Aus dem Leben ...
Joachim Helfer
 

 

 

26.4.1999


 

 

An der Sonne schien es mir für Anfang März zu warm zu sein, und Mario hatte auf dem Heimweg von der Schule außer den Scheinwerfern eines über Nacht ohne Kennzeichen an den Straßenrand gestellten Wartburgs auch ein paar Schneeglöckchen zertreten, aber daß mich mein Vater mit der Ankündigung begrüßte, er wolle mit mir zum Baden fahren, war trotz allem übertrieben ...
Bei Tagesanbruch hatte er sein Rad aus dem Schuppen geholt und es zwischen den neuen Autos der Nachbarn auf den Sattel gestellt; jetzt waren Kette, Ritzel, Naben geölt und die Speichen der alten Mühle blitzblank geschmirgelt, und wenn er das Hinterrad sirrend auf Hochtouren brachte, tanzten die Frühlingsstrahlen darin. Mir wurde kalt ums Herz, als ich ihn so sah: In der gleichen hellblauen Jacke, in der er früher morgens als erster aus dem Haus gegangen und oft erst spätabends vom Dienst heimgekommen war, die nun aber verschmiert und ausgebeult an ihm herabhing. Eine Kindheit lang hätte ich es genossen, ihm beim Werkeln zuzusehen, wenn er einmal Zeit für mich gehabt hätte, die ewige Sonntagnachmittagsgemütlichkeit jedoch, die er seit Monaten Tag für Tag zelebrierte, fand ich längst nicht mehr lustig. Also maulte ich etwas von "Mathe lernen" und setzte, da meine Laune schon die nächste Wende nahm, fröhlich hinzu: "Falls du inzwischen den Überblick verloren hast, heute ist Montag und nächstes Jahr um diese Zeit mache ich Abi!"
Da richtete sich mein armer Vater auf und schlug mir, was er noch nie getan hatte, mit der Hand ins Gesicht, daß mein Kopf nur so davonflog und gegen ein Garagentor krachte und dann brauste und rauschte, als kreiste eine Kette einander speisender Wasserfälle darin. Als der Schwindel sich nach einer Weile setzte und ich es wagen konnte, die Augen trockenzuwischen und aufzuschlagen, ihm ins Gesicht zu sehen, mich zu entschuldigen – da war er samt seinem Fahrrad verschwunden, war ich allein mit dem tauben Gefühl auf der Wange, den spottenden Spatzen auf dem Vordach des Wohnblocks und einem Himmel, an dem sich höchstens Kondensstreifen kreuzten, aber nicht die flüchtigste Spur einer Schwalbe war. Ach, hätte mir doch nur die Haut gebrannt, und die Haut nur vor Wut! Ich hätte dem blauen Stahlkasten einen ordentlichen Tritt versetzen, das umherfliegende Werkzeug fluchend aufräumen und dann mit verstauchten Zehen, aber verrauchtem Zorn an meine Hyperbeln humpeln können ...
Was mich jedoch rot werden ließ, weil es tief in mir brannte, und nicht erst seit heute, war Scham! Eine Scham, die gerade deshalb nicht zu löschen war und sich immer weiter vorfraß, weil sie aus keiner anderen Schuld erwuchs als der, jung zu sein: ausgerechnet jetzt jung zu sein, da auch alles um mich herum, ja die ganze Welt neu wurde und entweder auf- oder zusammenbrach; wie sollte sich mein Vater jemals mit einer solchen Ungerechtigkeit versöhnen? So war ich kopflos vor trüben Gedanken aus dem Schatten der Siedlung ins Brachland dahinter gelaufen. Bei der ausgebrannten Baracke hingen wie immer ein paar von den Anderen herum, und im Vorüberhasten glaubte ich, auch Mario zu erkennen, aber mir stand der Sinn nicht nach Diskussionen wie "Eh, ich denk du Streber mußt unbedingt diese scheiß Kurven büffeln – bist du gegen ne Faust gerannt!?" Als hier im Sommer dichtgemacht wurde, konnte es ihm noch egal sein, weil er nachmittags ohnehin nach B. fuhr, übers Wochenende dort blieb, oft auch unter der Woche fehlte, während der Ferien ganz verschwand. Anfangs hatte er versucht, mich zum Mitkommen zu überreden, aber ich hatte ein ungutes Gefühl dabei gehabt, keine Bedenken, eher eine Art von Stolz, und desto trotziger "Keinen Bock!" gesagt, je begeisterter Mario erzählte. Als er im Herbst wieder auftauchte, war er verändert, abgebrüht, verschlossen – und fand die Fenster und Türen zugenagelt, hinter denen wir trinken und tanzen gelernt hatten. Seit Weihnachten trug er diese klobigen schwarzen Schnürstiefel, als der Club in der Silvesternacht abgefackelt wurde, dürfte er schon dabeigewesen sein, und jetzt war er kaum noch auszumachen unter den glänzenden Köpfen derer, die da vor sich hin starrten und mit irgendwelchen Knüppeln, angesengten Billardstöcken oder brandneuen Baseballschlägern im verkohlten Schutt stocherten... Mir war noch, als würde hinter mir hergerufen, aber ich kümmerte mich nicht mehr darum und lief weiter, ohne mich noch einmal umzusehen.

