand das Licht im Saal gedämpft: Die Sprache der Aufklärung und der Vernunft weicht germanischem Geraune; private Schuldkomplexe und Schimären utopischer Erlösungsträume als Schemen im Zwielicht. So gesehen, in dieser Beleuchtung, kann jeder so tun, als hätte er keinen blassen Schimmer. In diesem schummrigen Halbdunkel sind alle Katzen grau: Auch Kroaten, Bosnier, Albaner nicht ohne Schuld; Amerika gleich gar nicht; und erst Deutschland ... Wer will da die erste Bombe werfen ...
"Der Krieg" aber, das ist sofort wieder ganz allein der NATO-Einsatz, nicht der rassistische Völkermord in der Nachbarschaft. Mir platzt der Kragen. Vielleicht haben ja manche dem Französischen nicht folgen können; also sage ich das Wesentliche noch einmal auf Deutsch, übersetze quasi. Der erste Zuhörer verläßt unter Protest den Raum: Er sei nicht gekommen, um sich NATO-Propaganda anzuhören. Von Schriftstellern erwarte er ein anderes NIVEAU! Leider gibt er mir nicht die Chance, ihm zu antworten: Auschwitz ist nicht von russischen Dichtern, sondern von russischen Truppen befreit worden, Bodentruppen, bewaffnet mit amerikanischen Kanonen, auf dem Boden der Tatsachen, wie sie Wehrmacht und Waffen-SS zuvor geschaffen hatten – und damit dem äußeren Anschein nach eben auch auf dem Niveau des von Deutschland begonnen Krieges, mit den einzig geeigneten Mitteln, nämlich den steinzeitlichen bewaffneter Gewalt.
Die Sehnsucht nach dem höheren Niveau der Dichter, gar der Dünkel, dieses selbst zu besitzen, ist die Sehnsucht nach einer anderen, als der gegebenen Wirklichkeit. Wir lesen und schreiben aus dieser Sehnsucht heraus, sie bringt zuweilen Dichtung hervor, niemals aber verantwortliche Politik. Der Schriftsteller muß fragen, wie es hat dazu kommen können, muß versuchen, Taten und Täter aus ihren jeweiligen Geschichten zu verstehen, das ganze, tief ins Vergangene zurückweisende Geschichte und Geschiebe aus Opfer- und Täterrollen. So, und nur so kann er, vielleicht, Fehlentwicklungen frühzeitig spüren und offenlegen, um der Gesellschaft die Gelegenheit zur Umkehr zu geben – ja doch, lieber Steffen Kopetzky, verehrte Zsuzsanna Gahse, hochgeschätzte Herren Kollegen Kurzeck und Politycki. Gewiß. Gewiß. In einem guten Drama haben alle Figuren recht. Der Balkankrieg aber ist kein gutes Drama, sondern ein Schurkenstück von der miesesten Sorte, in dem wenigstens einer ganz eindeutig unrecht hat und Unrecht tut. Politiker müssen handeln, jetzt und hier. Wenn sich Dichter an einer politischen Debatte beteiligen, müssen sie politische Argumente verwenden. Nichts gefährlicher, als die Ästhetisierung der Politik. "Wollt ihr mich oder eure Träume?" hat Joschka Fischer die pazifistischen Prügelkommandos auf dem Parteitag gefragt. Als ich es eine perverse Volte der Geschichte nenne, daß wir Deutsche, gerade weil wir die Lehren aus unserer Geschichte gezogen haben, diesen NATO-Einsatz gegen ein Land mittragen müssen, daß unendlich unter dem Überfall durch frühere Deutsche gelitten hat, verläßt auch Thorsten Ahrend, mein Lektor, den Raum. Das Gespräch versandet, nicht aus Einigkeit scheint mir, sondern aus dem Unwillen oder der Unfähigkeit vieler Anwesenden, statt Gefühlsbekundungen Argumente auszutauschen. Bald läuft alles erschöpft auseinander. Beim Wein im Gasthaus Kreuz sitze ich zum ersten Mal allein, ein Berliner Freund gratuliert mir zu meiner ‚lasergesteuerten Präzisionsrhetorik‘. Sag doch gleich ‚Leser-gesteuert‘ flachse ich fleißig zurück. HaHa. Könnte kotzen...

