Einwände
Ingeborg Harms
 

 

 

14.11.1999


 

 

Thomas hat mich freundlicherweise aufgefordert, meine Einwände gegen die literarische Produktion im Internet noch einmal zusammenzufassen. Erstens hat mich das Format nicht glücklich gemacht. Die Bitte um auf dem Bildschirm lesbare Kurztexte hat meinen Elan gestoppt. Sie schreibt eine Bedingung vor, die mich nicht ins Schreiben kommen läßt, das, um überhaupt in Gang zu kommen, zunächst einmal die Offenheit braucht. Dann hat mich ein Aspekt abgeschreckt, den ich das "Aquarium" genannt habe: Der Null-Autor blinzelt mit stumpfen Augen gegen eine Glasscheibe an, hinter der ihn die ganze Welt inspizieren kann, ohne daß er von den Vorgängen in ihr viel erfährt. Er ist dieser Öffentlichkeit in diffuser Weise ausgeliefert; ich zumindest empfinde sie als latente Aggressivität, der sich der rohe Text in einem frühen Stadium zu stellen hat. Die Konstruktion, Null-Teilnehmer miteinander kommunizieren, sich sozusagen umschwimmen zu lassen, während die anderen zusehen, erzeugte eine unheimliche Halbintimität, die beide Beziehungen, die zu den sich gleichfalls exponierenden Autoren und die zur anonymen Öffentlichkeit, verzerrt hat. Das nächste Abschreckungsmoment des Internets nenne ich den "Jahrmarkt". Trotz seines asketischen Designs ist auch "Null" von einer hektischen Geschäftigkeit, von einem Wirbel aus Bildern, Reizen und Lärm umgeben, gegen den die Konzentration ankämpfen muß. Das Netz war mir sympathischer, als es noch kein Multimedium war. Es ist gewissermaßen vom Fernsehen überwuchert worden und hat sich seine Ästhetik angeeignet. Zuletzt war es das "Gehege", in das "Null" einlud, gegen das sich in mir etwas gesträubt hat. Man befand sich in einem kontrollierten Experiment, alles, was passieren konnte, war im Aufbau schon angelegt, ganz gleich, ob jemand ausstieg, sich befehdete, flirtete, wechselseitig Texte umarbeitete oder kritisierte, Postkarten hineinstellte, handschriftliche Briefe verfaßte, Musik anbot und so weiter, all das blieb einer unvermeidlichen Konditionierung unterworfen. Jedweder Beitrag sagt auch: "Ich schöpfe brav das Medium aus, ich besetze eine unbewohnte Ecke, ich nehme am Gesamtkunstwerk teil." Da das alles schon in Thomas' Einladung zur Teilnahme enthalten war und sozusagen die ausdrückliche Bedingung für das Null-Projekt darstellte, will ich mich keinesfalls beklagen, sondern nur einen verspäteten Erkenntnisprozeß erläutern. Außerdem bin ich überhaupt nicht sicher, ob meine Einwände nicht nur faule Ausreden sind.