Als ich endlich ins freie Feld hinauskam, fiel eine Last von mir ab, an die ich mich so sehr gewöhnt haben mußte, daß ich sie kaum noch gespürt, oder vielmehr für meine natürliche Schwermut gehalten hatte. Bevor im Röntgenbild meiner Hand zu lesen war, daß ich die nötige Körpergröße nicht erreichen würde, hatte ich ein paar Jahre lang im Volleyball-Kader gestanden, wo wir genau wie die Großen mit Bleiwesten trainierten; erleichtert, befreit, erfüllt vom Hochgefühl, fliegen zu können, waren wir im Wettkampf zuverlässig über uns hinaus gewachsen... Hier aber war weit und breit kein Netz aufgespannt, nur direkt über mir eine Hochspannungsleitung; dies war kein Spiel! Jauchzend sprang ich auf die neben der Straße brusthoch aufgeständerten Fernwärmerohre, breitete die Arme aus und flog mit hellem Freudengeheul über das stumpf schimmernde Aluminium-Kleid der Dämmschicht, die das Prasseln meiner Schritte schluckte. Als mir aber nach einer Weile die Luft ausging und ich langsamer wurde, weil ich Seitenstechen bekam – da hörte ich plötzlich hinter mir Lachen. Ein komischer, flach auf den Boden geduckter Wagen, die Schnauze halb Haifisch, halb Pantoffel, der mir im Schrittempo folgte und schon wer weiß wie lange hinter mir hergefahren sein mochte, schloß jetzt ganz zu mir auf. Die Scheibe an der Beifahrerseite war heruntergelassen und eine Dame schaute heraus und sprach mich an: "Wir dachten, die Tiefflugübungen über diesem Land wären längst eingestellt! Wüßtest du uns denn vielleicht zu sagen, wo es zu Schloß W. geht?" Schloß Wahnwitz, wie es in der Gegend genannt wurde, war das örtliche Irrenhaus und ich kannte es nur vom Hörensagen, aber die Lust am Alleinsein war mir schon vergangen, und so wie sie das ‚Du‘ betonte, fühlte ich mich nicht nur verpflichtet, sondern auch geehrt, ihr behilflich zu sein. Also rief ich "So ein Zufall! Genau da wollte ich gerade hin!" und sprang aus schieren Übermut mit einem Salto von meinem silbernen Schwebebalken ab. Schon in der Luft kam mir die allzu eilfertige Rolle halsbrecherisch überdreht vor und die Landung auf Knien und Händen fiel sogar noch härter aus als erwartet, weil ich im Vornüberfallen auch mit der Stirn auf den Asphalt kam, aber ich stand gleich wieder auf und versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Nein nein, schwindelte ich, die Hose war auch vorher schon zerrissen, als nun die Fahrerin ausstieg, die ich auf den ersten Blick wegen des gleichen schwarzen Samtbands im gleichen dunkelblonden Haar für die Zwillingsschwester der ersten gehalten hätte, wenn sie nicht so viel jünger gewesen wäre und Bluejeans getragen hätte. Ja ja, alles in Ordnung, nur die Hand wollte ich ihr so blutig nicht geben, aber sie klappte schon den Sitz zurück, ließ mich einsteigen und reichte ein Spitzentüchlein nach hinten. Dann warf sie den Gang ein daß es knirschte und wir schossen mit quietschenden Reifen los. Wie fremd die altvertraute Landschaft mit ihren unabsehbaren Äckern, Wiesen, die sich öfter am Horizont verliefen, als daß sie an Waldränder stießen, aus einem derart tiefliegenden Gefährt aussah! Und dabei verzerrte der flache Blickwinkel sie wohl nur deshalb fast bedrohlich, damit die schiere, gemeingefährliche, gemeinsam als Rausch erfahrene Geschwindigkeit ihre träge Grenzenlosigkeit umso unbedenklicher überwinden konnte! Am liebsten hätte ich geschrien aus lauter Lust, wollte mir vor den Damen aber keine Blöße geben; außerdem mußte ich hinter ihnen, die Hände an ihre Sitzlehnen geklammert, den Kopf bald zwischen ihren Ohren, bald vom nächsten Schlagloch gegen den niedrigen Stoffhimmel geschleudert, meine Streckenanweisungen laut genug durch das Motordröhnen brüllen. Sobald ich sie aber am neuen Kraftwerk vorbei- und um das Sperrgebiet der Freunde herumgelotst hatte, schien die Ältere sich selbst auszukennen. "Ja!" rief sie, "Rechts!" und "Langsam, Kind!", "Ja, genau, natürlich!" und "Die Kirche, mein Gott – Lauritzens Scheune!" Weil ich ungefähr so viel verstand, als hätte sie ins Chinesische gewechselt, und im Moment offenbar weder gemeint war, noch gebraucht wurde, lehnte ich mich zurück – oder streckte mich vielmehr, da mir der Kopf schwirrte und für Beine dort hinten eigentlich kein Platz war, auf den Notsitzen rücklings aus. Wie ich dann aber so durch das Kunststoffenster im Verdeck in den verschrammten Himmel sah, vor den sich jetzt die kahlen Wipfel einer Lindenallee schoben – da mußte ich plötzlich an meinen Vater denken, an unsere Laube im Schatten des Kiefernwalds am nahen See, an den Bootssteg, den wir im Frühjahr hatten ausbessern wollen. So mulmig war mir auf einmal zumute, daß ich "Halt!" rufen wollte, und daß ich auf der Stelle aussteigen und umkehren müsse, als ich aber wirklich den Kopf hob, um mir Gehör zu verschaffen, wurde es finster um mich herum...