Ich träume schlecht, sehe immer wieder Thorsten Ahrends breites Kreuz ... ‚Man schmeißt keine Bomben!" – wenigstens redet er am nächsten Tag mit mir. Wir sind uns schnell einig, daß Gespräche wie das gestrige vor allem der Psychotherapie der Teilnehmer dienen, weil die Argumente ja allesamt bekannt sein. Dringen über diese Meta-Betrachtung dann zur Abwechslung doch einmal zu eben diesen Argumenten vor. Die Rolle der UNO: Ich sage Srebrenica und merke, daß er es verdrängt hat – denn gelesen wird es ja haben: Niederländische UN-Schutztruppen einer UN-Schutzzone für Bosnische Zivilisten: von Serben entwaffnet, dann an Bäume gekettet und gezwungen, dem folgenden Gemetzel an den ihnen Anvertrauten auch noch zuzusehen. Die historische Rolle der USA: Für ihn offenbar vor allem Vietnam, für mich trotzdem vor allem die Landung in der Normandie. Meiner Logik nach hätte ich dann ja auch den Einmarsch der Vietnamesen in Kambodscha zur Beendigung des Terrors der Roten Khmer begrüßen müssen? Genau das habe ich damals getan. Und warum ich dann nicht auch für robusteren Druck etwa auf die Türken wegen der Unterdrückung der Kurden sei? Aber genau dafür bin ich seit jeher – und nun? Schlägt er also die Bombardierung Ankaras vor? Muß ich denn gleich polemisch werden... Aber nein, ich habe nicht vor zu leugnen, daß die USA im kalten Krieg eine Schweinerei nach der anderen begangen haben; bin im linken Frankfurt der Siebziger auch mit Chilenischen Emigranten aufgewachsen. Was einen so prägt...: Spät, zu spät fällt mir ein, daß er mit einer Vietnamesin lebt, ich dagegen mit einem Sohn deutsch-jüdischer Emigranten. Würden wir umgekehrt argumentieren, wenn es umgekehrt wäre? Aber ist nicht eben dies das Obszöne an der lauen Reaktion vieler deutscher Autoren: Die berufsbedingte Neigung, persönliche Motive verstehen zu wollen, alles erklären, alles entschuldigen zu wollen (das heiß alles, bis auf das Tun der eigenen Regierung, die man sich so tatenarm und gedankenschwer wünscht, wie man selbst ist...), kann doch nicht zur völligen Verweigerung des abstrakten Denkens im politischen Diskurs führen. Was aber sonst kann es bedeuten, wenn gesagt und geschrieben wird, man (oder frau) wolle sich keiner Seite zuschlagen lassen, keiner Ethnie? Doch wohl, daß man zu wissen glaubt, die NATO habe ihr Herz für die Kosovo-Albaner entdeckt, kämpfe also statt für Prinzipien für Interessen – da es für einmal ganz bestimmt kein Öl gibt, vielleicht um den leckeren Amselfelder? Dort wird ein rassistischer Krieg gegen ein ganzes Volk geführt, und wir können uns nicht entscheiden, auf wessen Seite wir stehen wollen? Die Deutschen als die besseren Schweizer: Nicht nur politisch, sondern auch im moralischen Urteil neutral? Man muß doch auch die SS verstehen?? Peter Handke hat zweifellos recht, wenn er auf sein Besserwissen über die Serben, ihre Mentalität, Geschichte, Kultur verweist; allein – was beweist es? So wenig ich über Serbien weiß, ist es doch ein Vielfaches dessen, was ich über Albaner, gar Kosovo-Albaner weiß. Ich kann nicht einmal behaupten, daß sie mich besonders interessierten; sie sind mir, die Wahrheit zu sagen, ziemlich gleichgültig. NICHT gleichgültig ist mir dagegen die Frage, ob es in Europa an der Schwelle zum 21.Jahrhundert möglich ist, ungestraft ein ganzes Volk auszurotten oder zu deportieren. Jeder Mord, auch jeder Völkermord hat seine tieferen Ursachen und aufzudeckenden Gründe – und es gehört zum Job der Dichter und Denker, diese aufzudecken. Das ist ja der Skandal an Handkes maßloser Einäugigkeit: nicht das Leugnen der serbischen Verbrechen, die nicht in sein Serbienbild passen, nicht die Haßtiraden gegen die westliche Presse oder gar der Firlefanz um irgendeinen Flitter, den er sich hat oder doch nicht hat umhängen lassen. Der Skandal ist, daß wir einen Handke in der hoffentlich nahen Zukunft nach Krieg und Milosevic gebraucht hätten, um Brücken zu den Serben zu bauen, ihnen die Hand zu reichen, sie ins europäische Haus zu holen; daß er sich durch die fahrlässige Beschädigung seiner Integrität untauglich für diese wichtige Aufgabe macht. Der Job der Politiker ist es, der aktuellen Herausforderung durch einen rassistischen Kriegsherrn zu begegnen – der Politiker wohlgemerkt, nicht der Militärs, die sind in Demokratien bloße Werkzeuge der gewählten Vertreter des herrschenden Volkes. Und selbst wenn der Völkermord sich auch mit militärischen Mitteln nicht verhindern und beenden läßt, ist es in Abwesenheit einer funktionierenden, also von allen potentiellen Nachahmungstätern zu fürchtenden Weltgerichtsbarkeit trotzdem richtig und wichtig, ihn hart zu bestrafen, um ihn wenigstens teuer zu machen. Und natürlich trifft man dabei fast immer die Falschen, Thorsten, ja doch, leider. Wir Deutsche wissen, was Luftangriffe sind, das Gesicht unserer Städte, unsere Eltern und Großeltern erzählen es uns. Aber eine funktionierende, wirklich wasserdichte ‚Wirtschaftsblockade‘ (nichts, als ein politisch korrekter Euphemismus für das mittelalterliche Aushungern, hier nur eben nicht einer Stadt, sondern gleich eines ganzen Landes...) trifft noch viel mehr von diesen Falschen. Im Übrigen: Mir tun die serbischen Rekruten im Kosovo genauso leid, wie ihre Eltern in Belgrad. Auch sie sind, selbst, gerade dann, wenn sie zu Tätern wurden, auch Opfer, Verführte, Verhetzte. Ich trauere um sie. Aber ich will sie nicht gewähren lassen. Thorsten will sie um keinen Preis bombardiert wissen, auch nicht um den, hilfloser Zeuge eines Völkermords zu werden. Ich glaube ihn zu verstehen. Wenn sie offen ausgesprochen wird, kann ich diese radikal pazifistische Position respektieren. Aber ich teile sie nicht. Am Abend haben wir wieder zusammengesessen und Rotwein getrunken, keinen Amselfelder zum Glück, einen von dort, aus dem Grenzgebiet zwischen deutsch- und französischsprachiger Schweiz. Wer sich vorstellen kann, daß in Sarajewo Olympische Spiele veranstaltet wurden, kann sich auch vorstellen, daß das malerische Solothurn beschossen wird als wäre es das malerische Dubrovnik. Wer Gewaltanwendung selbst bei Notwehr, ja selbst bei Nothilfe für falsch hält, soll das offen sagen. Nicht wie Muschg am letzten Tag das Verbrechen verniedlichen, gegen das man nicht mit Gewalt vorgehen will: Zum Kosovokrieg falle ihm nur die Geschichte vom Griechischen Ambulanzfahrer ein, der mit Blaulicht in ein vollbesetztes Café rase, und dann, um die Herauslaufenden von der Unvermeidlichkeit der Tragödie zu überzeugen, gleich auch noch ins nächste, wo er abermals Etliche töte. Eine schöne Geschichte, aber ein fahrlässig schiefes Bild; im Zahlenverhältnis (Die ungewisse Rettung eines Schwerverletzten in der Ambulanz gegen den sicheren Tod etlicher Unbeteiligter in den Cafés) stellt es die gesicherten Erkenntnisse der UNO auf den Kopf. Auf jeden von NATO-Bomben getöteten Zivilisten kommen mindestens 100 von Serben Ermordete. Der Zug rollt durch die Nachkriegsviertel um den Hamburger Hafen. Wer sich vorstellen kann, wozu Menschen fähig sind, muß hoffen, daß sie daran gehindert werden. Und wenn es Russen und Chinesen nicht paßt, daß sich die NATO zum Weltpolizisten aufschwingt, dann sollen sie gefälligst mithelfen dabei; der Job ist schwer genug.